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Geehrt und vergessen – extreme Schicksale zweier US-Veteranen

Geehrt und vergessen – extreme Schicksale der US-Veteranen

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161507810 Foto: afp
Wenn es um öffentliche Verlautbarungen geht, werden amerikanische Kriegsveteranen oft als Helden gefeiert. Clinton Romesha bekam gerade den höchsten Tapferkeitsorden. Ein Kamerad, der ehemalige Elite-Soldat, der Osama bin Laden tötete, hat weder Job noch Krankenversicherung.

Washington. 

Amerika stellt seine Veteranen des Krieges in besonderen Augenblicken auf das höchste Podest und verneigt sich vor ihnen. Amerika stellt seine Veteranen in anderen Momenten in den Schatten und lässt sie im Stich. Dass beides an einem Tag geschieht und die Weltöffentlichkeit dabei zusehen kann, ist selten. Aber darum nicht weniger wahr. Beginnen wir mit Staff Sergeant Clinton Romesha.

Wer den 31-jährigen Kalifornier am Montag im Weißen Haus sitzen sah, verlegen und mit zitternden Lippen, wurde Zeuge so eines besonderen Augenblicks. Romesha ist der vierte lebende US-Soldat seit Ende des Vietnam-Krieges, der mit dem höchsten Tapferkeitsorden ausgezeichnet wurde, denn die größten Militärstreitkräfte der Welt zu vergeben haben – der „Medal of Honor“. Präsident Barack Obama schilderte vor ausgewählten Gästen bis in kleinste Detail den 3. Oktober 2009, als Romeshas Einheit in einem Außenposten in der afghanischen Provinz Nuristan unter feindliches Feuer geriet.

Obama nennt Romeshas Einsatz „unerreicht“ und „heldenhaft“

350 bis an die Zähne mit Gewehren, Panzerfäusten und Raketenwerfern ausgerüstete Taliban-Kämpfer, so vermerken es die offiziellen Papiere des Pentagon, standen rund 50 GIs gegenüber. Camp Keating drohte überrollt zu werden. Im Laufe eines über zwölf Stunden andauernden Gefechts, das der CNN-Korrespondent Jake Tapper auf Basis von über 200 Interviews in seinem neuen Buch als einen der „höllischsten“ Kämpfe des gesamte Afghanistan-Krieges beschreibt, gelingt es den zahlenmäßig unterlegenen US-Soldaten, die Angreifer zurückzuschlagen. Romesha, selbst durch Schrapnell-Wunden schwer verletzt, rettet durch seinen Einsatz 40 Kameraden das Leben. Acht Soldaten sterben.

Obama bezeichnete den Einsatz des seit 2011 als Mitarbeiter eines Öl-Unternehmens in North Dakoto ins zivile Leben zurückgekehrten Romesha als „unerreicht“, „heldenhaft“ und „außergewöhnlich“. Tish und Gary, seinen Eltern, Ehefrau Tammy und den Kindern Dessi, Gwen und Colin standen die Tränen in den Augen, als Obama bei der live im Fernsehen übertragenen Zeremonie dem bescheiden auftretenden Mann im Namen des amerikanischen Volkes den Orden am blauen Band umhängte.

Spektakulärste Menschenjagd der jüngeren amerikanischen Geschichte

So viel Ehre wurde der anonym „The Shooter“ (Schütze) genannten Hauptperson in einem Aufsehen erregenden Report des Magazins „Esquire“ bis heute nicht zuteil. Nicht irgendein Schütze. Die durch monatelange Recherche entstandene Geschichte des renommierten Reporters Phil Bronstein beschreibt das Schicksal jenes Elite-Soldaten der Spezial-Einheit Navy Seal Team 6 aus Virginia Beach, der in den frühen Morgenstunden des 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad Osama Bin Laden drei Kugeln in den Kopf jagte.

Eindringlich und dicht beschreibt Bronstein aus der Perspektive des „Schützen“ die zuletzt durch mehrere Bücher und den Kino-Film „Zero Dark Thirty“ öffentlich gewordene Chronologie der spektakulärsten Menschenjagd in der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Die Wirklichkeit sieht anders aus

Bei weitem interessanter ist das, was aus dem „Shooter“ geworden ist, der seinen Namen aus Angst vor Racheakten islamistischer Todeskommandos unter Verschluss hält. Nach 16 Jahren verließ er im vergangenen Jahr die Marine. Mit Schusswunden-Narben, Arthritis, Sehnenscheidenentzündungen, kaputten Augen wie Bandscheibenvorfällen. Und, wie Bronstein im Frühstücksfernsehen des Senders NBC sagte, einem Sack voller Probleme. „Keine Pension, keine Krankenversicherung, keine Hilfe für sich und seine Familie. Die Ehe ist kaputt.“

Die berufliche Zukunft wohl auch. Die Armee bot dem Mann, in dessen Ausbildung hunderttausende Dollar gesteckt wurden und der vor dem Erreichen der Pensionsgrenze von 20 Dienstjahren abtrat, einen Job als Lkw-Fahrer für eine Brauerei in Milwaukee an. Vorausgesetzt, er nimmt eine neue Identität an. „Wie ein Mafia-Spitzel hätte ich den Kontakt zu Familien und Freunde abbrechen müssen“, zitiert Bronstein den „Schützen“, „ich hätte alles verloren“.

Präsident Obama hatte beim letzten Veteranen-Feiertag am 11. November folgendes gesagt: „Niemand, der in Übersee für sein Land gekämpft hat, soll jemals für einen Job kämpfen müssen oder ein Dach über dem Kopf oder die Hilfe, der er verdient hat, wenn er zurück in die Heimat kommt.“ Die Wirklichkeit sieht anders aus.