Hillarys zweiter Versuch

Sie wäre die erste Oberbefehlshaberin im Oval Office. Und die erste Frau, die weltweit ihren Gatten im höchsten Staatsamt beerbt. Das sind die leitenden Motive einer Präsidentschaftskandidatur, wie sie Amerika so noch nicht erlebt hat. Hillary Clinton verdient Respekt dafür. Und etwas Beileid zugleich. Den brutalen, absehbar sexistischen Schmutzwahlkampf, der sie in den nächsten 19 Monaten in einem politisch vergifteten Land erwartet, wird sie niemandem wünschen. Hillary Clinton hatte beim ersten Anlauf 2008 das Nachsehen, weil sie einen charismatischen Emporkömmling namens Barack Obama als Leichtgewicht empfand und auch so behandelte. Die Arroganz der Macht wurde ihr zum Verhängnis. Das Risiko ist diesmal so viel geringer nicht. Bei den Republikanern drängeln sich die Möchtegern-Präsidenten geradezu. Die Demokraten haben eine alternativlose Ein-Frau-Show gebucht. Jeder Schnitzer wirkt doppelt und dreifach nach. Kann Clinton vermeiden, als die unausweichliche Kandidatin zu erscheinen, als eine Unvollendete, die das Präsidentenamt als Erbhof begreift?

Hillary Clinton ist nicht deshalb verwundbar, weil sie als Senatorin in New York unauffällig blieb. Und als Außenministerin ohne erinnernswerten Erfolg. Sie ist verwundbar, weil sie seit bald 40 Jahren zur Standard-Möblierung der US-Politik gehört. Dazu kommt das Biologische. Bei Amtsantritt wäre sie 69. Bei aller kaum hoch genug zu schätzenden Weisheit des Alters: Von ihr frischen Wind zu erwarten, ist kühn. Zumal im beinharten Ausleseprozess vor dem Wahltag im November 2016 ausgiebig Rückblick angesagt ist. Ab sofort wird sich Hillary Clinton nicht nur für eigene Fehler und ein paar Jahre mit Obama erklären müssen. Sondern auch für all das, was auf den Deckel ihres Mannes Bill geht. Das kann zum Bumerang werden.

Hat Clinton eine griffige, menschennahe Botschaft, die inspiriert ? Den Staffelstab von Barack Obama zu übernehmen und als Schutzpatronin der darbenden Mittelschicht anzutreten, das ist nicht falsch. Clintons Nähe zur Wall Street und zu Potentaten in aller Welt, die das Scheckbuch für die von ihr und ihrem Mann betriebene Wohlfahrtsstiftung zücken, wird sich aber als Hypothek erweisen. Mit Fleiß, intellektueller Brillanz und Stehvermögen allein ist dem nicht beizukommen. Der vertrauenswürdige Mensch muss zum Vorschein kommen. Nur wenn ihr die richtige Balance gelingt, dann kann es was werden mit dem unglaublichen Projekt: Nach dem ersten Schwarzen die erste Frau im Weißen Haus.