Helmut Kohl und wir - ein geläuterter Rückblick
28.09.2012 | 15:37 Uhr 2012-09-28T15:37:00+0200
Essen. 30 Jahre nach seiner ersten Vereidigung zum Bundeskanzler blicken wir inzwischen milde auf die Amtszeit Helmut Kohls. Was haben wir auf den Mann geschimpft - und ihm politisch Unrecht getan. Inzwischen haben wir sogar Mitleid mit dem einsamen Mann im Rollstuhl. Ein persönlicher Rückblick auf die Ära.
Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl zum ersten Mal zum Kanzler vereidigt – ein Jubliäum, was die Christdemokraten zum Anlass nehmen, ihn zu ehren. Unser persönlicher Blick auf seine Amtszeit ist allerdings zwiespältig.
Wie haben wir auf diesen Mann geschimpft!
Als Helmut Kohl sich 1982 per Misstrauensvotum auf den Kanzlersessel im Bundestag und damit an die Macht wuchtete, verkörperte er für uns damals gerade über 20-Jährige so ziemlich all das, was wir an der Politik verabscheuten: Provinzialität, Mittelmäßigkeit, Bräsigkeit. Kohl war das politische Feindbild schlechthin, auch wenn er immerhin Franz-Josef Strauß, unserem Feindbild Nummer 2, die Stirn bot. Wenn der Oggersheimer über die „Famillje“ räsonierte oder gerade mal wieder irgendetwas „ganz und gar unerträglich“ fand, lachten wir uns schlapp. Ausgerechnet Kohl, die „Birne“, als Kanzler? Das kann, ja, das wird nicht lange gehen!
Wie haben wir diesen Mann unterschätzt!
Kohl aber sollte Kanzler bleiben, länger als jeder andere bisher in der Geschichte der Bundesrepublik. Länger sogar als der alte Adenauer, den wir schon damals nur noch aus den Geschichtsbüchern kannten. Und die ganzen Jahre über haben wir uns an Kohl abgearbeitet, in steter Gewissheit, dass die jeweils nächste Wahl sein politisches Aus besiegeln würde. Einmal, als Kohl auf Wahlkampftour in unsere Gegend kam, haben wir sogar gegen ihn demonstriert, Plakate gepinselt und Schmähgesänge gegrölt. Ich schätze, er hat uns nicht einmal gehört. Kohls Karawane zog einfach weiter und ließ uns mit unseren verknickten Plakaten im niederrheinischen Regen zurück wie begossene Pudel.
Irgendwann haben wir uns dann abgefunden mit dem Kanzler Kohl. Er war halt da und ging irgendwie nicht mehr weg. All die Vogels, Raus, Lafontaines und Scharpings, die es mit ihm aufnehmen wollten, prallten ab an dem Pfälzer Hünen wie Papierkügelchen an einem Elefanten. Und wir? Wir suchten uns andere Feindbilder. Als Kohl dann 1998 von einem politischen Hallodri namens Gerhard Schröder aus dem Kanzleramt vertrieben wurde, interessierte es uns schon fast nicht mehr. Helmut Kohl – war das was?
Wie haben wir diesem Mann Unrecht getan!
Haben wir das wirklich? Jedenfalls ist der Blick auf Kohl 30 Jahre nach seinem Einzug ins Kanzleramt milder. Das mag daran liegen, dass drei Jahrzehnte vieles verklären und dass so mancher „Skandal“ von damals in der Rückschau dann doch eher harmlos erscheint. Das mag auch an den Bildern des Helmut Kohl von heute liegen; Bilder eines schwerkranken Greises, im Rollstuhl sitzend, kaum fähig zu reden. Die Ehefrau suchte den Freitod, die Söhne sagten sich von ihm los. Es sind Bilder, die Mitleid erregen. Aber ist es das allein?
Nein, es ist an der Zeit, auch politisch Abbitte zu leisten bei Helmut Kohl, jedenfalls in einigen Punkten. Dass er – wie sein SPD-Vorgänger Helmut Schmidt – an der so genannten Nachrüstung festhielt? Es war wohl die richtige Strategie. Dass er unbeirrt auf ein vereintes Europa setzte, das uns offene Grenzen bescherte und viel länderübergreifende Freizügigkeit brachte? Eine immense Leistung, auch wenn er bei der Gemeinschaftswährung sich abzeichnende Probleme wohl allzu gern beiseite schob. Dass Kohl die deutsche Einheit nach dem Mauerfall, der nicht sein Verdienst war, beherzt anpackte, als andere mutlos lavierten? Ein Glücksfall für Deutschland.
Helmut Kohl war als aktiver Politiker, so viel ist sicher, einer der unbeirrt seinen Weg gegangen ist, nicht selten rücksichtslos gegenüber den eigenen Weggefährten. Die Menschen haben ihn immer wieder gewählt, weil sie sich bei ihm gut aufgehoben fühlten. So hat Kohl diesem Land über eineinhalb Jahrzehnte seinen Stempel aufgedrückt und das verlangt Respekt. An Helmut Kohl haben wir uns gerieben, über ihn haben wir geschimpft, uns über ihn in Rage geredet, unsere Meinung und unseren Blick geschärft. Unter seiner Kanzlerschaft haben wir unser politisches Denken entwickelt. Somit hat er auch uns geprägt. Ob uns das gefällt oder nicht.

19:25
Blühende Landschaften, Verhältnisse werden angepasst, niemandem wird es schlechter gehen...alles voll erfüllt...Landschaft im Osten erblühen im Raps, unsere Infrastruktur ist jetzt so wie 89 im Osten...ja und den Reichen geht es besser als je zuvor...alles bezahlt aus der Portokasse, ach nee den Sozialkassen!
18:34
Mit "wir" meint Herr Bau vielleicht das Blatt, für das er schreibt. Ich fühle mich jedenfalls nicht angesprochen, und empfinde kein "Wir -Gefühl" mit Straftätern. Man weiß ja nicht, wie das bei Herrn Bau ist...
17:47
ich bin helmut kohl zutiefst dankbar, ebenso danke ich gerhard schroeder!
vielen, viieeelen dank dafuer dass diese beiden herren mich davon ueberzeugt haben dass die politiker und die politik im allgemeinen in deutschland nur noch aus lug und trug besteht.
seit jahrzehnten arbeiten saemtliche parteien die an die regierungsmacht kommen GEGEN uns buerger und dienen nur noch den "maerkten", banken, versicherungen und anderen profiteuren.
ach, eh ichs vergesse ... danke frau merkel, dafuer dass sie mit ihrer alternativlosen politik kohls aussitzerei und schroeders basta politik vereint hat und es damit schafft meine verachtung noch zu steigern...
auch ein schoenes beispiel unsere massenmedien diese menschen hochjubeln ...
nochmals, danke kohl, schroeder und merkel!
mir aus der Seele gesprochen.
12:45
Mit "wir" fühle ich mich ganz bestimmt nicht angesprochen. Mitleid habe ich mit einem Lügner und Betrüger erst recht nicht. Für diesen Menschen habe ich nur Verachtung übrig.
11:44
Was bei mir als Rückblick bleibt?
"Tiefste Verachtung."
11:12
Nur weil er krank ist, habe ich bestimmt kein "Mitleid" mit dem Mann, der mir und meiner Altersgruppe alle Sicherheiten (Arbeitsplatz, Rente, Einkommen usw) gestohlen hat. Jedes Mittel ist Profilneurotikern recht, um in die Ge(s)chichtsbücher zu kommen. Der Mann war stets nur Egoist und hat nie etwas für andere oder Deutschland getan.
10:54
Unwissende und Ignoranten und Verklärer der Vergangenheit glauben tatsächlich, dass Kohl etwas FÜR Deutschland getan hat. Zeitzeugen wissen, dass er hauptsächlich zwei Dinge verfolgt hat: Seinen Platz in den Gechichtsbüchern und das Konto seiner Partei. Für "Deutschland" viel zu wenig.
10:22
Na ja, das mit der Minderheit stimmt mathematisch auch nicht so ganz.
Die aktiv Wählenden (!) haben so abgestimmt, dass es einschließlich Koalitionspartner für eine Mandatsmehrheit langte. Da zu genügten rund 50% der Aktiven (theoretisch sogar weniger), bei Wahlbeteiligungen von 60% währen also nur 30% Kohl- Koalitions- Befürworter, 70% waren für Anderres oder garnichts (was das schlimmste ist).
Dennoch, ein Staatsmann war er schon, das erkenne auch ich an. Er hat manches mitgestaltet, von dem wir profitieren, und manches, das uns nicht gefällt. Wobei "Uns" eben wieder relativ ist.
So ist das eben.
09:47
Wer hat Kohl eigentlich gewählt? Das war ja wohl die Mehrheit der Deutschen und die haben ihn für 16 Jahre zum Kanzler gemacht.
Im Umkehrschluss heißt das ja wohl, das hier nur eine notorisch unzufriedene Minderheit gegen Kohl mosert.
Okay, dass kann ich ja verstehen. Wenn man nicht genug über diese Zeit weiß, erschließt sich einfach nicht, was Kohl tatsächlich für Deutschland getan hat.
Für Unwissende und Ignoranten ist es immer besonders leicht zu meckern, daher haben diese auch die Lufthoheit über den deutschen Stammtischen.
Ich weiß genug über diese Zeit, habe das alles mitbekommen.
Manchmal habe ich mich gefragt, ist das überhaupt noch Demokratie?
Der Mann, hat wie ein absoluter Herrscher regiert. Wer ihm nicht passte, wurde
weggeräumt.
Diese Zeit war eine Schande für Teile der deutschen Journalistik. Überall hatte
er seine Schranzen drin. Bei den Privaten, an der Spitze Leo Kirch, das ZDF,
öffentlich rechtlicher Propagandasender der Union, Springer, Burda, Bertelsmann.
Überall wo man hinschaute sah man Kohls Jubler.
Wundert es, dass er mit dieser Macht im Rücken die Menschen einseifen und
Wahlen gewinnen konnte?
Und die Wiedervereinigung? Als in Berlin die Mauer fiel, saß er völlig ahnungslos in Polen,ist fluchtartig nach Berlin geflogen und hat das Deutschlandlied gesungen
und sich aufgeführt, als hätte er die Mauer persönlich eingerissen.
Einfach widerlich, dieser Mensch
Die große Frage bei Ihrem Kommentar ist doch wohl, wer hier unwissend ist oder glauben Sie eigentlich alles, was Ihnen geschrieben vorgelegt wird?
22:44
Herr Bau, wen meinen Sie eigentlich dauernd mit "wir"?
Ich hab den Herrn Kohl damalsmiterleben müssen - es war eine Katastrophe! Er hat den Grundstein für Verkommenheit und Verschlagenheit in der Politk in D gelegt, er hat Korruption und Bestechung hoffähig gemacht. DIe Einheit ist ihm einfach "passiert" und er hat sie auf die schlechteste Weise organisiert, die überhaupt möglich war!
Vielleicht möchten SIE all das in rosarote Nostalgiewölkchen packen - ICH nicht. Unterlassen Sie daher bitte das "wir". Danke.