Erkrankung von König Abdullah sorgt für Angst und Unruhe

Über den Gesundheitszustand von König Abdullah, hier Ende 2011, gibt es seit längerem Gerüchte.
Über den Gesundheitszustand von König Abdullah, hier Ende 2011, gibt es seit längerem Gerüchte.
Foto:  EPA
Was wir bereits wissen
Der König ist 90 Jahre alt und seine möglichen Nachfolger sind entweder hinfällig oder umstritten. Dabei hat Saudi-Arabien massive Probleme.

Riad.. Die Tage zwischen den Jahren hatte König Abdullah wie gewohnt auf seiner Farm in der Oase Rawdat Khuraim verbracht. Seit der sau­dische Monarch jedoch an Silvester plötzlich mit akuter Atemnot per Hubschrauber ins 100 Kilometer entfernte King Abdulaziz Medical City Hospital in Riad geflogen werden musste, machen sich bei ­seinen Untertanen Angst und ­Unsicherheit breit.

Der 90-jährige Monarch habe eine Lungenentzündung und sei an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden, gab der Palast 48 Stunden später in einem dürren Kommu­niqué bekannt. „Gott sei Dank war dieser Eingriff erfolgreich und ­führte zu einer Stabilisierung.“

Rückenleiden und Übergewicht

Rückenleidend, übergewichtig, schnell ermüdet und nur noch per Rollator beweglich – um die ­Gesundheit von König Abdullah ist es schon länger schlecht bestellt. Die jetzige Lungenentzündung ­jedoch könnte für den fragilen Staatschef, der in früheren Jahren ein starker Raucher war, lebens­bedrohend werden. Für das arabische Königreich mit den größten Rohölreserven der Welt kommt Abdullahs Atemkrise zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn im Inneren wie im Äußeren türmen sich die Probleme wie selten zuvor.

Verurteilung Die Nachfolgefrage wird immer heikler, vor allem weil kein Mechanismus existiert, um die Königsmacht von den betagten Söhnen des Staatsgründers Abdulaziz al-Saud in die dritte Generation seiner ­Enkel zu übertragen. Kronprinz Salman leidet offenbar unter den Folgen eines Schlaganfalls oder unter beginnender Demenz. Beobachter berichten, der 78-Jährige ­habe zwar einen dichten öffent­lichen Terminkalender, doch nach der ersten Begrüßung würden seine Sätze rasch „inkohärent“.

Die Rechte des Vizkronprinzen sind umstritten

Der kürzlich installierte Vizekronprinz Muqrin wiederum, ein Halbbruder Abdullahs und mit 69 Jahren der jüngste noch lebende Spross von Abdulaziz al-Saud, ist unter den 34 thronberechtigten ­Familienstämmen umstritten. Aus Sicht einiger mächtiger Wüstenaristokraten hat er keinen Anspruch auf den Thron, weil er von einer jemenitischen Sklavin abstammt, die das königliche Familienoberhaupt seinerzeit als 15-Jährige schwängerte. Und so verweigerten nach Muqrins Ernennung sieben der 34 Repräsentanten im so genannten Huldigungsrat ihre Zustimmung oder enthielten sich der Stimme – Indiz für wachsende Spannungen innerhalb des weit verzweigten Königsclans.

Die riesige Schmarotzerklasse

Aber auch in der Gesellschaft brodelt es. Im saudischen Cyberspace wächst der Unmut über die Schmarotzerklasse der rund 8000 Prinzen und der mit ihnen verbundenen ­Familien, einer superreichen Petrol-Nomenklatura von etwa 100.000 Personen. Der seit einem halben Jahr verfallende Ölpreis wird 2015 ein Rekordloch von fast 40 Milliarden Dollar in den Staatshaushalt reißen. Die Schiiten im Osten des Landes, wo sämtliche Ölanlagen ­liegen, werden immer unruhiger. Nahezu jede Woche kommt es zu Schießereien zwischen Polizisten und Mitgliedern der Minderheit.

Auch gegen politische Dissi­denten geht die autoritäre Führung immer rabiater vor. Die Anklagen landen jetzt auch bei den berüch­tigten Sondergerichten gegen ­Terroristen – egal ob es Kritiker des ­Könighauses, Menschenrechtler oder Frauen sind, die lediglich ihr Recht auf Autofahren einfordern.

Der schiitische Erzfeind ist zurück auf der Bühne

Im Äußeren sieht sich Saudi-Arabien durch das „Islamische Kalifat“ einer schwer kalkulierbaren Bedrohung gegenüber – zumal niemand weiß, wie viele Anhänger die Terrormiliz in der saudischen Bevöl­kerung wirklich hat. Ägypten liegt nach dem Sturz von Mohammed Mursi durch das Militär den reichen Ölherrschern am Golf milliardenschwer auf der Tasche. Im Jemen hat Widersacher Iran mit der Machtübernahme der schiitischen Houthis erstmals seinen Fuß fest auf die Arabische Halbinsel gesetzt. Und demnächst könnte sogar der größte saudische Alptraum Realität werden – sollte der Erzfeind Teheran nach drei Jahrzehnten Isolation durch einen Atomvertrag mit dem Westen international wieder salonfähig werden.