Für viele Frauen ist die Wohnung der Tatort Nummer 1

Was wir bereits wissen
Jede vierte Frau macht in ihrem Leben Gewalt in der Beziehung durch - zwei Drittel der Betroffenen erleben schwerste körperliche und sexuelle Übergriffe. Diese Bilanz zieht die Gewerkschaft der Polizei zehn Jahre, nachdem das Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten ist.

Berlin.. Schreie. Poltern. Das herbe Klatschen einer Ohrfeige. Es sind die Laute, die auf „häusliche Gewalt“ hinter der nachbarlichen Wohnungstür deuten. Seit mehr als zehn Jahren zwingt das Gewaltschutzgesetz die Polizei in solchen Fällen zum Eingreifen – und es gibt der Polizei die Möglichkeit, ein zeitlich begrenztes Hausverbot gegen den Täter zu verhängen.

Der Eingriff fordert den Ordnungshütern nicht nur die Kompetenz ab, den Streit zu beenden, sondern auf die Schnelle auch neue Bleiben für Opfer und Täter zu besorgen und „Nachsorge“ zu betreiben. Manchmal über Jahre.

„Kein soziales Problem“

Die Erfahrung, die die Staatsmacht mit dem neuen rechtlichen Instrument gemacht hat: Die Wohnung ist nicht nur der Tatort Nummer eins in Deutschland mit der ganzen Straftats-Palette von Körperverletzung bis Mord.

Gewalt in Familien hängt auch nicht vom sozialen Status ab. „Ich habe den Fall einer Regierungsdirektorin erlebt, die von ihrem Mann geschlagen wurde. Sie konnte aus dieser Situation nicht ausbrechen“, sagt Dagmar Hölzl von der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Das ist kein soziales Problem.“

Ein Papier der Organisation über „Gewalt in sozialen Nahbeziehungen“ belegt: Jede vierte Frau erlebt Gewalt in ihrer Beziehung. Zwei Drittel der Betroffenen erleiden schwerste körperliche und sexuelle Schäden. Der schlimmste Fall: Am Ende sind auch 70 Prozent der getöteten Frauen Opfer ihrer Männer geworden, berichtet Anne Kortleben, Leiterin des Kommissariats für Tötungsdelikte in Göttingen.

Bundesweit ist die Zahl der Anzeigen meist gewaltbedrohter Frauen mit dem Inkrafttreten des Gesetzes 2002 sprunghaft gestiegen – um 90 Prozent. In Nordrhein-Westfalen hat es alleine im letzten Jahr 27.380 Strafanzeigen in diesem Zusammenhang gegeben.

13.000-mal erhielt der Täter, dem die Polizei in solchen Fällen den Wohnungsschlüssel abnimmt, ein Hausverbot von zehn Tagen. NRW, so lobt die GdP, habe übrigens die präzisesten Regeln für den nicht unkomplizierten Grundrechts-Eingriff, den die Polizei beim Hausverbot vornehmen muss.

Kostenloses Hilfetelefon

So befriedigt die Polizeigewerkschaftler über diese Entwicklung in NRW sind, so sehr sehen sie Verbesserungsbedarf. Denn jedes Bundesland definiert häusliche Gewalt anders. Einige sehen darin nur die Gewalt eines Partners gegen den anderen. Andere beziehen die Gewalt von Eltern gegen Kinder mit ein oder die „des Onkels gegen den Großvater“. Auch sei ein breiteres Netz von Auffangeinrichtungen für die Opfer nötig wie Frauenhäuser. In NRW gibt es davon 67.

Beim bundesweiten, kostenlosen Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (0 8000-11 60 16) sind in den ersten neun Monaten seit der Freischaltung rund 43.000 Anrufe eingegangen. Hilfesuchende bekommen hier Beratung in 15 verschiedenen Sprachen.