Gewalt eskaliert in Afghanistan

Die Nato-Soldaten rollen die Flagge ein: Der Nato-Kampfeinsatz endet nach 13 Jahren.
Die Nato-Soldaten rollen die Flagge ein: Der Nato-Kampfeinsatz endet nach 13 Jahren.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Kurz vor dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes steigt die Zahl der zivilen Opfer an. Am 1. Januar beginnt die Nachfolgemission, die sich auf Ausbildung konzentriert

Kabul.. Es ist früher Abend am 10. Dezember in der ostafghanischen Provinz Parwan, drei Wochen später wird der Nato-Kampfeinsatz am Hindukusch enden. Fünf junge Männer haben sich in einem Garten neben einer Moschee versammelt, um für die Aufnahmeprüfung der Universität zu lernen. Ihr Tod kommt wie aus dem Nichts: Eine Drohne der ausländischen Truppen feuert eine Rakete ab, die einen Taliban-Kommandeur hätte treffen sollen. Von seinem Sohn seien „nur Fleischstücke“ übrig geblieben, sagt der Vater Khan Agha.

Aghas Urteil über die ausländischen Truppen fällt entsprechend vernichtend aus: „Wenn sie solche Sachen machen, hassen wir sie“, sagt er. „Warum töten sie Unschuldige?“ Dass die allermeisten Zivilisten im Afghanistan-Krieg von den Taliban getötet werden, ist für den trauernden Familienvater in diesem Moment ohne Belang.

Klage über Tod von Zivilisten

Der Tod von Zivilisten ist einer der größten Kritikpunkte am Kampfeinsatz der Nato-geführten Schutztruppe Isaf, der zum Jahresende ausläuft. Als die Truppen Ende 2001 in Marsch gesetzt wurden, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass der Einsatz 13 Jahre dauern würde – und dass an dessen Ende rund 3500 Gefallene aus mehr als zwei Dutzend Ländern betrauert werden müssen.

Nato-Einsatz Ob der Einsatz trotz des hohen Blutzolls ein Erfolg war, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Isaf-Vizekommandeur Carsten Jacobson hält die Ziele für erreicht. „Was der Isaf ins Auftragsbuch geschrieben war, ist erfüllt“, sagt der Bundeswehr-Generalleutnant. Die Isaf habe die Bildung einer Regierung und den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte ermöglicht, an die sie nun die Verantwortung abgegeben habe.

Heute gehen zudem rund zehn Millionen Kinder zur Schule, die medizinische Versorgung und die gesamte Infrastruktur des Landes wurden deutlich verbessert. Auf der anderen Seite ist Afghanistan weiterhin der größte Drogenproduzent und eines der korruptesten Länder weltweit. Und die Gewalt eskaliert. In den ersten elf Monaten des Jahres verzeichneten die Vereinten Nationen mehr zivile Opfer als je zuvor. 3188 Zivilisten wurden getötet, 6429 weitere verletzt. Bis Mitte November wurden nach Angaben des Innenministeriums außerdem mehr als 6000 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte getötet – nach 4300 im gesamten Jahr 2013.

Die Isaf-Nachfolgemission „Resolute Support“ wird sich auf Ausbildung und Beratung afghanischer Sicherheitskräfte konzentrieren, aber keinen Kampfauftrag mehr haben. Mit rund 12 000 Soldaten – darunter bis zu 850 Deutsche – wird sie viel kleiner sein als die Isaf, die zu Spitzenzeiten 140 000 Soldaten im Land hatte. Nach einem weiteren Jahr soll der Einsatz ganz enden: Die Amerikaner, die größten Truppensteller, wollen ihre Soldaten dann fast vollständig aus Afghanistan abziehen.