Falsche Hochzeitseinladungen klären über Zwangsehen auf

Diese vermeintliche Hochzeitseinladung sorgt derzeit für Gesprächsstoff. Dahinter steckt eine Aktion der "Stiftung Weltbevölkerung".
Diese vermeintliche Hochzeitseinladung sorgt derzeit für Gesprächsstoff. Dahinter steckt eine Aktion der "Stiftung Weltbevölkerung".
Foto: Marcel Krischik/FUNKE Foto Services
Mit einer kreativen Aktion macht die "Stiftung Weltbevölkerung" auf das Leid zwangsverheirateter Mädchen aufmerksam. Die Politik soll aktiv werden.

Essen.. Wer freut sich nicht darüber, wenn er zu einer Hochzeit eingeladen wird? Erst recht, wenn man eine schön gestaltete Karte mit geschwungenen Lettern und witziger Zeichnung bekommt (siehe Bild). Mehrere tausend Menschen fanden diese Einladungen in den letzten Tagen in ihren Briefkästen. Aber Moment mal, wer sind eigentlich dieser Michael und diese Anna, die sich die ewige Treue schwören möchten?

Die Informationen auf der Karte sind spärlich. Neben Ort und Datum der Hochzeit enthält sie lediglich einen Verweis auf die Hochzeits-Website des Pärchens (www.michael-und-anna.de). Dort soll der Eingeladene alles Weitere erfahren. Auf den ersten Blick wirkt die Seite professionell und liebevoll gestaltet, doch die Details machen stutzig. So heißt es in einem Nebensatz, dass die Braut gar nichts davon ahnte, als ihr Zukünftiger bei ihrem Vater um ihre Hand anhielt. Spätestens der Blick auf den verlinkten Wunschzettel macht klar, dass hier etwas nicht stimmen kann. Darauf befinden sich unter anderem ein großes Puppenhaus, Handschellen und ein Buch über sexuelle Gewalt.

Die Stiftung Weltbevölkerung möchte aufklären

Dann gibt sich die Organisation zu erkennen, die dahintersteckt. Die "Stiftung Weltbevölkerung" möchte mit der fingierten Einladung auf das Schicksal vieler Millionen Kinder aufmerksam machen, die gegen ihren Willen verheiratet werden. Das fiktive Pärchen besteht aus der 14-jährigen Anna und dem 40-jährigen Michael. "Gegen dieses Unrecht wird zu wenig getan", findet Sprecher Christoph Behrends. "Weltweit gibt es 15 Millionen Kinder unter 18 Jahren, die davon betroffen sind. Viele sind sogar unter 15."

Die Kinderhochzeit sei ein weltweites Phänomen, das schwerpunktmäßig in Südasien und in der Pazifik-Region vorkomme. 80 Prozent der Betroffenen seien Mädchen. "In den meisten Ländern ist die Kinderhochzeit erlaubt, sofern die Eltern ihre Zustimmung geben", erklärt Behrends. Dass nicht nur Entwicklungsländer von dieser Problematik betroffen sind, zeigt ein Blick in die Forschung: Laut einer Studie des Familienministeriums haben im Jahr 2008 fast 3000 junge Menschen, Beratungen zum Thema Zwangsheirat in Anspruch genommen.

Angela Merkel soll aktiv werden

Keine Frage, dieses Thema hat Aufmerksamkeit verdient - aber warum die Aktion mit der falschen Einladung? "Wir haben uns überlegt, wie wir diesen Missstand in hiesigen Kreisen bekannt machen können", erläutert Sprecher Behrends. "Und mit einer Hochzeit kann zunächst mal jeder etwas anfangen." Eine Berliner Werbeagentur habe bei der Umsetzung des Projekts geholfen. Insgesamt sollen 4500 Einladungen verschickt worden sein.

Aufmerksamkeit erregen ist aber nur der erste Schritt, die "Stiftung Weltbevölkerung" möchte mehr erreichen. "Wir wollen, dass Angela Merkel sich dazu äußert und erklärt, was die Bundesregierung gegen Kinderehen unternehmen will", sagt Behrends, der sich erhofft, dass die Kanzlerin das Thema dann beim G7-Gipfel am 7. und 8. Juni zur Sprache bringt.

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE