Das aktuelle Wetter Essen 10°C
Streikverbot

Evangelische Kirche fordert Streikverbot für Diakonie-Beschäftigte

07.11.2011 | 07:10 Uhr
Evangelische Kirche fordert Streikverbot für Diakonie-Beschäftigte
Diakonie-Beschäftigte fürchten um ihre Mitbestimmungsrechte bei Arbeitsrechtlichen Verhandlungen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland berät ab Sonntag ein Gesetz, dass Streikmaßnahmen verbietet. (Foto: dapd)

Essen/Magdeburg.   Die diesjährige Synode der Evangelischen Kirche greift ein heißes Eisen an. Das Kirchenparlament wird am heutigen Montag ein Gesetz beraten, das den 435.000 Beschäftigten der Diakonie den Abschluss von Tarifverträgen verweigert. Mitarbeitervertreter fühlen sich von der Kirchenführung kalt gestellt. Die Gewerkschaft Verdi protestiert.

Einmal im Jahr trifft sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zu ihrer Synode. Bis zum 11. November versammelt sich das gemeinsame Parlament der 22 Kirchen unter dem Dach der EKD diesmal in Magdeburg. Zum Auftakt demonstrierten am Freitag 1500 Diakonie-Beschäftigte unter Federführung der Gewerkschaft Verdi. Denn die Synode will in dieser Woche unter anderem ein Gesetz beraten, das den Beschäftigten der Diakonie bundesweit verbietet, Tarifverhandlungen zu führen und dabei, zum Beispiel, auch zu streiken.

Das Gesetz soll verbindlich und für alle EKD-Mitgliedskirchen festlegen, dass arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen wie bisher ausschließlich dem Prinzip des „3. Wegs“ folgen. Löhne, Arbeitszeiten oder Tarifsysteme werden dabei nicht von Gewerkschaft und Arbeitgeber ausgehandelt, sondern von kircheninternen arbeitsrechtlichen Kommissionen. Im Falle des Zwists ist eine verbindliche Schlichung festgelegt ohne dass Beschäftigte Druckmittel hätten, wie etwa Warnstreiks. Bis dato hat dieser „3.Weg“ nur die Form einer Kirchen-Ordnung, er wird seit Jahrzehnten praktiziert. Würde er als Gesetz festgelegt, bekäme das Prinzip quasi kirchlichen Verfassungsstatus.

Outsourcing und Leiharbeit auch bei der Diakonie

Das bringt viele Diakonie-Mitarbeiter auf die Barrikaden. „Weil wir in den arbeitsrechtlichen Kommissionen schon lange nicht mehr mit dem Arbeitgeber auf Augenhöhe stehen“, wie Roland Brehm kritisiert. Brehm ist seit 18 Jahren Mitarbeitervertreter und Verdi-Vertrauensmann bei den diakonischen Einrichtungen Bethel in Bielefeld und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen in Westfalen.

Grund für den Protest ist die Tendenz, dass auch in der Diakonie Betriebe zunehmend Mitarbeiter outsourcen oder Leiharbeitsfirmen beschäftigen um Personalkosten zu drücken – eigentlich ein Widerspruch zum ethischen Anspruch der Kirche. Durch das Prinzip des „3. Wegs“ sehen die Mitarbeitervertretungen allerdings kein wirksames Mittel, eigenen Forderungen Nachdruck zu verschaffen. Nach Schätzung von Verdi sind 75.000 der 435.000 Diakonie-Beschäftigten in Deutschland bereits in ausgelagerten Betrieben tätig, die weit unter Tarif zahlen. Orientierte sich die Entlohnung kirchlicher Beschäftigter früher an den Tarifregelungen des öffentlichen Dienstes, würden zunehmend mehr Diakonie-Beschäftigt heute deutlich darunter verdienen, sagt Roland Brehm.

Landesarbeitsgericht billigt Streikrecht zu - EKD legt Widerspruch ein

„Die Kirche argumentiert mit dem „wachsenden wirtschaftlichen Druck“, unter dem Pflegeheime, Krankenhäuser oder Kindertageststätten stehen, wie es Volker König erklärt, Sprecher der Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe, zu der 4900 Betriebe von der Arbeitslosenberatung bis zum Krankenhaus gehören. Für König stellt sich mit der Debatte um das Kirchengesetz vielmehr eine „gesamtgesellschaftliche Frage: Was sind wir bereit für soziale Dienste zu bezahlen?“

Eine Sprecherin der EKD verweist zudem auf die befriedende Funktion des „3. Wegs“: Man wolle nicht verantworten, dass Hilfsbedürftige in den Einrichtungen Opfer von Streikmaßnahmen werden. Der „3. Weg“ setze außerdem auf Konsenz, nicht auf Konflikt, sagt sie mit Blick auf den Verdi-Protest. Im übrigen sei die Gewerkschaft „in dem Verfahren nicht ausgeschlossen“.

Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Im Januar diesen Jahres hatte Verdi vor dem Landesarbeitsgericht in Hamm eine Entscheidung erstritten, die auch Diakonie-Bediensteten Streiks zuspricht, sofern sie außerhalb von „Kernbereichen“, etwa der Alten- oder Krankenpflege, tätig sind. Die EKD hat gegen das Urteil Widerspruch eingelegt. Nun muss das Bundesarbeitsgericht entscheiden.

„Leiharbeit lehnen wir strikt ab“

Auch rechtlich ist ein Streikverbot für Kirchenbeschäftigte eine heikle Frage, weil zwei Grundrechte dabei kollidieren: Das der kirchlichen Selbstbestimmung in Artikel 140 und die Versammlungsfreiheit in Artikel 9.

Ob die Synode in dieser Woche tatsächlich eine Entscheidung trifft, ist noch nicht abzusehen. EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt verteidigte auf der Demonstration die bisherige Kirchenpraxis. Sie sprach sich aber auch für Mindestlöhne aus und versicherte, „Leiharbeit lehnen wir strikt ab.“ Die evangelische Kirche und ihre Diakonie setzten sich im kirchlichen Arbeitsrecht für verlässliche, flächendeckende kirchliche Tarife ein.

Wie weit Outsourcing und Leiharbeit in der Diakonie mittlerweile verbreitet sind, darüber muss sich die Diakonie derzeit allerdings noch ein Bild machen: „Wir haben eine Umfrage gestartet, verlässliche Zahlen haben wir noch nicht“, sagt Volker König. Aus Sicht von Roland Brehm dürften dabei keine ehrlichen Antworten zu erwarten sein: „Es gibt in der Diakonie praktisch keine Einrichtung mehr, die nicht mindestens eine Servicegesellschaft bei sich hat oder eigene Mitarbeiter in Leiharbeitsfirmen ausgliedert.“ Zahlen, glaubt Brehm, „werden die Diakonie-Betriebe nicht mitteilen“.

Dagobert Ernst

Facebook
 
Kommentare
08.11.2011
07:25
Leiharbeit.
von notarius | #12

Zitat:
-EKD-Präses Katrin Göring-Eckardt verteidigte auf der Demonstration die bisherige Kirchenpraxis. Sie sprach sich aber auch für Mindestlöhne aus und versicherte, „Leiharbeit lehnen wir strikt ab.“-
Leiharbeite sind auch nicht nötig. Bei den Kirchen werden gestrichene Arbeitsplätze durch "Ehrenamt" ersezt.
Ist noch günstiger als Leiharbeiter.

07.11.2011
19:38
@wohlzufrieden
von Stromerin | #11

Der erste Kommentar von Ihnen, der meine volle Zustimmung erhält!

Der alte Martin, würde sich im Grabe drehen, wenn er wüßte was seine Erben so treiben!

Bin ( Gott sei Dank) seit einigen Jahren kein Mitglied der Kirchensekten mehr!

07.11.2011
16:02
Hex,Hex
von wohlzufrieden | #10

Und wer streiken will, kommt auf den Scheiterhaufen?

07.11.2011
15:20
Kirchen
von West09 | #9

Natürlich scheint es ungerecht. Aber die Kirchen haben auch immer über Tarif bezahlt. Aufgrund der Kirchenaustritte ist das nur noch selten möglich. Man spart halt wo man kann. Sich hier jedoch hinstellen und die Kirche anzuklagen nachdem man schon jahrelang keine Kirchensteuern mehr zahlt ist verlogen ohne ende.

1 Antwort
Kirchenrecht
von fauleoma | #9-1

Ich kenne mich in der EKD nicht wirklich gut aus, da ich einer Freikirche angehöre. Aber hier muss ich Ihnen Recht geben. Die meisten, die hier rummosern, sind aus der Kirche ausgetreten, verlangen aber gleichzeitig, dass sie in kirchennahen Einrichtungen einen Super-Service erhalten; wenn möglich noch umsonst. Wie schizophren ist das denn?
Wir z.B. erheben keine Kirchensteuer via Finanzamt (obwohl wir dies könnten). Jeder zahlt soviel, wie ihm seine Gemeinde wert ist. Und wenn sich die Gemeinde eine Putzfrau oder einen Hausmeister leisten kann, muss ein zentral vorgegebener Mindestlohn, der ganze nahe an der Gewerkschaftsforderung liegt und für ganz Deutschland gilt, gezahlt werden.
Die, die austreten sind auch die, die die kirchennahen Einrichtungen an den Rand der Legalität treiben.

07.11.2011
15:15
Streikverbot
von silera | #8

Was wollen diese Kirchenfürsten? Einen Staat im Staate? Sie können sich eine Vereinssatzung geben , darin können sie schreiben was sie wollen,aber ein Grundrecht für Arbeitnehmer können und dürfen Sie nicht nehmen.Auch die Diakonie muß sich ans Grundgesetz halten.

07.11.2011
13:39
Streikverbot
von meinemeinungdazu | #7

Eine Kirche, die jeden Tag Gerechtigkeit predigt, fordert Streikverbot für ihre eigenen Beschäftigten!? Das hätte längst pro Beschäftigte geändert werden müssen. Es erinnert mich an den Spruch "predige Wasser und trinke selbst den Wein". Viele Kirchenaustritte werden die weitere Folge sein. Weltlich eben! Also sollten auch die normalen Gesetze, denen alle Bürger unterliegen, Anwendung finden. Sofort.

07.11.2011
10:49
"kirchlichen Verfassungsstatus (!!)" ???
von nachdenken | #6

Hä??
Haben wir in Deutschland etwa den "Gottesstaat"?
Der einzige Weg, der gesetzlich ist, ist der, den Kirchen ihre Privilegien zu nehmen und endlich den quasi "Gottesstaat" auf deutschem Boden - woanders wird keine Kirchensteuer per Einzug über Lohnsteuer vereinnahhmt!- aufzulösen.
Entweder durch politischen Beschluss oder durch Abstimmung mit den Füßen:
Kirchenaustritt und damit Abschneiden der "Pastoren- und Priesterkaste" von der Geldquelle. Gott braucht keine Zwischenhändler, die abkassieren.
Die Kindergärten etc. werden eh vom Staat finanziert - da mindestens muss das normale Tarifrecht gelten. Und - da ja Staatsrecht laut Verfassung das Kirchenrecht "bricht" (höher anzusiedeln ist), muss schlicht durch staatliche Gesetze dem Lohndumping ein Ende gesetzt werden. Religion ist Privatsache. Und die Finanzierung der Religion auch.
Im Übrigen sollte dann auch die staatliche Subventionierung der Diakonie und Caritas durch 1-Euro-Jobber und andere Sklaven des Systems gestoppt werden.
Warum sollen diese _nicht_ verfassungskonformen Einrichtungen auch noch durch _staatliche_ Pauschalen und Arbeitkräfte finanziert werden, und die hilflos ausgelieferten Arbeits-Sklaven (Hartz IV-Bezieher) ihrer Rechte auf Rente, gerechte Entlohnung und Mitspracherecht beraubt werden??
Das geht schon in die Milliarden, die seit Einführung von Hartz IV in die Kassen der "religiösen" Einrichtungen geflossen sind.
Da wünschte ich mir doch glatt einen Aufstand der Muslime, wenn sie für die Evangelen und Katholen in den Altenheimen für lau arbeiten sollen...

07.11.2011
10:11
Kirchliche Entscheidungsträger
von damilo | #5

Ob diese sich auch allein von Gottes Gnade leben und ernähren können oder ob sie vielleicht doch ein himmlisches Gehalt gezahlt bekommen?

07.11.2011
09:43
Ähm...
von MalNachgedacht | #4

"Wachsender wirtschaftlicher Druck"

Die können ja was von ihren eingenommenen Kirchensteuern dazugeben! Immerhin sind die Einrichtungen der Diakonie zu fast 100% aus der Staatskasse finanziert.

Das wollte im Übrigen auch letztens Frau Kraft: Die Kirchen sollen sich mit 12% aus Kirchensteuern am Kita- Ausbau beteiligen. Ja mei, da brannte aber der Baum!

07.11.2011
09:23
Aber vorsichtig!
von donfernando | #3

Donnerwetter: Die Evangelischen greifen ein heißes Eisen an, dass nach dem Glauben des Papstes so heiß ist, weil es direkt aus der Hölle kommt.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6051567/create

Umfrage
Der ADAC fordert eine Erhöhung der Pendlerpauschale - wegen der hohen Spritpreise. Wäre das gerechtfertigt?

Der ADAC fordert eine Erhöhung der Pendlerpauschale - wegen der hohen Spritpreise. Wäre das gerechtfertigt?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Aus dem Ressort
Griechisches Parlament stimmt Schuldenschnitt zu
Schuldenkrise
Die Mission "Griechenland-Rettung" ist einen Schritt weiter: Das Parlament in Athen hat den für den Schuldenschnitt mit privaten Gläubigern freigemacht. Das internationale Rettungspaket sieht vor, dass die Gläubiger Griechenland Schulden in Höhe von 107 Milliarden Euro erlassen.
Tote bei Protesten gegen Koran-Verbrennung in Afghanistan
Afghanistan
Nach der Koran-Verbrennung auf einem US-Militärstützpunkt in Afghanistan hat es am Donnerstag erneut mehrere Tote gegeben. Bei Protesten gab es Schießereien zwischen Demonstranten und Soldaten. Dabei starben mindestens fünf Menschen. US-Soldaten hatten Exemplare des Koran wie Hausmüll verbrannt.