Fußball statt Krieg in der Ost-Ukraine

Debalzewo..  Der Morgen ist still gewesen, der erste stille Morgen seit Monaten. Vom Raureif überzogene Sträucher schweben wie silberne Wolken über dem Schlachtfeld von Debalzewo. Aber die Winteridylle trügt, irgendwo im frostigen Nebel erwacht eine Artilleriestellung nach der anderen. Hinter Swetlodarsk dröhnen wie Trommelschläge die Kanonenschüsse einer Batterie. Die ukrainischen Infanteristen im festgefrorenen Schlamm des Blockpostens Semigorje aber sagen, sie trauten keinem Waffenstillstand. „Russische Wahrheit“, spottet der lange Dmitri, „bedeutet Lüge, russischer Frieden bedeutet Krieg.“ Die anderen Soldaten grinsen. Trotz aller Verluste, Niederlagen, trotz der Kälte, wollen sie lieber weiter kämpfen als dem Feind trauen.

Am Sonntagmorgen um null Uhr begann die Waffenruhe, auf die sich Ukrainer, Russen und Rebellen am Donnerstag nach mühsamen Verhandlungen in Minsk geeinigt hatten. Nach immer erbitterten Kämpfen, bei denen die Artillerie beider Seiten immer wahlloser Wohnviertel, Krankenhäuser und Kindergärten bombardierten. Bei Debalzewo hat die neue Waffenruhe keinen halben Tag gehalten.

Raketenwerfer wummern, die Frontstadt Swetlodarsk liegt wie ausgestorben, Bombensplitter haben die Glasfassade des Krankenhauses zertrümmert, eine Krankenschwester starb, ein Großteil des Personals, alle Verletzten und Kranken sind inzwischen nach Artjomowsk evakuiert worden, Oberschwester Valentina Walissewna hält fast allein die Stellung. „In der Stadt beten alle, dass sie aufhören zu schießen. Aber wer erhört uns?“

Es gibt kein Gas in der Stadt, in den meisten Wohnblocks sind die Heizungen ausgefallen, ein Großteil der Frauen, Kinder und Alten haust jetzt in Luftschutzkellern, beheizt mit selbstgeschmiedeten Eisenöfchen. Draußen aber stehen zwei junge Männer vor der angerissenen Wand eines 14-Etagen-Plattenbaus und beratschlagen: Hat es heute Zweck zu versuchen, nach Hause zu fahren? Der eine, Ruslan, stammt aus der eingekesselten Stadt Debalzewo, der andere, Andrei, aus dem umkämpften Dörfchen Longwinowo. „Wir wollen sehen, was überhaupt übrig geblieben ist von unserem Zuhause.“

Aber die Straße nach Debalzewo bleibt gesperrt, am Ortsausgang von Luganskoe, elf Kilometer weiter nördlich, winkt ein ukrainischer Posten alle Pkw zurück: „Zu gefährlich.“ Was dort passiert? „Das sagt ihnen keiner.“

Der 15-Häuser-Weiler Longwinowo an der Hauptstraße Debalzewo-Artjomowsk wechselte in der vergangenen Woche mindestens dreimal den Besatzer. Die Rebellen behaupten, sie hätten bei Debalzewo fast 8000 Ukrainer eingekesselt. Und die wollen die Separatisten zur Kapitulation zwingen: „Wir werden das Feuer auf dem gesamten Gebiet der Donezker Volksrepublik einstellen, außer in den inneren Gebieten – also Debalzewo“, verkündete Rebellenführer Alexander Sachartschenko am Samstag. Schließlich werde im Minsker Abkommen Debalzewo mit keinem Wort erwähnt.

Die Ukrainer ihrerseits behaupten, noch am Samstag die Nebenstraße über Losowoje freigekämpft zu haben, seitdem hätten schon vier Nachschubkonvois die Stadt erreicht. Der ukrainische Präsident Pjotr Poroschenko, der seit den Minsker Gesprächen mit Vorliebe in Uniform auftritt, drohte mit Kriegsrecht, falls die Gegenseite den Waffenstillstand nicht einhält.

Ukrainische Offiziere in Artjomowsk aber erzählen, die Rebellen setzten jetzt im Raum Debalzewo Kosaken ein, die sich um keine Waffenstillstandvereinbarungen scherten. Ob das stimmt oder nicht, auf einem Feld bei Luganskoe sieht man feuernde ukrainische Artillerie, schwarze Rauchsäulen über dem Dörfchen daneben lassen ahnen, dass das Antwortfeuer der Rebellen auch hier in Wohnhäusern gelandet ist. Die Schlacht um Debalzewo geht weiter.

„Alle wollen doch Frieden“

Im Stab des Freiwilligenbataillons „Donbass“ präsentiert man gefangene Rebellen, die bei Longwinowo in die Hände der Ukrainer fielen. Zwei Männer in tarngrünen Anoraks und dicken Wollsocken sitzen auf dem Linoleumboden, ihre zerfledderten Springerstiefel stehen ohne Schnürsenkel daneben. Sie seien bei einem Angriff unter schweres Feuer geraten und abgeschnitten worden, erzählt der 22-jährige Jewgeni. Sie würden normal behandelt.

Aber auch die Kriegsgefangenen zucken nur die Schultern, als sie gefragt werden, was sie von dem Waffenstillstand halten. „Alle Leute wollen doch Frieden“, murmelt Alexander (29) der sich seine schwarze Mütze tief ins Gesicht gezogen hat. Aber er scheint nicht wirklich an diesen Frieden zu glauben.