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Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher "überschätzt"

05.10.2012 | 19:22 Uhr
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Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher "überschätzt"
Wird der Schulstoff am Nachmittag vertieft oder bringen Hausaufgaben nichts?Foto: Timur Emek/dapd

Essen.   Ein Gymnasium in Oberhausen hat Hausaufgaben abgeschafft. Die Debatte über eine Abschaffung ist nicht neu. Seit über 170 Jahren streiten Pädagogen über den Sinn und die Lerneffekte von Schularbeiten daheim. Studien belegen: Der Erfolg des einsamen Lernens ist gering. Experten fordern ein Umdenken.

Die Debatte unter Pädagogen ist ja nicht neu. 1835 mahnte der Pädagoge Johann Friedrich Herbart: „Derjenige Lehrer, welcher häusliche Aufgaben aufgibt, um sich in der Schule die Mühe zu sparen, verrechnet sich ganz; die Mühe wird ihm bald desto saurer werden.“ 1964 ergab eine Studie unter Drittklässlern, dass die Gruppe, die vier Monate lang keine Hausaufgaben im Rechnen und Rechtschreiben machte, nicht weniger gelernt hatte als die Kinder, die sie täglich erledigten.

2006 befragten Bildungsforscher der Universität Dresden 1300 Schüler und 500 Lehrer in Sachsen in gleicher Sache. Ein Resultat: Bei drei von vier Schülern waren die erteilten Hausaufgaben fruchtlos.

Kommentar
Ernste Angelegenheit - von Birgitta Stauber-Klein

Die Liste der Aufgaben, mit denen sich Schülerinnen und Schüler nach langen Schultagen herumplagen, ist bemerkenswert. Doch viele Kinder haben...

Hausaufgabenzeiten in der Theorie geregelt

Eigentlich ist langer Ganztags-Unterricht plus Hausaufgaben satt in NRW verboten. Das hatte schon Schulministerin Barbara Sommer (CDU) nach der überstürzten Einführung des Gymnasial-Abiturs in acht Jahren (G 8) per Erlass verfügt. Der besagt auch: „Hausaufgaben ... als Ersatz für fehlenden oder ausfallenden Unterricht ... oder (zur) Disziplinierung ... sind nicht zulässig.“ Dauern dürfen sie in den Klassen 5 und 6 maximal 90 Minuten pro Tag, in 7 bis 10 zwei Stunden.

Vokabeln bleiben als Heimarbeit

Trotzdem sind dicke Auf­gaben- ­Pakete nach Schulschluss Alltag in vielen Familien – und werden nicht selten zur Last. „Hausaufgaben sind Hausfriedensbruch“, titelte der „Spiegel“ 1982 zum Thema. Berichtete von „täglich drei bis vier Stunden Heimarbeit“, von Stress, Tränen, Ratlosigkeit bei allen.

Seit auch NRW-Gymnasien in acht Jahren zum Abitur führen müssen, wächst unter den Eltern der Zorn über teils maßlose Aufgabenstellungen der Lehrkräfte. „Für viele Schulen ist es noch völlig normal, dass in jedem Fach Hausaufgaben erteilt werden“, weiß Ilse Führer-Lehner, Bildungsexpertin der Lehrergewerkschaft GEW – und Mutter. „Die Folge sind 40-, 50-, manchmal sogar 60-Stunden-Wochen der Kinder.“ Ein Arbeitspensum, größer als das der meisten Erwachsenen.

Bildung
Schule bald ohne Hausaufgaben?

Das Düsseldorfer Schulministerium unterstützt die initiative eines Oberhausener Gymnasiums, Hausaufgaben abzuschaffen,

Auch sie fordert ein Umdenken in den Schulen: „Sie müssen die Arbeit in der Schule lassen. Oberhausen ist dafür ein gutes Beispiel.“ Dass Lehrerkollegien nicht darauf achten, wer wie viel Stoff zur Heimarbeit verordnet, ist für sie ein Unding. „Dass es geht, beweist die Lösung in Oberhausen. Wer Kinder ernsthaft entlasten will, kann sich das Know-how doch dort abholen.“ Oder bei den Bildungsexperten der Universitäten Münster und Dortmund, die sich seit Jahren mit neuen Lernkonzepten für den Ganztag befassen.

Ganz ohne Hausaufgaben geht es auch nicht

Allerdings: Ganz ohne Hausaufgaben geht es auch in Zukunft nicht am Elsa-Brändström-Gym­nasium. Für die Oberstufe gilt das neue Konzept nicht. Und: „Konzentriert Vokabeln lernen, ein Buch lesen – das bleiben Aufgaben für die Arbeit daheim, auch für die Mittelstufe“, sagt Bettina Huck, Lehrerin und Mitglied der Projektgruppe, die die neue Struktur erarbeitet hat. Alles, was in der Schule bearbeitet werden kann, soll aber dort erledigt werden.

Hausaufgaben
Mehr Freizeit statt Hausaufgaben

Am Elsa-Brandström-Gymnasium in Oberhausen müssen Schüler der Sekundarstufe 1 (Jahrgangsstufen 5 bis 9) demnächst keine klassischen Hausaufgaben mehr...

„Richtig so“, findet Ernst Rösner vom Institut für Bildungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund. „Hausaufgaben sind vermutlich nicht ganz entbehrlich, der Lernertrag wird aber meist überschätzt. Büffeln, ganze Nachmittage bis in den Abend, bringt nicht viel“, befand der Bildungsforscher im Gespräch mit der Redaktion. Zu unterschiedlich seien auch dabei die Chancen: „Das Chefarzt-Kind wird meist gut betreut und erhält im Ernstfall professionelle Hilfe. Das Kind der türkischen Putzfrau kann auf diese Unterstützung nicht hoffen. Wo bleibt da die Chancengleichheit? Auf der Strecke.“ Außerdem plädiert er dringend dafür, Kinder nicht zu überfrachten und zu überfordern. Ein bisschen Kindheit, „draußen rumtollen mal ohne Plan“, sollte doch erhalten bleiben.

Sigrid Krause

Kommentare
07.10.2012
15:41
Hanno2 | #14
von peerbeinstueck | #15

Zunächst hat ja überhaupt kein Politiker solche "populistischen" Forderungen gestellt.
Insofern ist Ihre Äußerung nicht "zynisch", sondern sinnfrei.

Im übrigen hat niemand die komplette Abschaffung von Hausaufgaben gefordert. Aber dass man nicht Kinder den ganzen Tag in der Schule halten kann und ihnen dann für abends noch Pakete von Hausaufgaben mitgeben kann, sollte selbst den überzeugtesten "Früher war alles besser"-Nostalgikern einleuchten.

07.10.2012
12:57
Abgekürzt:
von Hanno2 | #14

Man kann diese Diskussion auch abkürzen: Wer Wert darauf legt, dass seinen Kindern alle Zukunftsmöglichkeiten offen stehen, weil sie das Gymnasium mit überdurchschnittlichen Leistungen abschließen, schickt diese auf Schulen, in den nicht nur in den Schulstunden gelernt, sondern das Gelernte in vertretbaren Maße auch außerhalb der Stunden selbstständig geübt, verfestigt bzw. vorbereitet wird. Wenn staatliche Schulen das nicht mehr gewährleisten, muss man halt Nachhilfelehrer bezahlen oder sein Kind gleich auf eine Privatschule mit entsprechenden Gebühren schicken.
Derartige Bildungsverhältnisse sind aber natürlich genauso wenig sozial wie Hartz IV, den man muss sie sich leisten können.
Wenn man zynisch wäre, könnte man behaupten, dass sich diverse Politiker mit populistischen Maßnahmen wie der Abschaffung von Hausaufgaben an der Macht halten, um ihren eigenen Kindern weiterhin die Möglichkeiten zu sichern, die ihren Wählern verschlossen bleiben.

1 Antwort
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von modtiger | #14-1

@Hanno2, lesen und verstehen scheint ein Problem zu sein. Der Artikel handelt von dem Pädagogen Johann Friedrich Herbart, einer Studie unter Drittklässlern von 1964, Bildungsforschern der Universität Dresden (Sachsen einer der PISA-Gewinner) und Praktikern des Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen. Da jeder von uns Bundestrainer ist, sind wir auch alle Experten für schulische Bildung. Nur Autobau und Wirtschaft überlassen wir den wahren Fachleuten. Daher ignorieren wir locker die Aussage des Instituts für Bildungsforschung (IFS) an der Technischen Universität Dortmund: "der Lernertrag wird aber meist überschätzt." Politik ist hier noch gar nicht im Spiel. Erst Schulministerin Barbara Sommer (CDU) hat reagiert. Ganztagsunterricht plus Hausaufgaben waren ihr zu viel. Tatsächlich bringen selbst die sündhaft teuren Nachhilfelehrer wenig bis gar nichts. Eltern träumen weiter den Traum vom Nürnberger Trichter, mit dem man die Bildung in die Schüler hinein prügeln will.

07.10.2012
12:39
Diffuse Diskussion
von Hanno2 | #13

Es müsste erstmal geklärt werden, wer hier überhaupt, wovon spricht:
Was wir unter "Hausaufgaben" im Zeitalter von teilweisen oder ganzen Ganztagsbetrieb verstehen müssen? In welchem Umfang sie bereits jetzt gesetzlich beschränkt sind? Inwiefern Hausaufgaben heute "einsames Lernen" wie im Wilhelminischen Kaiserreich sind? Wie Hausaufgaben an Schulen mit guten und schlechten Vergleichsergebnissen praktiziert werden bzw. welchen Sinn sie dort haben?
Und warum sie nach alten und neuen Untersuchungen von Bildungswissenschaftlern entsprechend sinnvoll eingesetzt und bewertet für das Erreichen der Jahrgangsziele nicht nur in der Oberstufe absolut notwendig sind!

07.10.2012
11:27
Hausaufgaben werden sowieso nur noch ...
von swatsun | #12

.. an elitären Gymnasien in Süddeutschland, teuren Internaten und Privatschulen aufgegeben. An den Schulen in den wachsenden Problemvierteln der deutschen Grosstädte macht doch eh kaum einer der zukünftigen Fachkräfte mit Migrationshintergrund Hausaufgaben. Warum also diesen Misstand auch noch dokumentieren ? - Weg mit den Hausaufgaben. Der damit vorgezeichnete Weg führt allerdings in alles andere als in eine "rosige" Zukunft ... nur mal so am Rande bemerkt!

07.10.2012
09:13
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von Bella74 | #11

Eine gänzliche Abschaffung der Hausaufgaben würde ich nicht begrüßen. Gerade in den Hauptfächern halte ich es für sehr sinnvoll, neuen Lernstoff nochmal zu wiederholen und zu vertiefen. Gerade Vokabeln lernen sich Zuhause am besten. In Nebenfächern wie Physik , Chemie etc. könnte man eher darauf verzichten...

07.10.2012
08:16
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von Poirot | #10

Gut so, dann haben die Blagen noch mehr Zeit für Facebook, Rauchen, Saufen und Herumhängen. Schaffen wir jetzt noch die Schule ab und alles ist klar. Aber nur nicht wundern, wenn Deutschland in Europa ganz den Anschluss verliert und wir immer mehr Inder importieren müssen, um über die Runden zu kommen.

07.10.2012
00:29
Blaulichtl | #8
von peerbeinstueck | #9

Hääh?

06.10.2012
23:41
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von Blaulichtl | #8

wer sich da für was Besseres hält (Gymnasiasten), kann da ruhig mal was für tun (Hausaufgaben). Warum sollte man den selbsternannten "Leistungsträgern" (Erben) nicht mal ein bischen Leistung abverlangen?

1 Antwort
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von modtiger | #8-1

Weil es keine Leistung ist, irgend etwas hinzukritzeln. Das findet nur aus Bequemlichkeit für den Lehrer statt. Der kann dann eine Strichliste mit den "Guten" und den "Schlechten" führen. Das ist das große Problem unseres Schulsystem. Statt den Schwerpunkt darauf zu legen, möglichst vielen möglichst viel beizubringen, geht es ausschließlich darum, in "Leistungsträger" und "Mitläufer" zu unterscheiden. Dabei fällt dann so mancher durchs Rost. Für solche gibts dann das Berufsgrundschuljahr.

06.10.2012
23:07
Bildungsforscher, Experten, Fachleute
von Vorwaerts_Nimmer_Rueckwaerts_Immer | #7

Wenn ich das schon lese, wir mir übel.

Da werden "Studien" hergestellt, von denen von vornherein klar ist, wie sie ausfallen werden.

Wie ödet mich das an! Das Bildungsniveau geht den Bach runter, immer weiter und weiter.

Und die "Bildungsforscher" unterstützen den Niedergang mit ihren "Forschungsergebnissen".

06.10.2012
22:58
Hausaufgaben werden laut Bildungsforscher
von modtiger | #6

Ich lerne gerade den Wert von Hausaufgaben schätzen. Doch nützlich sind nur Hausaufgaben, die freiwillig geübt werden. Ideal sind Aufgaben, die nicht nach- sondern vorbereiten. Wenn den Schülern bereits der Stoff des ganzen Schuljahrs bekannt wäre und jede Unterrichtsstunde schon zu Beginn des Schuljahrs unter ein Thema betitelt wäre. Unsinnig ist dagegen die Benotung von Hausaufgaben. Denn meistens werden sie von Freunden abgeschrieben. Neben den besseren Eltern, die Hilfestellung leisten können, gegenüber anderen, die ihre Kinder mit Problemen belasten, hängt es also davon ab, wie gut Schüler in der Klassengemeinschaft integriert sind. Was der Artikel jedoch deutlich macht, ist die Konstanz, mit der Hausarbeit durchfällt. Wo in den 1950er Jahren noch Nazi-Drill angesagt war, kam 1964 die erste Studie. Diese wurde in der Folge von allen anderen bestätigt. Der Streit findet daher nur zwischen Bildungsfachleuten und Traditionalisten statt.

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