Für Guntram Schneider ist Inklusion "eine soziale Frage“

NRW-Arbeits- und Sozialminister Guntram Schneider (SPD) ist auch zuständig für das Thema Inklusion.
NRW-Arbeits- und Sozialminister Guntram Schneider (SPD) ist auch zuständig für das Thema Inklusion.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Die NRW-Landesregierung will die Zahl der Förderschüler senken und mehr Behinderten Arbeit in regulären Unternehmen verschaffen. Um dies zu erreichen, fordert Minister Guntram Schneider eine Erhöhung der Schwerbehindertenabgabe, die Firmen zahlen müssen, die zu wenig Behinderte einstellen.

Duisburg.. Als erstes Bundesland hat NRW einen umfassenden Plan vorgelegt, um Behinderten in Schule, Freizeit und Arbeitsleben die gleichen Chancen zu bieten wie Menschen ohne Einschränkungen. Damit setzt die Landesregierung eine UN-Konvention um, die 2009 von der Bundesregierung ratifiziert wurde. Thomas Rünker sprach mit NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) über den neuen Inklusionsplan.

Herr Minister Schneider, die Landesregierung hat jetzt ihren Inklusionsplan vorgelegt, um das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung zu stärken. Was ist für Sie eigentlich Inklusion?

Guntram Schneider: Meine Lieblingsübersetzung ist „mittendrin statt nur dabei“. Es geht darum, Menschen mit Behinderungen nicht erst sozusagen nachträglich in die Gesellschaft zu integrieren, sondern ihnen von vornherein eine gleichberechtigte Teilhabe an allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Das ist eine Mammutaufgabe. Aber mit unserem Aktionsplan ‚Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv’ haben wir uns jetzt auf den Weg gemacht.

Nach einigen Irritationen im Vorfeld – etwa beim Thema Schulen...

Schneider: Irritationen wäre zuviel gesagt. Klar ist aber, dass der Schul- und Bildungsbereich ein Schwerpunkt der Inklusionsarbeit ist. Und da gibt es natürlich auch Ängste. Auf der einen Seite bei Eltern, die fürchten, dass ihr behindertes Kind in einer allgemeinbildenden Schule zu kurz kommt. Und auf der anderen Seite bei Lehrern, die sich zum Teil mit etwas völlig Neuem konfrontiert sehen. Deshalb hat die Arbeit hier ein bisschen länger gedauert.

Was planen Sie konkret?

Schneider: Im Schulbereich wollen wir die Zahl der Förderschüler minimieren. Es ist nicht akzeptabel, dass fünf Prozent der Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen Förderschulen besuchen. Wir werden diese Einrichtungen nicht abschaffen können, weil es für Kinder mit bestimmten, besonders schweren Behinderungen auch weiterhin besondere Schulen geben muss. Aber so wie es bisher läuft - Kinder mit Handicaps in einer Art Automatismus gleich auf die Förderschule zu schicken - ist es nicht akzeptabel.

Worauf es ankommt: "Gut ausgebildete Lehrer"

Ein paar Rollstuhl-Rampen werden nicht genügen, um die vielen Förderschüler an den regulären Schulen unterzubringen…

Schneider: Wir brauchen vor allem genügend Lehrer, die entsprechend ausgebildet sind. Im Moment haben wir erhebliche Lücken bei der Versorgung mit Lehrern, die heilpädagogische Kenntnisse haben. Bei diesem Thema werden wir künftig einen Schwerpunkt in der Lehrerausbildung setzen.

Wie viel Förderschulen soll es dann 2020 noch in NRW geben?

Schneider: Hoffentlich weniger als heute. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass der Anteil der Förderschüler dann immer noch bei fünf Prozent liegt.

Wo sehen Sie NRW beim Thema Inklusion im Bundesvergleich?

Schneider: Absolut an der Spitze. Wir sind das erste Bundesland, das zur Realisierung der Inklusion ein derart umfangreiches Programm vorgelegt hat. Nach der Sommerpause beginnen wir mit der Umsetzung. Aber trotz der Zeitschiene bis zum Jahr 2020 ist schon jetzt klar, dass das Thema Inklusion ein immerwährender Prozess ist, der nur mit der Zivilgesellschaft, mit den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege, der Behindertenarbeit und anderen Partnern gelingt.

Gerade jetzt zu den paralympischen Spielen in London unterstützt Ihr Ministerium Projekte des Behindertensportverbands. Warum ist Ihnen der Sport beim Thema Inklusion so wichtig?

Schneider: Der Sport hat eine unglaublich integrative Wirkung in die Gesellschaft. Egal ob Menschen mit unterschiedlicher geografischer oder kultureller Herkunft, aus unterschiedlichsten Schichten, ob arm und reich, jung und alt oder eben mit und ohne Handicap – alle treffen sich beim Sport. Das hält die Gesellschaft zusammen. Das Projekt „Challenge“, bei dem eine gemischte Crew aus behinderten und nicht behinderten Menschen an Bord eines Windjammers gemeinsam zu den Paralympics segelt, ist für mich ein Musterbeispiel für Inklusion. Eine so bunt gemischte Mannschaft, die gemeinsam anpacken muss, damit dieses Schiff ans Ziel kommt, ist doch ein wunderbares Vorbild für unsere Gesellschaft.

"Die größten Barrieren liegen in den Köpfen"

Wo sehen Sie beim Thema Inklusion die größten Barrieren?

Schneider: In erster Linie leider immer noch in den Köpfen. Barrierefreiheit beginnt nicht bei dem Absenken der Bürgersteige – obwohl auch das wichtig ist – sondern indem man akzeptiert, dass Anderssein ganz normal ist. Damit ist Inklusion nicht nur eine Weiterentwicklung der Behindertenpolitik, sondern ein Gesellschaftsmodell. Letztlich geht es um die Frage, wie die Menschen in ihrer Vielfältigkeit in einer Gesellschaft zusammenleben können. Wie. Damit ist Inklusion eine zutiefst soziale Frage.

Die sie mit immer knapperen Mitteln lösen müssen…

Schneider: Sie sprechen das Thema Finanzierung an. Selbstverständlich können wir auch im Behindertenbereich Gelder umschichten, um sie anderswo sinnvoller einzusetzen. Eines ist aber völlig klar: Ich werde keinen Sparmaßnahmen zustimmen, die für die Menschen mit Behinderungen und für ihre Familien zu Einschränkungen führen. Und wenn es ums Sparen geht, will ich Ihnen ein Beispiel nennen: Die Unterbringung behinderter Menschen in großen stationären Einrichtungen. Sie kostet viel Geld und wird meiner Meinung nach den Behinderten nicht immer gerecht. Deshalb sagen wir: Soweit es geht ambulant vor stationär. Menschen mit Behinderung benötigen Hilfe, die bis zur Vollzeitpflege gehen kann. Aber die Betroffenen sollen soweit wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das ist menschlicher – und preiswerter.

Teil des NRW-Inklusionsplans ist es auch, künftig weniger Menschen in speziellen Behinderten-Werkstätten zu beschäftigen.

Schneider: Zunächst einmal sind die Werkstätten für behinderte Menschen wichtige Einrichtungen. Aber es stimmt: Wir müssen uns viel stärker darum kümmern, Menschen mit Behinderungen im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Derzeit gibt es in Nordrhein-Westfalen mehr als 63.000 Werkstattarbeitsplätze in 104 Werkstätten. Das ist eine ganze Menge. Ich bin ganz sicher, dass ein großer Teil der Betroffenen auch in ganz normalen Unternehmen arbeiten könnte. Aber eben nicht alle. In den Werkstätten wird es auch immer Menschen geben, die nur dort eine Beschäftigung finden werden.

Eigentlich soll doch die Schwerbehindertenabgabe Firmen dazu bewegen, Behinderte einzustellen.

Schneider: Das funktioniert nicht richtig, weil diese Abgabe zu niedrig ist. Deshalb bin ich dafür, die Abgabe zu erhöhen und sie gleichzeitig zu entbürokratisieren. Zunächst zum Prozedere: Es ist ja so, dass Unternehmen Geld in einen Topf zahlen müssen, wenn sie keine oder nicht genügend Menschen mit Behinderungen einstellen. Aus diesem Topf werden schließlich Maßnahmen bezahlt, mit denen behinderte Menschen im Arbeitsmarkt integriert werden. Wir müssen viel stärker als bisher die Unternehmen darüber informieren, dass sie Geld aus diesem Topf in Anspruch nehmen können, um Arbeitsplätze behindertengerecht zu gestalten. Die Mittel werden bislang nicht ausreichend abgerufen.

"Inklusion darf jedenfalls kein Eintopf sein"

Sie fordern also auch mehr Engagement der Wirtschaft?

Schneider: Für die Unternehmen geht es nicht allein darum, behinderte Menschen aus sozialem Engagement einzustellen. Behinderte Menschen sind auch durchaus leistungsfähig, aber eben auf eine andere Weise. Es ist unglaublich, wie erfolgreich zum Beispiel Firmen in der Softwareentwicklung sind, die von Behinderten gegründet oder geleitet werden. Wir vergeben uns enorme wirtschaftliche Ressourcen, wenn wir diesen Bereich nicht stärker in den Fokus nehmen.

Egal ob Förderschulen oder Behindertenwerkstätten – wenn Sie Ihren Plan umsetzen, werden Sie eine ganze Reihe fest etablierter Institutionen zerschlagen müssen.

Schneider: Von Zerschlagung würde ich nicht reden. Gerade im Sozialbereich haben sich über die Jahre Strukturen etabliert und bewährt. Aber trotzdem darf die Politik den Konflikt nicht scheuen. Behindertenpolitik ist für die Menschen mit Behinderungen da – nicht für Verbände! Keine Frage, sie leisten hervorragende Arbeit. Und sie haben sich bei diesem Mammutthema längst mit auf den Weg gemacht. Aber wir haben uns viel vorgenommen. Und deswegen muss jeder auch für weitere Veränderungen bereit sein. Aber noch einmal: Eine erfolgreiche Inklusionspolitik in Nordrhein-Westfalen ist ohne die Verbände nicht möglich.

Wo sehen Sie – bei allen Schwierigkeiten – denn die besten Chancen für Inklusion?

Schneider: Grundsätzlich sehe ich das so, dass wir gerade in Zusammenarbeit mit den Behinderten- und Wohlfahrtsverbänden gute Chancen haben, die Barrieren in den Köpfen zu überwinden. Ich sehe jedenfalls, dass die Sensibilität für dieses Thema erheblich zugenommen hat. Vor 20 Jahren war diese Arbeit noch ein Randthema in der Gesellschaft.

Ähnlich wie die Paralympics im Sport…

Schneider: Ja, auch hier hat das Interesse der Gesellschaft glücklicherweise zugenommen - auch Dank der Medien, die heute stärker als früher über die Paralympics berichten. Dadurch treiben die paralympischen Spiele ihrerseits das Thema Inklusion voran, weil sie noch einmal in ganz besonderer Weise den Blick auf Menschen mit Behinderungen lenken.

Es heißt, dass Sie ein leidenschaftlicher Hobbykoch sind – welche Zutaten bräuchte denn ihr Gericht „Inklusion“?

Schneider: Inklusion darf jedenfalls kein Eintopf sein. Es geht ja gerade nicht darum, alles zusammenzurühren, sondern Vielfalt möglich zu machen. Vielfalt bereichert eine Gesellschaft, sie ist eine Stärke – gerade hier bei uns in Nordrhein-Westfalen.

Also Inklusion eher als reich gedecktes Buffet?

Schneider: Auf jeden Fall. Zwar esse ich persönlich unheimlich gern Eintöpfe – aber im Zusammenhang mit unserer Politik für Menschen mit Behinderungen ist das keine gute Rezeptur.