Großes Interesse im Reich der Mitte

Shanghai..  Dass das Ruhrgebiet einmal zum Exportschlager taugen würde, hatte die Mülheimerin Hannelore Kraft wohl selbst nicht geglaubt. Als die NRW-Ministerpräsidentin gestern während ihrer China-Reise in der Regierungszentrale in Peking vorgefahren wurde, muss sie Zweifel vor dem chinesischen Vize-Präsidenten, Wang Yang, aber gut verborgen haben.

Wang Yang, immerhin einer der 25 mächtigsten Männer des 1,4-Milliarden-Reiches und zuständig für Wirtschaftsfragen, ließ sich von der deutschen Landeschefin so lange von der Strukturwandel-Geschichte und den inzwischen überdurchschnittlichen Wachstumsraten des Ruhrgebiets vorschwärmen, bis er sich selbst in dieses deutsche Revier zwischen Dortmund und Duisburg einlud. In diplomatischen Kreisen wurde die kurzentschlossene Besuchszusage eines chinesischen Regierungsmitglieds als „höchst ungewöhnlich“ gewertet.

Zumal Kraft die heikle Menschenrechtsfrage in ihrem ranghöchsten Termin während der einwöchigen China-Reise durchaus thematisierte. Sie wies Wang Yang darauf hin, dass sie trotz aller wirtschaftlichen Interessen NRWs das Schicksal einer inhaftierten Journalistin der Deutschen Welle nicht kalt lasse. Dem bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der zuletzt als Landesregierungschef durch China tourte, hatte man noch vorwerfen müssen, dass er im ökonomischen Eifer die prekäre Menschenrechtslage gar nicht erst zur Sprache brachte.

Wang Yang will schnellstmöglich ins Ruhrgebiet reisen, um sich etwas abzuschauen. „Unsere Kernkompetenz ist Strukturwandel“, erklärte Kraft selbstbewusst. Und: „Wir sind die Spezialisten für Umweltschutz und Klimatechnik.“ Projekte wie das Öko-Vorzeigeviertel „Innovationcity Bottrop“ interessieren neuerdings in Peking. Die Erfolgsgeschichte Chinas als billigste Werkbank der Welt ist ins Stocken geraten. Das immer noch imposante Wirtschaftswachstum von sieben Prozent ist das schlechteste seit sechs Jahren. Steigende Lohnkosten, wachsende Umweltprobleme und eine neuerdings negative Demografie-Kurve weiten den Blick der Parteikader.

Kraft hat zwar viele Bergbau-Zulieferer aus dem Ruhrgebiet in ihrer mehr als 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation mit nach China genommen. Sie suchen für die Zeit nach dem deutschen Zechen-Aus 2018 neue Absatzmärkte für ihre Technologie. Doch die Chinesen interessieren sich neuerdings auch für ökologische Lösungen wie Abwasser-Systeme oder städtebauliche Ideen.

Es geht um viel. Nach den Niederlanden ist China bereits größter Handelspartner NRWs. Die Hälfte aller deutschen Direktinvestitionen Chinas geht an Rhein und Ruhr.