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Gewalt gegen Frauen

Für viele Frauen ist die Wohnung der Tatort Nummer 1

25.11.2013 | 17:45 Uhr

Berlin.   Jede vierte Frau macht in ihrem Leben Gewalt in der Beziehung durch - zwei Drittel der Betroffenen erleben schwerste körperliche und sexuelle Übergriffe. Diese Bilanz zieht die Gewerkschaft der Polizei zehn Jahre, nachdem das Gewaltschutzgesetz in Kraft getreten ist.

Schreie. Poltern. Das herbe Klatschen einer Ohrfeige. Es sind die Laute, die auf „häusliche Gewalt“ hinter der nachbarlichen Wohnungstür deuten. Seit mehr als zehn Jahren zwingt das Gewaltschutzgesetz die Polizei in solchen Fällen zum Eingreifen – und es gibt der Polizei die Möglichkeit, ein zeitlich begrenztes Hausverbot gegen den Täter zu verhängen.

Der Eingriff fordert den Ordnungshütern nicht nur die Kompetenz ab, den Streit zu beenden, sondern auf die Schnelle auch neue Bleiben für Opfer und Täter zu besorgen und „Nachsorge“ zu betreiben. Manchmal über Jahre.

Häusliche Gewalt
Privatsphäre hat Grenzen - von Dietmar Seher
Privatsphäre hat Grenzen - von Dietmar Seher

Die Wohnung ist und bleibt für den Rechtsstaat weitgehend eine Tabuzone. Das war, bis 2002, sogar bei mutmaßlicher Gewalt in Familien so. Strafverfolger durften hier nur in engen Grenzen auf den Plan treten. Das Gewaltschutzgesetz hat das geändert und die Kriminalstatistik auf den Kopf gestellt. Heute, mehr als zehn Jahre später, wissen wir, dass die Schläge von Mann gegen Frau, von Eltern gegen Kinder, von Enkeln gegen Großeltern ein Massendelikt sind, das Jahrzehnte ungeahndet blieb.

Weil sich geprügelte Frauen in der Not bei der Polizei melden und couragierte Nachbarn Alarm schlagen, kann der Staat heute seiner Schutzpflicht schon beim Anschein eines Verdachts nachkommen. Daraus darf eine Lehre für die Zukunft gezogen werden: Die Achtung der „Privatsphäre“ muss da aufhören, wo Menschen zu Schaden kommen. Alles andere ist ein rechts- und gesellschaftspolitischer Skandal.

„Kein soziales Problem“

Die Erfahrung, die die Staatsmacht mit dem neuen rechtlichen Instrument gemacht hat: Die Wohnung ist nicht nur der Tatort Nummer eins in Deutschland mit der ganzen Straftats-Palette von Körperverletzung bis Mord.

Gewalt in Familien hängt auch nicht vom sozialen Status ab. „Ich habe den Fall einer Regierungsdirektorin erlebt, die von ihrem Mann geschlagen wurde. Sie konnte aus dieser Situation nicht ausbrechen“, sagt Dagmar Hölzl von der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Das ist kein soziales Problem.“

Ein Papier der Organisation über „Gewalt in sozialen Nahbeziehungen“ belegt: Jede vierte Frau erlebt Gewalt in ihrer Beziehung. Zwei Drittel der Betroffenen erleiden schwerste körperliche und sexuelle Schäden. Der schlimmste Fall: Am Ende sind auch 70 Prozent der getöteten Frauen Opfer ihrer Männer geworden, berichtet Anne Kortleben, Leiterin des Kommissariats für Tötungsdelikte in Göttingen.

Bundesweit ist die Zahl der Anzeigen meist gewaltbedrohter Frauen mit dem Inkrafttreten des Gesetzes 2002 sprunghaft gestiegen – um 90 Prozent. In Nordrhein-Westfalen hat es alleine im letzten Jahr 27.380 Strafanzeigen in diesem Zusammenhang gegeben.

13.000-mal erhielt der Täter, dem die Polizei in solchen Fällen den Wohnungsschlüssel abnimmt, ein Hausverbot von zehn Tagen. NRW, so lobt die GdP, habe übrigens die präzisesten Regeln für den nicht unkomplizierten Grundrechts-Eingriff, den die Polizei beim Hausverbot vornehmen muss.

Kostenloses Hilfetelefon

So befriedigt die Polizeigewerkschaftler über diese Entwicklung in NRW sind, so sehr sehen sie Verbesserungsbedarf. Denn jedes Bundesland definiert häusliche Gewalt anders. Einige sehen darin nur die Gewalt eines Partners gegen den anderen. Andere beziehen die Gewalt von Eltern gegen Kinder mit ein oder die „des Onkels gegen den Großvater“. Auch sei ein breiteres Netz von Auffangeinrichtungen für die Opfer nötig wie Frauenhäuser. In NRW gibt es davon 67.

Beim bundesweiten, kostenlosen Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (0 8000-11 60 16) sind in den ersten neun Monaten seit der Freischaltung rund 43.000 Anrufe eingegangen. Hilfesuchende bekommen hier Beratung in 15 verschiedenen Sprachen.

Julia Emmrich und Dietmar Seher



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