Hat die Mafia Rom voll im Griff?

Rom..  Starke tausend Seiten soll der Bericht umfassen. Zwischen zwei Verhaftungswellen – die erste im Dezember 2014, die zweite nun exakt sechs Monate später – haben ihn drei Spezialisten des Innenministeriums erstellt. Nun ist das Werk fertig, bis Oktober muss die Regierung entscheiden. Leitfrage: Ist Rom tatsächlich derart von der Mafia durchseucht, sind dort so viele amtliche Gesetzesbrüche begangen worden, dass Bürgermeister, Gemeinderat und Verwaltung entlassen werden müssen und die Hauptstadt einen Regierungskommissar als Zwangsverwalter braucht?

„Es geht nicht mehr anders“, sagten in den vergangenen Wochen die einen Verfassungsjuristen; die anderen entgegneten: „Ihr könnt doch nicht ein Antimafia-Gesetz, das für sizilianische und kalabrische Bergdörfer entworfen worden ist, auf eine 2,8-Millionen-Stadt anwenden, noch dazu auf eine, die sich um Olympia 2024 bewirbt und die fürs Heilige Jahr von Dezember an Millionen von Besuchern erwartet. Wie sieht das denn aus?”

Schon jetzt sieht es desaströs aus. Auf die gut 40 Verhaftungen vor einem halben Jahr folgten jetzt 44 weitere. Alles Kommunalpolitiker sowie politisch verstrickte Unternehmer. Hatten die Antimafia-Fahnder im Dezember zunächst das rechte oder rechtsextreme Unterholz des früheren Bürgermeisters Gianni Alemanno (2008-2013) gelichtet, so trafen sie nun die derzeit regierenden Sozialdemokraten. Mirko Coratti zum Beispiel, der gewesene Präsident des Gemeinderats, sitzt in Untersuchungshaft, genauso wie der Assessor für Wohnungsbau, Daniele Ozzimo. Aufgedeckt ist auch ein recht halbseidenes Geflecht von persönlichen Interessen, von Bestechung, Selbstbedienung, Wahlbetrug und Hörigkeit gegenüber den beiden Bossen, die bis zu ihrer Verhaftung vor sechs Monaten die Ewige Stadt regierten.

Herausgekommen ist, dass öffentliche Funktionsträger, Amtsleiter, Politiker, Gemeinderäte wie Coratti regelrecht auf der Gehaltsliste der Mafia standen. Bezahlt wurden zwischen 1000 und 20 000 Euro monatlich. „Man muss die Kuh füttern, bevor man sie melken kann”, sagte Salvatore Buzzi, der beides ausführlich getan hat. Er war der „Linke” in der Hauptstadt-Mafia; der zweite war der im rechtsextremen, rechtsterroristischen Milieu Roms groß gewordene Massimo Carminati.

„Rot“ und „Schwarz“ ergänzten sich in der „Mafia Capitale” so perfekt, dass sie über alle politischen Wechselfälle hinweg ihre Geschäfte machen konnten, „mit den klassischen Mafia-Mitteln Einschüchterung, Gewalt und Korruption“, wie die Ermittler sagen.

Der Journalist Lirio Abbate hat schon ein Jahr vor den ersten Verhaftungen die wahren „Könige Roms“ beschrieben, und – wie er sagt – im Prinzip nur eines erreicht: „Als die Leute aus meinem Dossier erfahren haben, was dieser einäugige Carminati so alles hinkriegt, haben sie keine Distanz genommen, im Gegenteil. Da sind noch viel mehr Römer zu ihm gepilgert, um ihre Probleme mit Bürokratie, Verwaltung, Geschäft lösen zu lassen.“

War Carminati (57) der politische Troubleshooter und – den Ermittlern zufolge – derjenige, dessen Name allein genügte, um Römer in Ehrfurcht oder Angst erstarren zu lassen, so leitete Buzzi (59) das ­Wirtschaftsimperium der „Mafia Capitale”. 1980 wegen Mordes verurteilt, dann zum Modellhäftling avanciert, hatte sich Buzzi schon aus dem Knast in der linken Hälfte der italienischen Politik so gut vernetzt, dass ihm nach seiner vorzeitigen Entlassung alle Türen offen standen.

Durch sein Bündnis mit Carminati und durch konsequente, ebenso monetäre wie mafiöse „Beziehungspflege” erhielt Buzzi einen öffentlichen Auftrag nach dem anderen, alles ohne Ausschreibung und Kostenprüfung. Großaufträge wurden in so kleine Pakete zerteilt, dass die Machenschaften nicht aufflogen. Und wenn es dazu eines speziellen Gemeinderatsbeschlusses bedurfte, dann wusste Buzzi, dass er nur mal kurz ein paar Leute anrufen musste. Journalist Abbate hat nachgerechnet: „Alle diese Aufträge hätten den Steuerzahler im Normalfall 40-50 Millionen Euro gekostet; Buzzi hat 150 Millionen Euro erhalten.“

Während sich die Ermittlungen auch gegen den früheren Bürgermeister Gianni Alemanno (57) richten, so gilt sein heutiger Nachfolger, Ignazio Marino (60) derzeit als beinahe einziger Kommunalpolitiker, dem niemand eine Schuld anhängt. Das Volk wählte ihn 2013, die eigene Partei hätte ihn ums Haar gleich wieder aus dem Amt gemobbt. Mittlerweile, sagen Kommentatoren, sei auch klar, warum: Er habe die römischen Kreise allzu sehr gestört und Geflechte aufgedeckt, die lieber keiner sehen wollte.

Zeichen der Erneuerung

Doch jetzt scheint es selbst Marino an den Kragen zu gehen. Regierungschef Renzi will wieder einmal „Zeichen der Erneuerung“ setzen. Wenigstens das Heilige Jahr als römischen Großevent will er offenbar der Verwaltung Marinos entziehen und in die „sauberen“ Hände von Franco Gabrielli legen. Der 55-Jährige wurde Chef beim nationalen Katastrophenschutz, als nach dem Erdbeben von L’Aquila 2009 just diese für Aufarbeitung und Wiederaufbau entscheidende Behörde in einem Korruptionsskandal unterzugehen drohte. Auch für die Bergung der „Costa Concordia“ war Gabrielli als oberster Staatsfunktionär zuständig. Passt doch alles wunderbar für die Ewige Stadt dieser Tage . . .