Experten kritisieren unrechtmäßige Diskriminierung der Roma

Oktober 2012: In Bussen kommen Roma-Familien aus Serbien und Mazedonien in Essen an. Die Familien hoffen darauf, in Deutschland eine neue Existenz aufbauen zu können.
Oktober 2012: In Bussen kommen Roma-Familien aus Serbien und Mazedonien in Essen an. Die Familien hoffen darauf, in Deutschland eine neue Existenz aufbauen zu können.
Foto: Klaus Micke / WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Wenn ab 2014 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die EU-Beitrittsländer Bulgarien und Rumänien gilt, werden weitere Roma nach Deutschland kommen. Aber wie können die Kommunen künftig mit der Zuwanderung armer Sinti und Roma umgehen? Eine Experten-Debatte in Dortmund befasste sich mit dem brisanten Thema.

Dortmund.. Sie kommen, um zu bleiben. Und es werden immer mehr, wenn ab 2014 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für die EU-Beitrittsländer Bulgarien und Rumänien gilt: Roma, die ihre Elendsquartiere in Südosteuropa verlassen und in den reichen Westen auswandern, zählen nicht gerade zu den Migranten, denen man hierzulande mit einer besonders ausgeprägten Willkommenskultur begegnet.

Daran müsse sich dringend etwas ändern, forderte eine Expertenrunde, die Freitag in Dortmund über die Herausforderungen der Armutszuwanderung aus Südosteuropa diskutierte. Credo: Zur Integration gibt es keine Alternative.

Dass das Thema Zündstoff birgt, dem trug die vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk IBB sowie der Evangelischen Kirche Westfalen veranstaltete Tagung schon im Titel Rechnung: „Vom Ende der Toleranz: Lustig ist das Zigeunerleben, aber bitte anderswo!“ klingt nicht nach kuscheliger Sozialpädagogik. Doch der Runde ging es vornehmlich darum, abträgliches Halbwissen aus der Welt zu schaffen und praxisnah nach Lösungen Ausschau zu halten.

2000 unter 600.000 Menschen – gerade 0,33 Prozent der Dortmunder

Der Berliner Erziehungswissenschaftler und Linguist Hristo Kyuchukov schlug denn auch eine Versachlichung der Diskussion vor. Bisweilen entstehe ja der Eindruck, Deutschland werde von Südosteuropäern geradezu überrannt. „Das ist absolut falsch.“ Kyuchukov nannte als Beispiel Dortmund, das im Ruhrgebiet neben Duisburg derzeit die meisten Zuwanderer aus Südosteuropa verkraften muss. „Unter den 3500 in Dortmund registrierten Bulgaren und Rumänen sind unterm Strich vielleicht 2000 Roma“, glaubt der Forscher der Berliner Humboldt-Universität, der selbst Roma-Wurzeln hat. Das müsse eine Großstadt von fast 600.000 Einwohner doch verkraften können.

Problemhaus Kyuchukov beklagte die hartnäckigen Vorurteile gegenüber dem Roma-Volk: „Eine spezielle Roma-Kriminalität gibt es aber nicht.“ Niemand spreche ja auch von einer spezifischen russischen oder ukrainischen Kriminalität. Entgegen landläufiger Meinung seien viele Roma überdies sehr wohl gut ausgebildet.

Extreme Diskriminierung prägt

Auch Rolf Bauerdick mahnte dringend eine differenzierte Blickweise an. Der Buchautor und Journalist kennt sich aus in den Ghettos der Roma-Siedlungen auf dem Balkan. Gut 30 Mal ist er dort gewesen. In ihren Herkunftsländern litten die Roma unter extremer Diskriminierung. „Sie mussten schmerzhaft erfahren, dass es für sie besser ist, sich abzugrenzen.“

Zuwanderung In Deutschland führe dieses Verhalten zu Befremden. Für die Roma, die hier leben wollten, müssten daher Anreize zur Integration geschaffen werden. Umgekehrt dürfe man die ansässige Bevölkerung nicht überfordern. Denn ohne einen wohlwollenden Blick auf die Einwanderer könne Integration nicht funktionieren.

Mittel fehlen, um Roma in Dortmunder Nordstadt zu helfen

Wohlwollend ist sie schon, doch Christiane Certa vom Dortmunder Sozialdezernat fehlen derzeit schlichtweg die Mittel, um den Roma in der Dortmunder Nordstadt nachhaltig zu helfen. Dass viele der Zugezogenen im Schnitt gut gebildete seien, treffe im Ruhrgebiet eben nicht zu. Certa: „Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die nach unseren Maßstäben derart bildungsfern sind, dass sie in keine unserer gängigen Fördermaßnahmen passen.“

Helfen könnten nur niedrigschwellige Angebote und intensivste Betreuung, vor allem Sozialarbeiter mit Sprachkenntnissen. Das aber könne keine Kommune aus eigner Kraft leisten.