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Gesundheitspolitik

Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern

01.02.2016 | 06:00 Uhr
Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern
Kinderkrankenschwestern fürchten um die Qualität ihres Berufs.Foto: dpa

Essen.   Umstrittener Gesetzentwurf des Bundes spaltet die Gesundheitsbranche. Zahlreiche Kinderkrankenschwestern fürchten nun um die Qualität ihres Berufs.

Das Leiden geht durch die gesamte Branche. Die geplante Reform der Pflegeberufe spaltet Klinikbelegschaften und Ärztevertreter. Zur Schmerzlinderung bleibt nicht mehr viel Zeit. Noch in diesem Jahr wollen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) das neue Pflegeberufsgesetz durch die Gremien bringen. Das Bundeskabinett hat den Entwurf schon abgesegnet. Ende Februar berät der Bundesrat.

Reformpläne
Neue Pflegeausbildung könnte Ende der Krankenschwester sein

Die Minister Hermann Gröhe und Manuela Schwesig wollen die Ausbildung in der Pflege neu regeln. Geplant ist eine einheitliche Lehre.

Aus Sicht der Berliner Koalition ist das Gesetz eine Art Allheilmittel gegen den Personalnotstand im Pflegebereich. Der „Zukunftsberuf Pflege“ werde „noch attraktiver“, ist sich Minister Gröhe sicher. Im Kern geht es darum, die bisher getrennten Ausbildungswege zur Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflegekraft zu einer einheitlichen Pflegeausbildung zu verschmelzen. Wer sich für den Pflegeberuf entscheidet, dem soll damit nach dem Willen der Bundesregierung „eine qualitativ hochwertige und zukunftsfähige Ausbildung geboten werden, die ein breites Spektrum an Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet“. Kritiker sprechen dagegen von einer Schmalspurausbildung.

Kinderkrankenschwestern als Verlierer der Reform?

Heftiger Widerstand kommt aus der Kindermedizin. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt davor, die bisher spezialisierte Fachausbildung zur Kinderkrankenschwester „kaputt zu reformieren“. Der Verband unterstützt eine Bundestagspetition zum Erhalt des bestehenden Ausbildungssystems. Der Eingabe schlossen sich bundesweit 80 000 Unterstützer an.

Eine einheitliche Meinung gibt es auch in der Gesundheitsszene des Ruhrgebiets nicht. Auf Nachfrage möchten Kliniken der Region offiziell keine Stellung beziehen. Die Belegschaften seien im Für und Wider der Reform gespalten. Eine Kinderkrankenschwester in leitender Position möchte dennoch Gehör finden, ihren Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen. Kinderkrankenpflege, betont die Frau mit jahrelanger Berufserfahrung im Gespräch mit unserer Redaktion, brauche eine besondere Ausbildung, und zwar von Anfang an.

Hartnäckiger Widerstand aus NRW gegen geplante Reform

Die Reform aber führe dazu, dass angehende Pflegekräfte erst im dritten Ausbildungsjahr eine Kinderklinik von innen sähen und vorher noch nie einen Säugling auf dem Arm gehabt hätten. „Das grenzt an eine Katastrophe“. Die Vereinheitlichung der Pflegeausbildung hält sie zudem für zu „arbeitgeberfreundlich“, weil Klinikleitungen verleitet werden könnten, die einheitlich ausgebildeten Pflegekräfte künftig eher nach Stellenbedarf einzusetzen, denn nach Qualifikation.

Alter
Zahl der Pflegebedürftigen explodiert - Heime reichen nicht

Jedes Jahr werden in NRW 100.000 Menschen pflegebedürftig. Das könne man nicht allein mit dem Bau von Pflegeheimen auffangen, so Ministerin Steffens.

Auf politischer Ebene kommt der hartnäckigste Widerspruch aus NRW. Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) gilt als überzeugte Gegnerin des Gesetzesvorhabens in derzeitiger Form. „Der Schnellschuss bei der Reform der Pflegeberufe gefährdet die pflegerische Versorgung“, ist Steffens überzeugt. Der Bund müsse das Gesetzgebungsverfahren stoppen.

Wie der Kinderärzte-Verband sieht auch die Grünen-Ministerin besonders die Zukunft der Kinderkrankenpflege gefährdet. „Kinderkrankenpflege kann man nicht mit Alten- und Krankenpflege in einen Topf werfen. Sie ist ein ganz eigener Bereich. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“, so Steffens. Die Landesministerin sieht durch das Reformvorhaben Probleme auch auf die Altenpflege zukommen, die laut Bundesgesundheitsministerium gerade gestärkt werden soll.

Sorge um Lehrstellen

Knackpunkt aus Sicht des NRW-Gesundheitsministeriums ist der Umbau in der Ausbildungsfinanzierung. Weil ambulante Pflegedienste durch die Anrechnung von Arbeitszeiten der Azubis künftig auf nahezu einem Viertel der Ausbildungskosten sitzen bleiben würden, fürchtet Steffens den Ausstieg vieler Betriebe aus der Ausbildung. Das treffe NRW besonders hart. Denn durch die Einführung eines Umlagesystems sei es hier gelungen, viele ambulante Dienste als Ausbildungsbetriebe hinzuzugewinnen und die Zahl der Ausbildungsplätze in der Altenpflege innerhalb von drei Jahren von unter 10 000 auf über 17 000 zu erhöhen. Steffens: „Diese Steigerung der Ausbildungszahlen zu gefährden, wäre ein Super-GAU für die pflegerische Versorgung in NRW.“

Ob sich die Ministerin in den anstehenden Beratungen durchsetzen wird, ist indes fraglich. So deutlich wie NRW stellt sich derzeit kein anderes Bundesland gegen die Gröhe-Reform. Auch an Rhein und Ruhr ist Steffens’ harte Haltung nicht unumstritten. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Theodor Windhorst, hält Korrekturen am Entwurf mit Blick auf die Qualität der Pflege zwar für erforderlich, begrüßte die Ausbildungsreform gegenüber dieser Zeitung aber als überfälliges „Signal zur Aufwertung der Pflegeberufe“.

Michael Kohlstadt

Kommentare
02.02.2016
05:56
Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern
von KaterVinc | #4

Eigentlich hatte man erwartet, dass nach vielen Jahren diverser Experimente in der Gesundheitspolitik, durch die GroKo eine Stabilisierung eintreten...
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1 Antwort
Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern
von anneme | #4-1

Schon in den 90gern haben Krankenschwesternnach in der ambulante Pflege oder in Altenheimen gearbeitet. Eine Zusammenfassung der Ausbildung sowohl von Kindern , als auch Alten oder Kranken... ist meiner Meinung nach nur Augenwischerei, um die eigentliche Ursache zu vertuschen und ggfs. die Kosten zu senken.
Sinnvoll wäre: Ein gesunder Personalschlüssel, mit hohen Strafauflagen der Arbeitgeber, wenn diese nicht eingehalten werden.Anpassung der Arbeitszeiten , mit Rücksichtnahme auf Familie und sozoiale Kontakte. Der Beruf ist ein "Knochenjob", der auch den Pflegenden Auszeiten zur Erholung bieten muss/ sollte. Stattdessen ständiges Einspringen, Überstunden ohne Ende.Unangemeldete kontrollen durch den Arbeitsschutz mit Einsichtnahme in die Dienstpläne, u.a. einhalten der Arbeitszeit, Ruhezeit und Pausen.Unangemeldete Kontrollen durch das Gesundheitsamt zwecks Einhaltung der Hygiene.Solange die Politik sich den Krankenkassen und Arbeitgebern beugt, wird sich für die Pflege nichts ändern.

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Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern
Geplante Reform sorgt für Ängste bei Kinderkrankenschwestern
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2016-02-01 06:00
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