Handschlag und Wangenkuss: Tsipras wirbt um Vertrauen

Brüssel/Athen..  Alexis Tsipras können Rückschläge offensichtlich wenig anhaben. Lächelnd posiert der neue griechische Regierungschef vor den Kameras beim EU-Gipfel. Von den gescheiterten Finanzminister-Verhandlungen für einen Fahrplan zur Rettung seines hochverschuldeten Landes ist nicht viel zu hören. Zuversicht, so lautet das Motto, wir werden eine für alle vertretbare Lösung finden.

Der 40-jährige Chef des Linksbündnisses Syriza verkündet in Europas Hauptstadt wortgewaltig die Wende: „Es ist die Stunde gekommen, um die Politik zu verändern, um eine europäische Agenda zu schaffen, die auf Wachstum basiert.“

Tsipras kommt zum Brüsseler Spitzentreffen mit offenem Hemdkragen, Einstecktuch und Schal. In der Gipfelrunde geht er offensiv auf Bundeskanzlerin Angela Merkel zu, begrüßt sie mit Handschlag, lacht über das ganze Gesicht.

Die deutsche Regierungschefin erwidert die freundlichen Gesten. Sie ist zu spät gekommen, nach endlosen Friedensverhandlungen zur Ukraine in Minsk. Trotz der Strapazen wirkt die Kanzlerin freudig - und auch ein wenig stolz nach der Vereinbarung über eine Waffenruhe für das Kriegsgebiet Donbass.

Mit Blick auf Griechenland gibt sie sich durchaus offen für Kompromisse. „Noch haben wir ja ein paar Tage Zeit.“ Sie freue sich auf die erste Begegnung mit Tsipras, fügt sie beim Eintreffen hinzu.

Tsipras, der starke Mann aus Athen, umarmt später den italienischen Amtskollegen Matteo Renzi, Wangenküsse dürfen dabei nicht fehlen. Auch der machtbewusste Sozialdemokrat aus Florenz pocht seit Amtstritt im vergangenen Jahr auf mehr Wachstum und Investitionen in Europa.

Trotz freundlicher Gesten lastet das ungelöste Problem Griechenland auf dem Gipfel. Nicht alle Partner empfangen Tsipras mit Lobeshymnen. „Die Zeit für Griechenland läuft ab“, warnt der kühle Finne Alexander Stubb.

Die Zeitläuft ab

In den Reihen der Staats- und Regierungschefs ist Unmut zu spüren, dass die Euro-Finanzminister in der Nacht vor dem Gipfel noch nicht einmal eine gemeinsame Erklärung zustande brachten.

Die Euro-Partner pochen darauf, dass Athen eine Verlängerung des Rettungsprogramms beantragt - was Tsipras und sein kantiger Finanzminister Gianis Varoufakis bisher ablehnen. Die Zeit drängt, denn das bisherige Programm läuft zum Monatsende aus.

„Ich bin sehr besorgt über die Lage, die eingetreten ist“, resümiert der frühere Euro-Retter und jetzige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker. „Zwischen der Eurozone und Griechenland darf es keine verfahrene Situation geben“, ergänzt der britische Premier David Cameron, dessen Land den Euro wohl nie einführen wird. Nötig sei hingegen ein Kompromiss - das sei auch im Sinne Großbritanniens.

Im fensterlosen Sitzungssaal des schmucklosen EU-Ministerratsgebäudes gibt es Glückwünsche und Schulterklopfen für François Hollande. Er saß in Minsk am Verhandlungstisch. Der französische Staatspräsident, der nach den Pariser Terroranschlägen vom Jahresbeginn an Statur gewann, zeigt dabei wenig Emotionen.

Es sei wichtig, auch künftig den nötigen Druck auszuüben, damit es Frieden in der Ukraine gebe, meint der Herr des Elyséepalastes nachdenklich. „Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.“

Merkel und Hollande treten beim Gipfel im Duo auf. Bisher galt das Verhältnis der deutschen Christdemokratin und des französischen Sozialisten als eher gespannt, vor allem wegen unterschiedlicher Vorstellungen in der Budget- und Finanzpolitik. Nun agieren die beiden zusammen auf der Weltbühne.

Manche in Brüssel betrachten Minsk schon als mögliche Wiedergeburt der für Europa ganz wichtigen deutsch-französischen Partnerschaft.