Hoffnung auf Hilfe aus der „Heimat“

Donezk..  Schüsse, Angst und Kälte, der alltägliche Kampf ums Überleben. Anatolij Terlecki, der nahe dem zerstörten Flughafen von Donezk lebt, wird täglich Zeuge von Kämpfen in der Ostukraine. „Auf den Straßen wird geschossen, es ist bitterkalter Winter“, sagt der Vorsitzende der Gesellschaft der Polen in der Ostukraine der polnischen Nachrichtenagentur PAP. „Jeder Tag ist schwierig.“ Er hat Angst, seine Wohnung könne von Granaten getroffen werden oder ein Querschläger könne tragische Folgen haben, wenn seine Frau auf dem Weg zum Lebensmitteleinkauf ist. Doch Terlecki hat eine Hoffnung: die Evakuierung nach Polen. „Wir warten auf die Ausreise“, sagt er.

Der blutige Konflikt in der Ostukraine hat schon mehr als eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Jene, die bisher ausgeharrt haben in Donezk, Lugansk und anderen Orten in der Krisenregion, sind oft zermürbt, wollen nur noch weg. Unter ihnen sind viele Angehörige der ethnischen Minderheiten, die auch auf die Hilfe der Länder hoffen, aus denen ihre Vorfahren stammen – zum Beispiel Polen oder auch Deutschland.

Der ukrainischen Volkszählung von 2001 zufolge leben etwa 33 000 ethnische Deutsche in der Ukraine, davon etwa 3000 auf der Krim. Der deutsche Regierungsbeauftragte Hartmut Koschyk berichtete nach einer Reise in die Ukraine von „großer Unruhe bei der deutschen und anderen Minderheiten“. Er warnte vor möglichen „Panikreaktionen in Form von Ausreiseanträgen“. Deutschland und die EU erwarteten von der ukrainischen Führung ein Bekenntnis, dass alle Minderheiten geschützt seien. Dies hatte die prowestliche Regierung in Kiew mehrfach betont.

Auf Ausreiseanträge will die polnische Regierung nicht warten. Zwar leben die Angehörigen der polnischen Minderheit vorwiegend in der Westukraine, die bis 1939 polnisch war. Doch das Warschauer Außenministerium schickte im Dezember einen Staatssekretär in die Ukraine, um mit dem Konsulat in Charkow eine Liste von Ausreisewilligen in der Ostukraine zu erstellen. Auch die nationalkonservative Opposition fordert, die Polen schnell aus dem Donbass zu bringen. Nach Schätzungen des Konsulats in Charkow leben etwa 400 Menschen polnischer Abstammung dort.

Den Vereinten Nationen zufolge starben bei dem Konflikt zwischen ukrainischen Regierungseinheiten und prorussischen Separatisten seit April bereits mehr als 4700 Menschen – darunter viele Kämpfer, aber auch viele Zivilisten.

„Wir warten auf gepackten Koffern“, zitieren polnische Medien Viktoria Charczenko aus Donezk. Wie viele polnischstämmige Einwohner hat sie ihre Habe verkauft und wartet auf einen Transport nach Polen, der möglicherweise in der kommenden Woche, nach dem orthodoxen Weihnachtsfest, beginnen könnte. Auf der Liste der Ausreisewilligen stehen nach Angaben des polnischen Außenministeriums 205 Menschen – Ukrainer mit polnischen Wurzeln und ihre Familien. 30 Kilogramm Gepäck pro Person dürfen sie mitnehmen aus ihrem alten Leben.

Doch die Zahl jener, die auf eine Zukunft in Polen hoffen, könnte noch höher sein, meint der Pfarrer Nikolai Pilecki, der in Donezk die polnischen Katholiken betreut. „Nicht alle können ihre polnischen Wurzeln nachweisen.“ Andere seien entschlossen, im Donbass das Ende des Konflikts abzuwarten. „Irgendwann muss der Krieg doch enden“, sagt Pilecki. „Wir haben die Hoffnung noch nicht verloren.“

Tschechische Regierung will Massenexodus verhindern

Auf einen Transport in das Land ihrer Vorfahren vertrauen auch Hunderte Ukrainer mit tschechischen Wurzeln und wandten sich mit der dringenden Bitte um Rückführung an die Führung in Prag. Präsident Milos Zeman forderte die Regierung auf, die Anträge zu prüfen. Bereits in den 90er-Jahren hatte der damalige Staatschef Vaclav Havel ein Repatriierungsprogramm in Auftrag gegeben. Rund 30 000 Tschechen hatten sich im 19. Jahrhundert vor allem in Wolhynien im Nordwesten der Ukraine angesiedelt. Der Minderheit sollen noch rund 10 000 Menschen angehören.

Die Prager Regierung will den Menschen allerdings eher helfen, in der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik zu bleiben. „Wir wollen keinen Massenexodus“, so Außenminister Lubomir Zaoralek.