Europas rote Linie

Das Bild von der griechischen Tragödie ist oft bemüht worden. Meist als Warnung. Jetzt aber scheint sie Wirklichkeit zu werden. EU-Kommissionspräsident Juncker hat die Verhandlungen mit der griechischen Regierung gestern Abend entnervt abgebrochen, die er zuvor als letzten Vermittlungsversuch bezeichnet hatte. Am Donnerstag treffen sich die Euro-Finanzminister noch einmal. Was sollen sie sagen?

Die griechische Regierung hat hoch gepokert und darauf gehofft, dass Europa den Bruch nicht riskieren würde. Woche für Woche wurden Reformlisten vorgelegt, die vor allem eins belegten – den Unwillen zu reformieren. Regierungschef Tsipras fühlt sich legitimiert, weil sein Volk das Ende des Spardiktats verlangt hat. Doch ahnten die Griechen auch, dass sie einen sehr hohen Preis dafür bezahlen würden, wenn die EU nicht einknickt? Sie können es nicht geahnt haben, denn Europa hat immer nachgegeben, immer den Kompromiss gesucht, immer versucht, Solidarität zu üben.

Doch die europäischen Regierungschefs stehen mit dem Rücken zur Wand. Nur wenn sie bereit sind Geld zu geben, ohne dass die Griechen eine der Bedingungen dafür erfüllt haben, könnte der Bankrott noch verhindert werden. Den Preis aber werden sie nicht bezahlen: Die EU würde sich erpressbar machen und jegliche Glaubwürdigkeit verlieren.