Fall Litwinenko – Russland sieht sich als Rufmord-Opfer

Moskau..  Moskau hört weg. In London wird der spektakuläre Mordfall um den russischen Geheimagenten Alexander Litwinenko in einer gerichtlichen Untersuchung neu aufgerollt – aber die russischen Medien berichten nur sehr spärlich darüber. Das erstaunt nicht. Denn die Details zu der Ermordung des ins Londoner Exil geflohenen Geheimagenten und Putin-Kritikers Litwinenko, der im November 2006 mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet wurde und qualvoll starb, sind auch acht Jahre später wenig schmeichelhaft für die russische Staatsmacht.

Da wird Litwinenkos Aussage auf dem Sterbebett verlesen, er wisse, dass nur ein Mensch den Befehl zur Tötung eines ausländischen Staatsbürgers geben konnte: Wladimir Putin. Oder einer der Anwälte erklärt, Litwinenko habe Putin 2006 unter anderem Pädophilie vorgeworfen.

In der russischen Öffentlichkeit sind all das Tabuthemen. Präsident Wladimir Putin gilt schon jetzt als historische Persönlichkeit und moralisches Vorbild. „Ein längst zu den Akten gelegter Fall wird aufgewärmt, offenbar um zu versuchen, bestimmte russische Politiker anzuschwärzen“, sagt der Moskauer Politologe Alexei Muchin unserer Zeitung. „Jetzt, wo es leicht ist, Russland anzugreifen, bewirft man es öffentlich mit Schmutz, ohne dabei wirklich etwas zu beweisen.“

„Ich spucke auf England“

Auch der Hauptverdächtige, Litwinenkos früherer KGB-Kollege Andrei Lugowoi, gibt sich beleidigt. Lugowoi wird in Großbritannien vorgeworfen, gemeinsam mit dem russischen Geschäftsmann Dmitri Kowtun in einer Hotelbar in London Litwinenko eine mit Polonium vergiftete Tasse Tee untergeschoben zu haben. „Ich spucke zutiefst darauf, was die in England treiben“, erklärte Lugowoi dem Radiosender „Echo Moskwy“. Er kenne alle Gerichtsmaterialen, da gebe es nichts, das irgendwie auf seine Beteiligung an Litwinenkos Tod hinweise.

Auslieferung abgelehnt

Die britische Staatsanwaltschaft stellte schon 2007 einen Antrag an Russland, Lugowoi auszuliefern. Er wurde unter Hinweis auf ein Gesetz abgelehnt, dass die Auslieferung russischer Staatsbürger an andere Staaten untersagt. Wenig später stellte die nationalpopulistische „Liberaldemokratische Partei Russlands“ ihn als Kandidaten bei den Parlamentswahlen 2007 auf, Lugowoi wurde gewählt, erhielt so parlamentarische Immunität und sitzt noch heute in der Staatsduma.

Sein Fraktionschef Wladimir Schirinowski aber veröffentlichte jetzt auf der Website seiner Partei eine sensationsheischende Erklärung: Er habe sich kurz vor dem Tod des russischen Exiloligarchen Boris Beresowski im März 2013 mit diesem getroffen, Beresowski habe ihm dabei alle Hintergründe der Ermordung Litwinenkos erzählt. „Er sagte, wenn man ihm die Möglichkeit gebe, nach Russland zurückzukehren, werde er das gefälschte Szenario im Fall Litwinenko zerschlagen.“

Laut Schirinowski stammt der Mordplan gegen Litwinenko nicht aus Russland, sondern aus England: „Russische Bürger haben nichts mit dieser Geschichte zu tun. Aber für die dort war es von Vorteil, die Operation auszuführen und unseren die Schuld zu geben. So wie sie uns heute die Verantwortung für den Krieg in der Ukraine in die Schuhe schieben.“ Russland gefällt sich als Opfer fremder Rufmörder.