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NSU-Prozess

Gericht verhandelt über ersten Mord der NSU-Terroristen

09.07.2013 | 19:25 Uhr
Gericht verhandelt über ersten Mord der NSU-Terroristen
Am 20. Verhandlungstag ging es im NSU-Prozess um den Mord an dem Nürnberger Blumenhändler Enver Simsek.Foto: dpa

München.  Es war der erste Mord der Neonazi-Terroristen des "Nationalsozialistischen Untergrunds": Am 9. September 2000 erschossen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek. Am Dienstag begann das Oberlandesgericht München im NSU-Prozess mit der Beweisaufnahme zu der ersten Tat der Mordserie.

An der Liegnitzer Straße, die von dem Dorf Altenfurt nach Nürnberg hinein führt, beginnt sich das Grün der Bäume an manchen Stellen leicht ins Gelbliche zu verfärben. Der Himmel ist blau, der Sonnenschirm rot, der Kleinlaster weiß.

Dazwischen die Blumen.

Der 9. September 2000 war ein schöner, warmer Spätsommertag – dies atmen die Fotos förmlich aus, die auf zwei Leinwände im Gerichtssaal geworfen werden. Mehr als 30 Bilder zeigen das merkwürdige Idyll aus jeder erdenklichen Perspektive, bis plötzlich andere, detaillierte Aufnahmen folgen. Fußabdrücke, Zigarettenkippen, Reifenspuren.

Es sind Tatortfotos, die am Dienstag im Schwurgerichtssaal A 101 in München gezeigt werden. Als nächstes kommen die Bilder aus dem Inneren des Mercedes Sprinter dran. Zwischen Blumen sieht man eine große rot schimmernde Lache, mittendrin ein rötlich verfärbter Zahn.

Mord an Enver Simsek steht exemplarische für andere Opfer

„Hier ist massiv Blut ausgetreten“, ist aus den Lautsprechern zu hören. Die Stimme gehört Dieter S., 60 Jahre alt, Kriminalhauptkommissar aus Nürnberg. Er war an jenem Septembersamstag der zuständige Tatortermittler. Er kommentiert die Bilder, die Einschusslöcher und Patronenhülsen zeigen.

Die Prozedur, die sich am 20. Verhandlungstag des NSU-Prozesses vollzieht, ähnelt jener vor zwei Wochen. Damals befasste sich der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichtes München mit Abdurrahim Özüdogru, der im Juni 2001 in seiner Nürnberger Änderungsschneiderei erschossen wurde.

NSU-Prozess
NSU-Prozess wird mindestens bis Ende 2014 dauern

Für den NSU-Prozess hat das Oberlandesgericht München Verhandlungstermine bis Ende 2014 angesetzt. Eine Gerichtssprecherin bestätigte entsprechende Berichte. Bislang hatte das Gericht Termine bis Januar 2014 angesetzt, jetzt soll es rund zu den 85 geplanten zusätzliche 100 Verhandlungstage geben.

Nun geht es, wie es der Vorsitzende Richter Manfred Götzl formuliert, um „eine Tat zum Nachteil von Herrn Şimşek“. Man könnt auch etwas schlichter sagen: Es geht um den Mord an einem Mann, der nur 38 Jahre alt werden durfte, an einem Vater zweier Kinder, an jemandem, der sich von einfachen Arbeiter zum erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet hat. Der weiße Laster trägt eine Aufschrift mit seinen Namen: „Blumen Simsek“.

Dieser Mord ist der erste, der dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ zugerechnet wird. Und er steht exemplarisch für viele Opfer der Terrorgruppe, die sich NSU nannte.

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gaben sechs Schüsse ab

Şimşek war 1985 nach Deutschland eingewandert und hatte als Fabrikarbeiter in Fulda gelebt, bevor die Familie nach Schlüchtern zog. Dort gründete er seinen Blumengroßhandel, mit einem Fachgeschäft und mehreren mobilen Verkaufsständen. Die Kinder, Sohn Abdulkerim und Tochter Semiya, besuchten Internate. Sie waren, als der Mord geschah, 13 und 14 Jahre alt.

NSU-Prozess
Rätsel um Polizei-Fotos zur Tatwaffe des NSU-Trios

Im NSU-Prozess hat sich das Gericht am Donnerstag erneut mit den Waffen des Trios auseinandergesetzt. Der Angeklagte Carsten S. beanstandete grundverschiedene Fotos der Pistolen; ein als Zeuge geladener Polizist enttäuschte mit Sehschwächen und fehlender Waffenkenntnis.

Die Mörder kamen an jenem 9. September zwischen 12.45 und 14.45 Uhr, als Şimşek gerade Blumen im Lieferwagen sortierte. So steht es in der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und ihre drei Mitangeklagten. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gaben sechs Schüsse ab, sechs davon mit einer Pistole Ceska 83.

Ein Schuss des ersten Täters verfehlte das Opfer, vier trafen den Kopf, einer die Brust. Nachdem Şimşek zu Boden ging, feuerte der zweite Täter mit einer Pistole Marke Bruni. Eine der Kugeln blieb im Kopf stecken und sorgte dafür, dass Şimşek zwei Tage später im Krankenhaus starb.

Denn Şimşek lebte, als ihn am Nachmittag der Polizist Karl W. mit seinem Kollegen fand. „Er lag auf dem Rücken , mit den Füßen zur Schiebetür, im Gesicht blutverschmiert“, erzählt der inzwischen pensionierte Beamte im schönsten Fränkisch. Und ja, „er hechelte noch“.

„Ganz schlimm für die Hinterbliebenen“

Dieser kleine Satz ist es, der Stephan Lucas am Ende des 20. Verhandlungstages nochmals kommentieren will. Der Beamte, sagt er, hätte dies alles gewiss „sachlich“ und „nüchtern“ beschrieben. Aber man solle sich doch mal vorstellen, was diese Nüchternheit für die Opfer bedeute. Dies sei „ganz schlimm für die Hinterbliebenen“.

Lucas in einer der beiden Anwälte von Semiya Şimşek, der Tochter des Ermordeten. Sie trat in den vergangenen Monaten immer wieder stellvertretend für die anderen Nebenkläger öffentlich auf. Und sie beschrieb in einem Buch, was es bedeutete, dass die Polizei immer nur ihre Familie verdächtigte, statt ernsthaft Neonazis als Täter in Betracht zu ziehen.

Am gestrigen Verhandlungstag blieben Semiya Şimşek die Bilder mit dem Blut ihres Vaters erspart. Sie hat gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht – das seinen Großvater Enver Şimşek nie sehen wird.

Martin Debes



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