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Nahost

„Für Frieden muss neuer Ansatz her“

19.01.2012 | 15:17 Uhr
„Für Frieden muss neuer Ansatz her“
Umstrittener Protest orthodoxer Juden in Jerusalem. Foto:Bernat Armangue/dapd

Jerusalem.   Der israelische Historiker Moshe Zimmermann dämpft die Erwartungen an eine Wiederbelebung des Nahost-Friedensprozesses. Israel nehme nur auf Druck des Nahost-Quartetts aus USA, UNO, EU und Russland an den Gesprächen in der jordanischen Hauptstadt Amman teil, sagt Zimmermann im Interview mit der WR.

Herr Zimmermann, Israel und die Palästinenser reden nach langer Funkstille wieder miteinander. Sehen Sie Anlass zu Hoffnung?

Moshe Zimmermann: Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber diese Gespräche sind nicht der Anlass für eine Hoffnung. Man konnte dem Quartett nicht Nein sagen, ergo gab Israel nach und signalisierte die Bereitschaft, sich auf einer zweitrangigen Ebene an einem Treffen zu beteiligen.

In Israel gibt es eine Reihe von Kontroversen, die jüngsten Demonstrationen der Ultraorthodoxen, der Frauen, das Zeltlager auf dem Rothschild-Boulevard: Ist das Land instabil? Wirken Einflüsse der arabischen Revolutionen in die Bevölkerung hinein?

Das Land ist so unstabil oder auch stabil wie zuvor. Bei uns wie bei den Nachbarn geht man auf die Straße. Nur bei uns ist es ein Happening, bei den Arabern eine Revolution beziehungsweise ein Versuch des Aufstands. Nach dem Happening gehen alle nach Hause. Die Regierung ist dieselbe geblieben. Es gibt keine vorgezogenen Wahlen.

Israel muss sich auf neue Verhandlungspartner in der Nachbarschaft einstellen. Nach der Umwälzung in Ägypten und während der anhaltenden Proteste in Syrien: Wie wirkt sich die Entwicklung aus?

Sie gilt für die Regierungsparteien und für ihre Anhänger als Bestätigung der alten Grundregel: Mit Arabern kann man nicht verhandeln, weil bei ihnen alles leicht veränderbar ist. Mehr noch: Demokratisierung bei den Arabern heißt islamistische Regierung, und Islamisten sind bekanntlich anti-israelisch. Also machen wir weiter mit der Siedlungspolitik. Vielleicht mit mehr Nachdruck.

Die radikalislamische Hamas scheint ihre Strategie zu ändern. Sie will sich der PLO anschließen; ihr Ministerpräsident reist in die Türkei. Ist das eine gute Entwicklung?

Hamas versucht, die PLO zu erobern und dabei ihre Rhetorik für Europäer etwas schmackhafter zu machen. Die israelische Regierung wird jedenfalls nicht an eine Wende bei der Hamas glauben und wird noch weniger kompromissbereit sein. Für Netanyahu und Co. ist die Annäherung zwischen Hamas und Abbas ein Vorwand, um auch mit Abbas nicht zu verhandeln.

Müsste es nicht angesichts der komplizierten Lage, die das israelisch-palästinensische Verhältnis umgibt, einen völlig anderen Ansatz für Frieden geben, eine Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen Osten etwa?

Selbstverständlich muss ein neuer Ansatz her. Nur reicht eine Konferenz nicht aus. Was sich ändern muss, ist die Denkweise und Grundhaltung der Kontrahenten. Leicht gesagt. Dafür muss eine neue Erziehung her. Als Israeli muss ich leider feststellen, dass die Aussicht auf einen neuen Ansatz in absehbarer Zeit unrealistisch ist.

Petra Kappe

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„Für Frieden muss neuer Ansatz her“
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2012-01-19 15:17
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