Flut antisemitischer Gewalt sorgt in Frankreich für Angst

In Frankreich leben 500.000 bis 600.000 Juden. In den ersten zehn Monaten des Jahres haben sich die Attacken mehr als verdoppelt.
In Frankreich leben 500.000 bis 600.000 Juden. In den ersten zehn Monaten des Jahres haben sich die Attacken mehr als verdoppelt.
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Was wir bereits wissen
Zunehmend sorgt antijüdische Gewalt in Frankreich für Empörung. Nach dem Überfall auf ein Paar mobilisiert Paris für den Kampf gegen Antisemitismus.

Paris.. "Nein zum Antisemitismus, dem Krebs unserer Gesellschaft." Von jüdischen Studenten in Frankreich kam diese Aufforderung, über Herkunft und Religionszugehörigkeit hinweg für das Zusammenstehen aller zu demonstrieren. Denn wieder einmal hatte ein brutaler Angriff auf Juden Abscheu und Entsetzen im Land ausgelöst. Und die Angst vor noch mehr Gewalt steigt noch.

Der Überfall auf ein jüdisches Paar in dem Pariser Vorort Créteil einige Tage zuvor war der jüngste Vorfall in einer Zeit, in der antisemitische Akte stark zugenommen haben - und damit der Drang von Juden, nach Israel auszuwandern. In Créteil versammelten sich am Sonntag Hunderte, aus Sorge und Wut über solche Aggressionen.

Innenminister verspricht Schutz für Juden

"Wenn ein Jude angegriffen wird, dann wird die gesamte Republik angegriffen", so hatte der Chef der jüdischen Studentenschaft (UEJF), Sacha Reingewirtz, den Aufruf zu der "republikanischen Versammlung" am Sonntag in Créteil untermauert. Demonstrativer Widerstand soll so einen Damm gegen noch mehr Gewalt bilden.

Antisemitismus Innenminister Bernard Cazeneuve mobilisiert bereits, will den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zur "nationalen Sache" machen. Die Republik werde die Juden schützen, so verspricht er.

Die Aufrufe klingen wie ein Echo voller Bestürzung auf die warnenden Worte des Großrabbiners von Frankreich, Haim Korsia: "Rassismus und Antisemitismus sind gleichbedeutend mit der geplanten Zerstörung des französischen Traums." Gemeint ist der Traum von einem toleranten Frankreich, in dem nicht Hassprediger das Sagen haben und Juden wieder Sündenböcke in der Krise sind.

Alte Klischees mischen sich mit fundamentalistischem Denken

Was war passiert in dem multikulturell gemischten Ort in der südöstlichen Banlieue von Paris? Drei junge vermummte Männer waren Anfang der Woche bewaffnet in die Wohnung des Paares eingedrungen, hatten beide dort lange festgehalten, die junge Frau vergewaltigt und etliche Wertgegenstände an sich genommen.

"Wir kommen nicht zufällig hierher", soll einer der Gewalttäter bei dem Überfall gesagt haben, "in jedem Fall habt ihr, die Juden, Geld." Täter und Opfer stammen aus Créteil, was die katholische "La Croix" dazu brachte, einen "Nachbarschafts-Antisemitismus" anzuprangern, der das friedliche Zusammenleben zerstöre. Solcher Hass auf andere dürfe jedoch nicht siegen.

Rechtsextremismus Der Antisemitismus macht in Frankreich vor allem auch deshalb immer wieder Schlagzeilen, weil sich die alten Klischees gerade in diesem Land mit verschärftem fundamentalistischen Denken zu mischen scheinen. Der Jude als Feind, heute vor dem aktuellen Hintergrund des Konflikts zwischen Israel und Palästinensern.

Drohungen und Attacken mehr als verdoppelt

In den Wochen des Gaza-Krieges im vergangenen Sommer hatte es eine ganze Reihe antisemitischer Attacken und Übergriffe auch auf Synagogen gegeben. Das hat bereits bewirkt, dass immer mehr französische Juden nach Israel umziehen: Frankreich ist auf dem Weg, das führende Auswanderungsland von Juden zu werden.

In Frankreich leben 500.000 bis 600.000 Juden, sie bilden die größte jüdische Gemeinde in Europa. In den ersten zehn Monaten des Jahres haben sich die Drohungen und Attacken auf sie nach den offiziellen Angaben des Innenministers mehr als verdoppelt. In mehr als 930 Fällen musste dabei ermittelt werden. Die Juden fordern dringend einen nationalen Plan, der dagegen ansteuert.

Gegen die antisemitische Gewalt traten Staatspräsident François Hollande und Regierungschef Manuel Valls nach der jüngsten brutalen Tat öffentlich auf, brandmarkten sie voller Empörung als "Horror von Créteil" und als "Tragödie". Es konnte aber nur etwas hilflos wirken - denn für Menschenrechtsexperten ist eine wieder stark sinkende Toleranz gegenüber Juden im Land von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" längst ein alltägliches Faktum. (dpa)