Das aktuelle Wetter NRW 10°C
JVA-Ausbruch

Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck

07.06.2013 | 18:42 Uhr
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
Hohe Mauern, Gitter, 24-Stunden-Überwachung gibt es in der Bochumer JVA Krümmede – alles zwecklos, wenn ein Häftling als „Besucher“ durch den Haupteingang entschwindet.Foto: Ingo Otto

Düsseldorf/Bochum.   Das Szenario war filmreif: Mit der Besuchermarke eines anderen spazierte ein 25-jähriger Niederländer am Donnerstagmittag aus der Bochumer Haftanstalt in die Freiheit. Später erst fiel den Beamten auf, dass ein Häftling fehlte. Auch der Besucher, der ohne Marke am Ausgang stand, durfte hinaus. Jetzt fordert die Opposition im Landtag volle Aufklärung.

Die CDU-Opposition spricht von einem „banalen Trick“ und wirft NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) vor, den Strafvollzug im Land nicht im Griff zu haben . Einen solchen Gefängnisausbruch vermochte man sich ­tatsächlich kaum vorzustellen: Am Donnerstagmittag war der Unter­suchungshäftling Angelo Duric (25) schlendernd durch die Vordertür aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) ­Bochum entwichen.

Bis Freitagabend fehlte von dem Niederländer, dem Bandenkriminalität, Einbrüche und Computer-Betrügereien vor­geworfen werden, jede Spur.

Ausbruch
CDU attackiert Minister Kutschaty

Der am Donnerstag mithilfe einer Besuchermarke aus der JVA Bochum entflohene Untersuchungshäftling ist am Freitag weiter verschwunden geblieben. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Im NRW-Justizministerium spricht man von einem Zufall - die CDU dagegen von einem "unglaublich peinlichen Vorgang".

Duric soll am Donnerstag von mehreren Bekannten besucht worden sein; ihnen war – wie üblich in der JVA Bochum – im Austausch mit ihren Personalausweisen eine metallene Besuchsmarke ausgehändigt worden. Mit einer dieser Marken ­spazierte stattdessen Duric in die Freiheit, da der Vollzugsbeamte an der Pforte beim Rücktausch offenbar nicht den Unterschied zum Ausweisfoto bemerkte. Untersuchungshäftlinge tragen keine Anstaltskleidung.

Auch der Besucher konnte gehen

Auch der Besucher, der keine Marke mehr besaß, durfte später gehen, da die JVA keine Handhabe sah, ihn festzuhalten. Bis Freitag sollen die Besucher des Getürmten nicht einmal vernommen worden sein.

Duric saß seit dem 9. April in Bochum in Haft. Die Staatsanwaltschaft Bochum hat gegen ihn Anklage wegen Einbrüchen und Trickdiebstählen erhoben. Die niederländische Justiz hat zudem wegen früherer Vergehen einen Auslieferungshaftbefehl gestellt.

JVA Bochum
25-jähriger Häftling türmt mit Besuchermarke

Angelo Duric hat kein Loch in eine Wand gesprengt oder sich mit zusammengebundenen Bettlaken von einem Fenster abgeseilt. Er ist einfach mit einer Kontrollmarke in der Hand aus der JVA Bochum gegangen und konnte so fliehen. Die sofortige Fahndung der Polizei blieb bis jetzt ohne Erfolg.

In eine Reihe mit zahlreichen Ausbrüchen und Fluchtversuchen in der Bochumer JVA in den Jahren 2011 und 2012 will Kutschaty die jüngste „Falschmünzerei“ jedenfalls nicht rücken lassen. Es sei „purer Zufall“, dass der Vorfall vom Donnerstag in Bochum geschehen sei, erklärte sein Sprecher auf Anfrage. Ähnliche Besucher-Registrier­systeme gebe es auch in den übrigen 37 NRW-Gefängnissen. Zu Jahresbeginn erst hatte der neue Anstaltsleiter Thomas König seinen Dienst angetreten.

Nicht die erste Panne in Bochum

„Wenn die Darstellungen zutreffen, ist das ein unglaublich pein­licher Vorgang“, sagte CDU-Fraktionsvize Peter Biesenbach. In der nächsten Rechtsausschuss-Sitzung des Landtags muss Justizminister Kutschaty zu den neuerlichen Pannen im NRW-Strafvollzug Rede und Antwort stehen.

Lesen Sie auch:
Landtag nimmt JVA-Ausbruch in Bochum unter die Lupe

Die Opposition setzt NRW-Justizminister Thomas Kutschaty unter Druck. Er soll dem Landtag erklären, wie es zu der Kommunikationspanne nach dem Ausbruch eines Häftlings aus der JVA Bochum gekommen ist. Der Minister hatte den wegen eines Tötungsdeliktes Gesuchten zunächst als ungefährlich eingestuft.

Höhepunkt der Bochumer Pannenserie war bislang die Flucht eines verurteilten Mörders aus Polen im Januar 2012 durch ein falsch eingebautes Panzerglas-Oberlicht; die damalige ­Anstalts­leitung hatte den Mann fälschlicherweise als „Kleinkriminellen“ eingestuft.

Im Zentrum der Ermittlungen zum Fall Duric steht nun die Frage, wie er in den Besitz der Besuchermünze gekommen ist. War ein ein Trick mit listiger Beihilfe zur Flucht? Oder nutzte er die Gelegenheit, sich unbemerkt eine Besuchermarke anzueignen?

Untersucht wird außerdem, ob der Beamte an der Pforte seinen Dienst zu nach­lässig versehen hat. Ihm war der Schreck über den ungewöhnlichen Ausbruch derart in die Glieder gefahren, dass er sich laut Justizministerium erst einmal krank meldete.

Tobias Blasius und Bernd Kiesewetter



Kommentare
09.06.2013
19:53
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von wohlzufrieden | #13

Der Minister lernt von seiner CDU-Chaoten-Vorgängerin sehr schnell...Ohne sie je einzuholen.

09.06.2013
14:40
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von woelly | #12

Da entweicht ein Gefangener mit einem banalen Trick aus dem Gefängnis und den vermeintlichen Fluchthelfer schickt man gleich noch hinterher. Unglaublich!

2 Antworten
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von akaz | #12-1

Es gilt die Unschuldsvermutung (Ironie aus)

Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von woelly | #12-2

Aber ein kleine Anfangsverdacht hätte es schon geben müssen!

08.06.2013
17:06
"Stall"
von Erbeck1 | #11

Diesen umfangreichen Stall kriegt kein Minister in den Griff , obwohl die Problemherde bekannt sind und dazu gehört auch die Moral der Mitarbeiter , was # 3 andeutet . In der Regel ist eine Amtszeit dafür auch zu kurz , denn bekanntlicherweise meldet sich Herr Biesenbach ständig mit unqualifiziertem Mist zu Wort . Normalerweise stinkt der Fisch vom Kopf her - hier liegt der Fall anders !! Herr Minister hatte sich bereits mit Amtsantritt den Kampf gegen den völlig überzogenen Krankenstand auf die Fahne geschrieben , aber dieser Kampf ist aussichtslos , weil hierfür bzw. dagegen eine ganze Struktur geändert werden muss . Irgendwann wird Herr Kutschaty abgelöst und der ganze Mist startet wieder neu . Der jetzige Minister ist jedenfalls besser als die Dame mit dem Doppelnamen - bei weiblichen Doppelnachnamen kriege ich in der Politik eh immer Schnappatmung .

08.06.2013
16:10
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von avalona24 | #10

Ideen muss der Mensch haben. Würde man das in einem Tatort sehen, man könnte es nicht glauben (schlechtes Drehbuch, völlig unglaubwürdig).

08.06.2013
13:50
Frommer Wunsch
von Tritt_Brettfahrer | #9

Hoffentlich bricht da mal keiner ein.

08.06.2013
13:44
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von Ruhrdream1963 | #8

Wozu die Aufregung ? Die Verbrecher leben doch eh unter uns...Ob Einbruch, Raub oder Körperverletzung es gibt Bewährung sogar in der Bewährung...

08.06.2013
13:08
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von KingDesMonats | #7

Was will man von nem Schließer auch schon erwarten. Beamter im mittleren Dienst oder sogar nur Angestellter mit niedriger Bezahlung, langweilige, monotone Arbeit, ständig umgeben vom Prekariat (=Insassen) usw.

08.06.2013
09:50
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von ThePianist | #6

Haha, was ist die deutsche Exekutive doch für ein Klüngel von Weicheiern. Überall nur Unfähigkeit.

08.06.2013
09:03
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von wohlzufrieden | #5

Dem Minister bleibt nur noch die Flucht...

08.06.2013
02:55
Flucht eines Bochumer Gefangenen setzt Minister unter Druck
von ellerw1 | #4

Zufall? Zufall gibts nicht mal in der Wissenschaft, geschweige gar in der Philosophie. Da waren schlichtweg LMAA-Leute am Werk.

Aus dem Ressort
Saarländische Ministerpräsidentin will weniger Bundesländer
Föderalismus
Sechs bis acht Bundesländer sind genug, findet die saarländische Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer. Aus 16 Ländern könnten dann sechs bis acht werden. Gerade die kleineren Länder ächzen unter Schulden. Eine Fusion könnte diese besser verteilen - und jährliche eine halbe Million Euro einsparen.
Briten und Polen bremsen beim Klima-Kompromissder EU
Klima-Gipfel
Nach zähem Ringen haben sich Europas Staats- und Regierungschefs am Freitagmorgen auf gemeinsame Ziele zur Drosselung der Treibhausgase geeinigt. Gipfelchef van Rompuy mahnte, der Klimawandel sei „eine Frage des Überlebens“. Trotzdem sind die Ziele bis zum Jahr 2030 nur unverbindliche Vorgaben.
Maut laut Dobrindt vor allem für große Transitstrecken
Verkehr
Die geplante Pkw-Maut soll den Grenzverkehr nach Worten von Verkehrsminister Dobrindt (CSU) nicht stören. Es gehe ihm vor allem um die großen Transitstrecken, sagte Dobrindt kurz vor der Vorlage seines Gesetzentwurfs. Dieser soll im Oktober vorgestellt werden - also spätestens bis kommenden Freitag.
NRW-Justiz veranlasst Finanz-Razzia bei Schweizer Banken
Finanz-Razzia
Polizeibeamte haben Dutzende Banken und Kanzleien durchsucht. Es geht um Geschäfte, durch die der deutsche Fiskus mutmaßlich Milliarden verloren hat. Die Konten etlicher Prominenter, wie Finanz-Unternehmer Carsten Maschmeyer, Veronica Ferres, Mirko Slomka und Clemens Tönnies könnten betroffen sein.
Deiche und Polder - 102 Projekte sollen Flüssen Raum geben
Hochwasserschutz
Mit 102 Hochwasserschutzprojekten wollen Bund und Länder den Flüssen Rhein, Donau, Elbe, Oder und Weser mehr Raum geben. Mit dem nun beschlossenen Nationalen Hochwasserschutzprogramm sollten etwa Deiche zurückverlegt werden und Polder entstehen.
Umfrage
Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?

Vielen Deutschen könnte die Zeitumstellung gestohlen bleiben. Wir wüssten gerne von Ihnen: Was halten Sie von der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit?