„Ich bin kein Erbsenzähler“

Washington..  Unter Ökonomen hat Larry Summers Star-Status. Mit 28 Harvard-Professor, später Chefökonom der Weltbank, US-Finanzminister, in Ehren ergraut und auch schon über 60 Jahre alt. Es gibt Biografien, die sogar einen wie Summers staunen lassen. „Als Wolfgang Schäuble ins Parlament gewählt wurde, kam ich aufs College.“ So stellt er den deutschen Finanzminister dem New Yorker Publikum vor, ein Raunen geht durch die Reihen, Beifall, ungläubiges Kichern. Mit bald 73 Jahren hat Schäuble den Spätherbst seiner Karriere erreicht, der sich wie ein „Indian Summer“ anfühlt, sonnige Zeiten: Daheim eine Autorität, aus Erfahrung gut, international hoch im Ansehen, ein Finanzminister mit dem Prädikat „powerfull“ (Financial Times).

Machtvoll genug, dass der Milliardär Michael Bloomberg ihn mit einem Dutzend Bankern und Fondsmanagern an einen Mittagstisch bringt oder dass in der Columbia-Universität mehrere Nobelpreisträger die Diskussion mit ihm suchen; und sei es nur, um wie Joseph Stiglitz seine Sparpolitik auseinanderzunehmen. Der Minister stößt nicht überall auf Verständnis, nicht nur deshalb, weil es mit seinem Englisch „immer ein Abenteuer ist“ (Schäuble über Schäuble).

Fast vier Tage war der Minister in New York und Washington unterwegs, und wenn man die Reise auf einen Nenner bringen will, dann am ehesten mit dem Satz, den er einer Rede in Washington vorangestellt hat: „Europa erklären, einmal mehr.“ Schäubles Erzählung handelt von kleinen Schritten und von maßvollem, aber nachhaltigem Wachstum, Strukturreformen, vor allem aber von einer Abkehr von der Schuldenpolitik.

Das Echo ist geteilt. Viele US-Ökonomen sehen Europa am Scheideweg und meinen, dass Schäuble den falschen Weg eingeschlagen hat. Nach ihrer Lesart sind nicht die hohen Schulden vieler Euro-Staaten die Ursache der Krise, sondern das geringe Wachstum. Außerhalb der akademischen Welt stößt Schäuble auf mehr Verständnis. Bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben weder der Euro-Raum noch Deutschland im Fokus gestanden, berichtet Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

Die Euro-Zone hat sich seiner Stabilitätspolitik verschrieben. Fast. Denn da ist ja noch dieser Grieche, der ihm selbst in Washington auf Schritt und Tritt folgt, Yanis Varoufakis. Ein „Freund“, sagt Schäuble, pure Ironie, wie so manche Spitze erahnen lässt. Als ein Journalist nach der griechischen Liquidität fragt, erklärt Schäuble: „Ich kann Ihnen sagen, mein griechischer Kollege und Freund gibt gern Interviews. Fragen Sie ihn.“

Zu Griechenlandnichts Neues

Im kleinen Kreis wirkt Schäuble ratlos, zu Griechenland fällt ihm nichts mehr ein. „Es gibt nichts Neues“, wehrt er Fragen ab. Dann lässt er sich doch ein paar Sätze entlocken, die ahnen lassen, wie beunruhigt er ist. „Natürlich ist klar, dass die Sache sich verschlechtert“. Die griechische Regierung müsse sich im Klaren darüber sein, „was sie eigentlich will.“ Schäuble ist nicht isoliert, viele teilen seine rigorose Haltung. Aber er verkörpert mehr als jeder andere die Unnachgiebigkeit. Das hat mit Deutschlands starker Stellung zu tun, mit Schäubles Amtsautorität, auch mit seinem Alter. Schäuble wird nicht von seinem Kurs abrücken, weil er von der Richtigkeit überzeugt ist und weil die Zeit ihm davon läuft, die Sparpolitik ist seine letzte große Aufgabe und das, was man einmal positiv mit ihm verbinden wird. Sein Erbe.

Oft genug war er ein Marschall ohne Fortune. Auf seine alten Tage aber fügt sich alles auf wundersame Weise zusammen: Er hat ein Anliegen – das Ende der Neuverschuldung –, eine Führungsrolle in Europa und auf einmal sogar: Glück. Er hat seine Etatziele nicht mit strenger Ausgabendisziplin erreicht, sondern auch, weil die Zinsen niedrig sind. In gewisser Weise profitiert er von der Krise.

Ein sensibler Punkt, wie Weidmann erleben musste. Arglos bemerkte er vor Journalisten, dass der Minister mit den derzeitigen Zinsen in einer „angenehmen Situation“ sei. „Das ärgert mich“, fuhr ihn der Minister an. Dass die niedrigen Zinsen auch negative Seiten haben, etwa für die private Altersversorgung, weiß er sehr wohl. Schäuble will mehr als ein Kassenwart, ein Sparkommissar sein. „Ich bin nicht nur ein Erbsenzähler.“ Jens Weidmann weiß jetzt Bescheid.