Frontalattacke auf das System

Rom..  So geht’s nicht weiter; Papst Franziskus ist sich da ganz sicher: „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der unhaltbare Lebensstil der Gegenwart nur in Katastrophen enden kann.“

Die Folge: Umweltpolitik kann für den Papst nicht länger im Herumdoktern an Symptomen bestehen, im Abhalten von Klimagipfeln beispielsweise, an deren Abmachungen sich keiner hält. Oder im „ablenkenden, rechtfertigenden Reden“ von nachhaltigem Wachstum, mit dem Unternehmer „gewöhnlich nur Aktionen zur Verbraucherforschung und zur Imagepflege“ bemänteln wollten. Kompromisse reichten nicht mehr, sagt Franziskus in seiner gestern vorgestellten Umwelt-Enzyklika radikal.

Furcht um Souveränität der Staaten

Wieder einmal, wie schon in seinem ersten Rundschreiben „Evangelii gaudium“ von 2013, reitet Franziskus in „Laudato si’“ eine Frontalattacke auf das System aus „Finanz und Technokratie“, das sich zu maximalem Gewinnstreben ohne Rücksicht auf Verluste verbündet und sich die „auffallend schwach reagierende Politik“ dermaßen unterworfen habe, dass man um die Souveränität der Staaten fürchten müsse. Um seine Macht zu erhalten, tendiere dieses System dazu, die unheilvollen Folgen eines „unersättlichen, unheilvollen Wachstums“, auf das es gebaut sei und das es in beinahe totalitärer Weise weiterhin als „einzige Lösung“ anpreise, zu „verschleiern“ oder zu „leugnen“.

Dieses System lenke die Öffentlichkeit ab durch „oberflächliche Deklamationen und vereinzelte menschenfreundliche Aktionen“, und durch das Einlullen einer dafür allzu willigen Gesellschaft mit immer neuen, immer zahlreicheren, immer mehr Konsumgütern. Dieses System lebe nicht zuletzt von einer universellen „Wegwerfkultur“ – gegenüber Sachen wie gegenüber Menschen.

Nein, für Franziskus ist nicht die Umwelt das Problem. Für diesen Papst ist das System am Ende. „Diese Wirtschaft tötet“, hatte er 2013 geschrieben. Heute formuliert er: „Warum will man eine Macht bewahren, die in die Erinnerung eingehen wird wegen ihrer Unfähigkeit einzugreifen, als es dringend und notwendig war?“

Der Titel der ersten Umweltenzyklika, die je ein Papst geschrieben hat, stammt aus dem berühmten „Sonnengesang“ des Heiligen Franziskus (gestorben 1226): „Laudato si’ – Gelobt seist du mein Herr mit all deinen Geschöpfen, mit Schwester Sonne, Bruder Wind ...

Franziskus, der Papst in diesem Fall, fordert Achtsamkeit, Nachdenken über die Folgen menschlichen Handelns, eine grundsätzliche Änderung des persönlichen Lebensstils – und einen „Schutz der Natur“ schon allein deshalb, „weil ja auch der Mensch ein Stück Natur ist.“ In die Umweltdiskussion „muss die Gerechtigkeit aufgenommen werden, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klagen der Erde.“

Da sind also auch die Armen wieder, für die Franziskus immer schon Partei ergriffen hat: „Die Ausgeschlossenen sind der größte Teil des Planeten, Milliarden von Menschen.“ Vom Klimawandel seien gerade die Armen, die ärmsten Länder der Welt am härtesten betroffen; Wahlmöglichkeiten und Gegenmittel hätte sie keine, Klima-Flüchtlinge würden auch nicht als asylberechtigt anerkannt; vielerorts fehle der Zugang zu sauberem Trinkwasser – „ein fundamentales Menschenrecht, weil zum Überleben ausschlaggebend und damit Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte“.

Arme nur ein „Anhängsel“

Dennoch, so Franziskus, kämen die Probleme der Armen „in den internationalen politischen und wirtschaftlichen Debatten“ nur als „Anhängsel“ vor, „wenn man sie nicht als bloßen Kollateralschaden betrachtet. Das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, ist unvertretbar.“

Diese Aussage ist der eine Höhepunkt dieser Enzyklika; der zweite besteht in der Forderung nach einer „ökologischen Bekehrung“. Damit gibt Franziskus dem von ihm beschriebenen (Um-)Welthandeln eine theologische Bedeutung.