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Proteste

"Es ist wie im Krieg" - Hunderte Verletzte bei Polizeieinsatz in Istanbul

16.06.2013 | 08:33 Uhr
Tränengas, Wasserwerfer, schwer bewaffnete Polizisten: Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat am Samstag Taksim-Platz und Gezi-Park gewaltsam räumen lassen.Foto: rtr

Istanbul.  Die türkische Polizei hat das Lager der Protestbewegung im Istanbuler Gezi-Park zerstört. Regierungschef Erdogan setzt zum Schluss doch ganz auf Polizeigewalt. Demonstranten werden wieder durch die Straßen gejagt. Grünen-Chefin Claudia Roth erlebte die Räumung mit. "Wir versuchten zu fliehen, und die Polizei verfolgte uns. Es war wie im Krieg", sagt sie.

Tränengas, Gummigeschosse und Schockgranaten: Mit der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks hat Istanbul eine der gewalttätigsten Nächte seit Beginn der Proteste vor knapp drei Wochen erlebt. Hunderte Menschen wurden nach Angaben der Protestbewegung in der Nacht zum Sonntag verletzt. Die Polizei habe ihren Einsatz mit einer Gewalt wie im Krieg geführt, kritisierte die Taksim-Plattform, die zu den wichtigsten Organisatoren der Proteste gehört. Die Gewalt werde aber die Proteste im Land nicht stoppen können. Am Sonntagmorgen gab es weitere Auseinandersetzungen.

Die Regierung kündigte an, hart gegen weitere Proteste vorzugehen. Wer den Taksim-Platz betrete, werde als Terrorrist behandelt, zitierte die "Hürriyet Daily News" den für die Verhandlungen mit der EU zuständigen Minister Egemen Bagis. Am frühen Sonntagabend will die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ihre Anhänger in Istanbul zu einer Kundgebung versammeln.

Nach der Räumung des Parks waren am Samstagabend Tausende Menschen in mehreren Stadtteilen Istanbuls auf die Straßen gezogen und hatten Barrikaden errichtet. Einige forderten den Rücktritt Erdogns. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie eine Gruppe Demonstranten eine große Zufahrtstraße zum Atatürk-Flughafen blockierte. Auch in der Hauptstadt Ankara kam es zu Protesten. Dort setzten sich demonstrativ Oppositionsabgeordnete in die erste Reihe, um einen Tränengas-Einsatz zu verhindern. Der Gewerkschaftsverbund Kesk rief für den öffentlichen Dienst für Montag zu einem Generalstreik auf. Über den Kurznachrichtendienst Twitter wurde für Sonntag zu einer Massendemonstration aufgerufen.

Eine letzte Warnung der Polizei - dann bricht die Hölle los

Kurz vor dem Polizei-Einsatz hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die Besetzer ultimativ aufgefordert, den Park zu verlassen. Der Sturm der Polizei auf das Lager traf Tausende Demonstranten trotz allem unvorbereitet. Eltern spazierten mit Kindern zwischen den Zelten. Auf Grills brutzelte Fleisch. Einig saßen beim Abendessen auf ihren Decken. Teekessel köchelten. Musiker hatten an allen Ecken des Zeltlagers vor mitklatschenden Zuschauern gespielt.

Die seit Tagen mit Wasserwerfern und gepanzerten Geländewagen in Position stehende Polizei soll eine letzte Warnung über Lautsprecher gegeben haben. Dann brach die Hölle los. Tränengas wurde in das Lager gefeuert. Schwer gerüstete Bereitschaftspolizei rückte ein. Dann rückte die Stadtverwaltung mit Baggern und Müllfahrzeugen an, um alle Spuren des seit mehr als zwei Wochen andauernden Dauerprotestes zu entfernen.

Polizei zerstört Protestlager

Claudia Roth entsetzt über Polizeigewalt

Derweil setzte die Polizei den geflüchteten Demonstranten in die umliegenden Straßen nach. Entsetzt erlebte die Grünen-Politikerin Claudia Roth in Istanbul mit, wie das Protestlager von der Polizei geräumt wurde. "Das ist wie im Krieg. Die jagen die Leute durch die Straßen und feuern gezielt mit Tränengas-Granaten auf die Menschen", sagte die Parteivorsitzende der Grünen.

Die Stimmung in dem seit zwei Wochen besetzten Gezi-Park sei friedlich gewesen, als der Polizeieinsatz begann. Das Divan-Hotel am Park habe seine Türen für Kinder und Verletzte geöffnet. Dann feuerte Polizei auch in den Eingang des Luxushotels Tränengas. Ein Foto, das sich über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete, zeigt Roth, nachdem auch sie offenbar Tränengas abbekommen hat.

<blockquote class="twitter-tweet"><p>German MP ClaudiaRoth after gas attack..Terrorist by the TR EU Minister&#39;s standards. <a href="https://twitter.com/CNN">@CNN</a> <a href="https://twitter.com/BBCBreaking">@BBCBreaking</a> <a href="https://twitter.com/Reuters">@Reuters</a> <a href="https://twitter.com/SZ">@SZ</a> <a href="http://t.co/76LlsU2j7C">pic.twitter.com/76LlsU2j7C</a></p>&mdash; Onur Ozdemir (@onurozdemir16) <a href="https://twitter.com/onurozdemir16/statuses/346041485407440896">June 15, 2013</a></blockquote>

<script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script>

Anwohner gewähren flüchtenden Demonstranten Unterschlupf

Rund um den Taksim-Platz gab es in der Nacht viele Zusammenstöße. Die Demonstranten - viele mit Helmen und Staubmasken ausgerüstet - versuchten, ihre Stellung zu halten und ihrer Wut Luft zu machen, wurden aber immer mehr in die kleinen Nebenstraßen abgedrängt. Die Polizei feuerte in die Gassen. Anwohner öffneten ihre Türen, um Unterschlupf zu gewähren. Viele klopften aus Protest auf Töpfe und Pfannen.

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Kommentare
16.06.2013
12:36
Bin kein Freund von Erdogan oder der Polizei.
von Deutschlaender_72 | #38

Was machst du als Polizist, wenn du mit Steinen und Molotovcoktails beworfen wirfst?

Was würdet ihr als deutsche Regierung unternehmen, wenn Linksradikale die Kö in Düsseldorf, oder den Kudamm in Berlin oder die Schildergasse in Köln 2 oder 3 wochenlang besetzen würden, Privatfahrzeuge und öffentliche Verkehrsmittel
anzünden würden, die Scheiben der Läden zerstören würden?

16.06.2013
12:36
was soll das?
von topaz | #37

Das Ganze sagt eine Menge über die Mentalität von Frau Roth aus. Für mich ist es eine überflüßige Einmischung in fremde Angelegenheiten. Die Anwesenheit von Cem Özdemir wäre für mich dadegen nachviollziehbar. Zum Glück ist ihr nichts schlimmeres passiert, denn in Stuttgart haben Menschen sogar ihr Augenlicht verloren....

16.06.2013
12:20
Türkische Polizei räumt Gezi-Park -
von FranzGerberX | #36

Mein Mitleid mit Frau Roth hält sich in Grenzen. Das Risiko, dass so was passiert, war wohlkalkuliert. Im Wahljahr kann so was ja nicht schaden, denken die Grünen sich. Erinnert mich an die Watschen, die Volker Beck seinerzeit in Moskau bei einer Antischwulen-Demo kassiert hat.

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16.06.2013
12:20
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16.06.2013
12:18
Man kann alles googeln?
von Deutschlaender_72 | #34

Es sind leider immer die gleichen gewaltbereiten, linksradikalen Gruppen, die in Europa, in Deutschland und in der Türkei jahrzehntelang für Unruhe sorgen.

Da sollten sich die Regierungen Europas an einen Tisch setzen und was dagegen unternehmen.

Leider gibt es viele Reporter, die diese radikalen Gruppen unterstützen und deren Gewalt und Vandalismus akzeptieren.

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16.06.2013
12:12
würde es schon
von Lugefix | #33

befremdlich finden wenn sich Türkische Politiker HIER an Demos beteiligen würden - aber liege da vielleicht auch falsch wo der Islam jetzt zu Deutschland gehört....

16.06.2013
12:04
Terroristen?
von meinemeinung47 | #32

Egal in welchem Land, sobald sich größere Menschengruppen gegen die aktuelle Politik wenden, werden sie als Terroristen diffamiert!
Speziell wenn sie linkes Gedankengut verbreiten, werden sie gnadenlos verfolgt.
Bei rechtem Gedankengut ist der Staat auf dem Auge meistens blind!
Das gilt auch in Deutschland!

16.06.2013
11:59
Mentalitätssache -
von Lugefix | #31

woll ?

16.06.2013
11:43
In der BRD undenkbar?
von Der.Marlboro.Mann | #30

So etwas ist in dieser, unserer Republik genauso möglich. Denke man nur mal an Stuttgart....
Oder man schaut hier:
http://www.youtube.com/watch?v=ghqaBwV24dk

16.06.2013
11:38
Gut, dass wir behütet leben - Mutti alla DDR
von ueberruhr1 | #29

Die schlagen und treten ihr eigenes Volk - das ist erschütternd und extrem traurig. In der nicht hinterfragten Unterordnung an ihren Befehlshaber und ihrem Beruf, verlieren Menschen ihr Mitgefühl und Menschlichkeit. Jeder dieser Polizisten wird sich eines Tages fragen müssen: was habe ich da getan? - wenn er in das Gesicht einer Frau schaut, die ihr Auge verloren hat - und wenn dies erst in den letzten Sekunden seines Lebens sein wird - er wird sich diese Frage stellen müssen.

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