Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Hartz IV

Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken

18.07.2013 | 12:55 Uhr
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
Geht es nach dem Jobcenter Pinneberg, sollen Hartz-IV-Empfänger Leitungswasser trinken, anstatt Geld für Getränke auszugeben. Der Vize-Chef der Bundesarbeitsagentur lobt das.Foto: dpa

Essen.  Wenig Fleisch essen, Leitungswasser trinken und ihre alten Möbel verkaufen: Eine Broschüre des Jobcenters Pinneberg mit „Tipps“ für Hartz-IV-Empfänger sorgt für Empörung. Der Vize-Chef der Bundesagentur lobt den Ratgeber, ein Sozialverbandschef sieht das anders und übt drastische Kritik.

Hartz-IV-Empfänger sollen Leitungswasser trinken, ihre alten Möbel im Internet verkaufen und weniger Fleisch essen. Das empfiehlt das Jobcenter Pinneberg, nördwestlich von Hamburg gelegen, in ihrem neuen „Arbeitslosengeld-II-Ratgeber“.

Der Vizechef der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, hat die Broschüre mit den Spartricks nun gelobt. „Jobcenter Pinneberg hat einen tollen ALG2 Ratgeber herausgegeben“, schreibt er beim Kurznachrichtendienst Twitter. Und erntet dafür heftige Kritik.

<blockquote class="twitter-tweet"><p><a href="https://twitter.com/search?q=%23Jobcenter&amp;src=hash">#Jobcenter</a> Pinneberg hat einen tollen <a href="https://twitter.com/search?q=%23ALG2&amp;src=hash">#ALG2</a> Ratgeber herausgegeben. <a href="https://twitter.com/search?q=%23Hartz4&amp;src=hash">#Hartz4</a> einfach erklärt; auch zum Download <a href="http://t.co/Lto3uavoVs">http://t.co/Lto3uavoVs</a></p>&mdash; Heinrich Alt (@Heinrich_Alt) <a href="https://twitter.com/Heinrich_Alt/statuses/357391525291884544">July 17, 2013</a></blockquote>

<script async src="http://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>

„Ich habe den Verdacht, er hat in die Broschüre gar nicht reingeschaut“, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Schließlich sei Alt ja ein vernünftiger Mensch. Den Ratgeber hingegen nennt Schneider eine „Katastrophe“. „Der sollte eingestampft werden.“

Broschüre vom Jobcenter Pinneberg erklärt, wie Familie Hartz IV beantragt

In der kostenlosen Broschüre wird anhand von Comic-Bildern beschrieben, wie „Familie Fischer“ erstmals Hartz IV beantragen muss. Es wird in einfacher Sprache erklärt, was Antragsteller tun müssen, um möglichst schnell Geld zu erhalten, und wie viel Geld ihnen zusteht. So weit, so gut.

Jedoch kommen auch folgende Szenen in dem Buch vor: Die Eltern sitzen mit ihren zwei Kindern am Tisch und überlegen, wie sie Geld sparen können. Der Beschluss: Sie wollen eine Woche kein Fleisch essen. Die Tochter des Hauses freut sich: „Ich will sowieso Vegetarier werden!“

In einer anderen Szene wird beschrieben, wie die Familie zwei Möbelstücke, die seit elf Jahren auf dem Dachboden verstaubten, über das Internet verkauft – und dafür mehr als 350 Euro bekommt. Geld, das sie behalten dürfen, wie erklärt wird.

Es werden Erinnerungen wach an die Spartipps von Thilo Sarrazin. Der damalige Berliner Finanzsenator gab im Jahr 2008 Tipps, wie sich Hartz-IV-Empfänger für weniger als vier Euro pro Tag ernähren könnten. Außerdem kritisierte Sarrazin den Umgang vieler Arbeitslosengeld-II-Empfänger mit Energie. Sie hätten es gerne warm. Sein Ratschlag an alle, die Kosten sparen wollen: bei 16 Grad Raumtemperatur leben und einen dicken Pullover tragen.

Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Steine in den WC-Spülkasten legen

Die Broschüre des Jobcenters Pinneberg hat da noch andere Vorschläge. In einer beschriebenen Szene rät eine Freundin beim Einkauf mit der Mutter, dass sie doch auch Leitungswasser trinken könnten, anstatt Getränke zu kaufen. Schließlich sei die Qualität oft besser als bei Mineralwasser. Zu dem Einwand, dass Leitungswasser nicht so gut schmecke, hat sie eine klare Meinung: „Vielleicht müsst ihr euch nur daran gewöhnen.“ Wasser könne zudem gespart werden, indem man Steine in den WC-Spülkasten legt.

Spartipps
Jobcenter neben der Spur - von Matthias Korfmann

Eine Broschüre des Jobcenters Pinneberg mit "Tipps" für Hartz-VI-Empfänger sorgt für Empörung: wenig Fleisch essen, Leitungswasser trinken und alte Möbel verkaufen - so empfahl es die Behörde. Das offenbart eine ungute Distanz zum Klienten.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist erschüttert von solchen Vorschlägen. Die Tipps seien mit Sicherheit gut gemeint, „aber die Umsetzung ist katastrophal“, sagt Schneider. Die gesamte Inszenierung als Comic habe mit der Lebenssituation und der Not wirklicher Hartz-IV-Familien nichts zu tun. „Das ist eine Frechheit, da werden sie veralbert.“

Die Familie in der Broschüre nutze die Arbeitslosigkeit als Chance, ihren Dachboden zu entrümpeln, die Tochter wollte sowieso Vegetarierin werden und freut sich, wenn es kein Fleisch mehr gibt. „Das ist an den Haaren herbeigezogen. Das ist wirklich schon zynisch und hat mir die Schuhe ausgezogen“, regt sich Schneider auf.

Broschüre ist Diskriminierung von ALG-II-Empfängern

Die Wirklichkeit werde völlig missachtet, sagt auch Martin Debener, Fachreferent Armut und Grundsicherung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW. Viele Menschen, die Anrecht auf Unterstützung und Hilfe hätten, würden diese gar nicht in Anspruch nehmen - weil ihnen in Jobcentern ablehnend entgegengetreten werde. "So eine Broschüre ist ein Verhöhnen der Hilfeempfänger und der Schwierigkeiten, die sie haben", so Debener.

Niemand habe das Recht, Hartz-IV-Empfängern vorzuschreiben, wie sie leben und was sie essen und trinken sollen, sagt AWO-Vorstandsmitglied Brigitte Döcker: „Selbst wenn diese Vorschläge gut gemeint sind, stellen sie eine Diskriminierung der Betroffenen dar."

Die Bundesagentur steht weiter hinter der lobenden Kommentierung ihres Vizechefs: "Herr Alt ist Vorstand der Bundesagentur für Arbeit und wenn er sich zu der Broschüre äußert, dann ist das die Meinung der Bundesagentur", sagte eine BA-Sprecherin auf Nachfrage.

Kathrin Meinke



Kommentare
19.02.2014
16:12
Hartz-IV-Empfänger sollen Waschmachine mit Warmwasser laufen lassen
von Dosenmuell | #108

Hier noch ein paar Spartipps:
1. Immer den Antrag auf GEZ-Befreiung bei der Gemeindeverwaltung stellen.
2. Bewerbungs- und Fahrtkosten immer vom Jobcenter erstatten lassen
3. Die Waschmachine nicht mit teurem Strom beheizen (der aus dem Regelsatz bezahlt werden muss), sondern direkt Warmwasser einfüllen (ggf über die Dusche oder per Gießkanne). Dann zahlt nämlich das Jobcenter (über die Heizkosten) den größten Teil der Energie ;-)
Beim Spülen von Hand übrigens ebenso und besser putzen statt staubsaugen. Und statt Wäschetrockner besser mal die Heizung aufdrehen (wird vom Amt erstattet, solange die Kosten "angemessen" sind).

Seltsam, diese Tipps stehen in dem Ratgeber nicht drin ;-)

21.07.2013
13:58
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von tuecking | #107

Ach so, das wird heute immer schnell vergessen und verdrängt - Herr Hartz war SPD-Genosse und Hartz IV ist eine Schöpfung der rot-grünen Bundesregierung und dem SPD-Kanzler Schröder. Nicht Frau Merkel und die CDU, auch nicht die FDP sind dafür verantwortlich. Auch wenn Steinbrück & Co. heute so tun, als ob Hartz IV vom Himmel gefallen sei. Was von Rot-Grün zu halten ist, sehen wir gerade in NRW und in der Bundeshauptstadt Berlin. Mit der SPD heißt es "Berg ab und in den Bach".

21.07.2013
13:54
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von tuecking | #106

Ist doch in Ordnung. Manche Hartz IV-Bezieher müssen eben angehalten werden, mit den Ressourcen, für die sie nichts zahlen, sparsam und konsequent umzugehen. Mir sind im Dortmunder Norden noch die mit Mülltüten gefüllten Hinterhöfe in Erinnerung, wo ein Teil dieser Klientel zu faul war, den Müll ordentlich zu entsorgen. Dafür musste der Steuerzahler ein paar Hunderttausend Euro zahlen. Oder die ganzen Betrugsfälle mit Hartz IV, die jetzt aufgedeckt werden. Na ja, der Name Hartz bezieht sich ja auch auf einen korrupten Abzocker, sogar gerichtlich vorbestraft, dass dieser schäbige Name nicht ersetzt wurde, ist allein ein Skandal.

21.07.2013
09:53
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von WhiteKnight64 | #105

@von DerSupertyp | #104
Sehr informativ. Danke.

Unter der Voraussetzung, dass die Analyse der Broschüre unter Ihrem Link richtig ist, geht es demnach hier also nicht darum, dass Bezieher von ALG II Tipps für Einsparungen erhalten, sondern u. a. um gezielte Verbreitung von Falschinformationen um (berechtigte) Forderungen des Beziehers von ALG II abzuschmettern. Da diese Broschüre von der BA gelobt wird, kann oder muss man eigentlich sogar unterstellen, dass die BA mit diesem Machwerk an Falsch- und Fehlinformationen ausdrücklich einverstanden ist. Oder?

20.07.2013
13:35
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von DerSupertyp | #104

Für alle, die die Sinnhaftigkeit dieser Broschüre erkennen sei dieser Link ans Herz gelegt.
Vermutlich nur Betroffene, aber es werden täglich mehr.

http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/pinneberger-hartz-iv-ratgeber-voller-rechtsfehler-9001523.php

20.07.2013
12:53
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von Xavinia | #103

Und wann kommt der Tipp, sich doch lieber gleich umzubringen, wenn solche "Ratgeber" nicht genehm sind?

Wer Sarkasmus findet, darf ihn behalten.

1 Antwort
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von sprichdichaus | #103-1

Vielleicht sind diesen Weg schon einige ohne ´´ Tipp `` gegangen.

20.07.2013
12:11
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von woelly | #102

Genau das ist mein Erfolgsrezept!

20.07.2013
09:50
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von HarryCane_0 | #101

Man muss mal unterscheiden:

Diese Broschüre ist ein weiteres Propagandastück der neoliberalen Elite.
Hetzte auf Hartzer ist ja heute in den Massenmedien gang und gebe. Es wird ja auch immer noch komplett ignoriert, dass es "kapitalismus bedingte Arbeitslosigkeit" gibt und diese automatisch fortschreitet. Trotzdem erzählt man den Bürgern überall, dass sie sich nur mehr anstrengen/weiterbilden/flexibilisieren bzw. auf deutsch: billigst verkaufen sollen - dann klappts auch mit nem Job. Und wenn`s eben für 4 €/Std ist.

Vollkommen wird die Realität ausgeblendet, oder man könnte es auch "Neusprech" nach George Orwell nennen. Opium für`s Volk!

Ganz abgesehen davon:
Leitungswasser ist in BRD fast ausnahmslos von hervorragender Qualität (ich trinke es nur) und in div. Tests besser als abgefülltes, günstiger, viieeeel umweltschonender!

Aber das rechtfertigt jetzt in diesem Kontext doch keinesfalls solche Propaganda-Lektüren! Das ist einfach unglaublich, aber Hetzer haben ja Tradition in D.!

20.07.2013
09:20
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von stephanbeckmann | #100

Was ist so schlimm daran, Leitungswasser zu trinken und kein Fleisch zu essen? Die Österreicher sind so stolz auf ihr Leitungswasser, dass dort schon die Nase gerümpft wird, wenn man etwas anderes möchte. Und eine Ernährung ohne Wurst und Fleisch spart nicht nur eine Menge Geld, sondern ist auch noch gesünder und steigert die Leistungsfähigkeit.

Das der Weg zum Jobcenter ein einschneidender Schritt im Leben ist, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Aber das Leben ändert sich halt und geht nicht immer so weiter wie man es kennt. In einer solchen Phase der Veränderung dürfen ernsthafte Botschaften durchaus mit ein wenig Humor übermittelt werden.

19.07.2013
17:07
Hartz-IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken
von soissesnunmal | #99

Herr Alt, Vizechef und Vorstand der Bundesagentur für Arbeit sollte erst einmal die sinnlosen Maßnahmen, die dem Steuerzahler ein Vermögen bescheren, stoppen. Da werden laufend Gelder für sogenannte Maßnahmen rausgeworfen, die absolut nichts bringen. Entweder erhält derjenige die Gleiche Maßnahme zum x-ten Mal oder aber die Institution, welche die Maßnahme durchführen soll, tut absolut nichts (keiner da, der die Gruppe leitet). Diese Hartz4-ler sind sich den ganzen Tag selbst überlassen gewesen und das zu 3/4 der Maßnahme hindurch. Diese Mißstände interessierte das AA jedoch nicht, obgleich es davon Kenntnis erhielt. Diese Institution bekommt ihr Geld, laut Vertrag mit dem Arbeitsamt, ob eine Lehrkraft da ist oder nicht. Das ist erst kürzlich einem mir bekannten Hartz4-ler passiert. Und, Herr Alt, es ist eine Frechheit eine Sparbroschüre speziell für Hartz4-Bezieher heraus zu geben. "In Ihren Augen ist die Wertschätzung von Armen Menschen gleich Null". Sie sind zu bedauern.

Aus dem Ressort
Warum der Rathaus-Chef von Goslar viele Flüchtlinge will
Zuwanderung
Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk, 38 Jahre alt, CDU-Mann, sorgt mit einer Ankündigung für Furore. Er möchte am liebsten möglichst viele Flüchtlinge in die Stadt locken. Denn Goslar hat immer weniger Einwohner, und Neubürger aus dem Ausland könnten Betriebe und Arbeitsplätze retten.
Grüne für Agrarwende - Gutes Essen soll Wähler mobilisieren
Parteitag
Haben die Grünen endlich ein neues großes Thema gefunden? Mit der Forderung nach einer ökologischen Agrarwende wollen sie Wähler erreichen. Der Bundesparteitag in Hamburg verurteilte am Samstag Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft. Die lebhafte und emotionale Debatte war ein Signal.
Rückschlag für Gröhe im Kampf um Platz im CDU-Präsidium
CDU
Im Dezember will Gesundheitsminister Hermann Gröhe Präsidiumsmitglied der CDU werden. Auf dem Weg dahin muss er zunächst eine Niederlage verdauen. Mit 44 zu 41 Stimmen unterlag Gröhe Staatssekretär Günter Krings bei einer Kampfabstimmung um den Vorsitz des CDU-Bezirks Niederrhein.
Russische Top-Agentin verlässt Deutschland trotz Haftstrafe
Spionage
Sie übermittelten geheime Botschaften in Youtube-Kommentaren: Ein russisches Agentenpaar hat bis zu seiner Enttarnung über Jahrzehnte in Deutschland spioniert. Nun kam die Frau aus dem Gefängnis frei, obwohl sie erst die Hälfte ihrer Haftstrafe verbüßt hat. Gab es einen Agentenaustausch?
Bundeswehr wirbt auf Jugendmesse "You" – Proteste geplant
Jugendmesse
Bei Deutschlands größter Jugendmesse "You" Ende November wird auf die Bundeswehr offensiv um Nachwuchs werben. Kriegsgegner wollen den Messestand verhindern. Doch vom Prokuristen der Westfalenhallen fühlen sie sich eingeschüchtert. Der Mann soll ihnen mit einem Geheimdienst gedroht haben.
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

 
Fotos und Videos