Er war der Dichter der Republik

Günter Grass war der letzte seiner Art: Ein fabelhafter, saftiger Erzähler, der gleich nach dem Bestseller-Erfolg mit seiner „Blechtrommel“ begann, an den Reden von Willy Brandt zu feilen, als der noch nicht Bundeskanzler war. Mit Grass hat die Republik den letzten politischen Unruhe- und Diskussionsstifter unter ihren Schriftstellern verloren. Ein Moralist und publizistischer Gigant, der wusste, wie man Schlagzeilen schreibt: unser Grass. Schon deshalb wird er fehlen, vielleicht sogar seinen Gegnern. Selbst sie hatten in der Auseinandersetzung mit Grass die Gelegenheit, ihre Argumente zu schärfen – was ja nur bei Kontrahenten von Format gelingt.

Es war aber auch die Republik, die Grass zur Instanz machte. Eine Republik, deren Politiker von Idealen und Werten geleitet waren und von Denkern dabei beraten werden wollte, wie man sie umsetzt. Heute besteht die Politik fast nur noch aus schnellen Reflexen. Auf Gedanken der Dichter hört da niemand mehr.