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Gauck

Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie

20.02.2012 | 06:36 Uhr
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Die Entscheidung für Joachim Gauck als künftiger Bundespräsident ist eine Sternstunde der DemokratieFoto: Reuters

Essen.  Joachim Gauck wird der neue Bundespräsident. Dass sich die Koalition gemeinsam mit SPD und Grünen auf den Stasi-Jäger Gauck geeinigt hat, bewertet WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz als Sternstunde der Demokratie. Warum Gauck der richtige Mann für das höchste Amt im Staat ist. Ein Kommentar.

Joachim Gauck weiß, was sich gehört. Also wird er die Entscheidung in eigener Sache nicht kommentieren. Aber es darf spekuliert werden: daran, wie die Entscheidung über die Nachfolge des glücklosen, im Grunde heute schon vergessenen Bundespräsidenten Christian Wulff gefällt wurde, hat Gauck wohl seine Freude.

Er ist ein Mann der Freiheit. War es immer schon. Deshalb darf man auch dankbar sein, dass als einzige Partei die Linke Joachim Gauck als demokratischen Konsenskandidaten ablehnt. Das schafft einmal mehr Klarheit. So, wie alle Parteien demokratisch sein wollen, will die Linke nicht sein. Gauck, genauer, Stasi-Jäger Gauck , wird es freuen. Ihn als Staatsoberhaupt abzulehnen, kann die Linkspartei nicht lauter begründen, sondern nur mit dem Hinweis, von ihm stets unter Verdacht gestellt worden zu sein. Zu Recht natürlich.

Entscheidung für Gauck ist Sternstunde der Demokratie

Der gestrige Sonntag war eine Sternstunde unserer Demokratie. Wie sehr hatten wir uns schon gewöhnt an die parteipolitischen Mechanismen, daran, dass am Ende die Partei- vor der Staatsräson liegt. Gestern haben wir einen bemerkenswerten Tag erlebt. Die Parteien geben der Staatsräson den Vorrang.

Die Bundeskanzlerin bringt die Größe auf, in eine große Niederlage einzuwilligen. Bis zuletzt hatte sie Gauck verhindern wollen, obwohl sie den Mann persönlich sehr schätzt. Um dann doch die Kurve zu kriegen. Einmal mehr konnte man Zeuge werden ihres Pragmatismus. Motto: neue Lage, neue Entscheidung. Die Sozialdemokraten wiederum halten stoisch an dem Kandidaten fest, der doch eigentlich nicht ihrer ist, es gar ich sein kann, ideologisch trennt Joachim Gauck sehr viel von den Sozialdemokraten, zuallererst sein Freiheitsbegriff. Der ist individuell, nicht kollektiv. Was in puncto Haltung für die SPD gilt, gilt natürlich auch für die Grünen.

FDP: Mut der Verzweiflung?

Ein Sieger war am Sonntagabend die FDP. Wann eigentlich konnte man über die Liberalen zuletzt einen positiven Satz schreiben? Es hätte sie bei dieser ganzen Aktion auch von der Platte fegen können. Sie haben, vielleicht auch mit dem Mut der Verzweiflung, gestanden. Ist das eine Art von Rückkehr in den Kreis der ernstzunehmenden Akteure? Es mag sein, dass diese, aus Merkels Sicht, Unbotmäßigkeit der FDP, der Kanzlerin noch eine schöne Begründung gibt, bei nächster Gelegenheit auf die Roten statt auf die Gelben zu setzen. Sie hat ja nicht vergessen, dass die Große Koalition ihr mehr Glück brachte als die Kleine.

Video
Mit dem Rücktritt von Christian Wulff läuft die 30-Tage-Frist für die Einberufung der Bundesversammlung, die einen Nachfolger wählen muss. Das neue Staatsoberhaupt muss demzufolge spätestens bis zum 18. März bestimmt werden.

Die Bürger haben sich gesehnt nach einer solchen Entscheidung . Nicht nur, weil sie nie aufgehört haben, Joachim Gauck zu schätzen und zu mögen. Zuletzt war der Verdruss außerordentlich groß über die Parteipolitisierung aller Politik. Unsere Parteien haben das Signal gehört und verstanden. Und am Ende eine gute Entscheidung getroffen.

Gauck wird, wahrscheinlich, kein bequemer Präsident. Nicht nur nicht für die Regierung, auch nicht für die Opposition. Und auch nicht für das Volk, das ihn so schätzt. Die Deutschen haben nicht mehr viel Vertrauen in den Wert der Freiheit, und sie hadern mit unserem Staatswesen. Gauck tickt an diesen beiden Stellen völlig anders, aus totalitärer Erfahrung. Er kämpft für die Freiheit (die auch eine Option sein kann gegen der Deutschen liebstes Kind, die Sicherheit). Und er findet, dass wir, gemessen an den Spielräumen, die uns unsere Geschichte lässt, derzeit in der besten aller Möglichkeiten leben.

Es ist gesagt und geschrieben worden. Am Ende hat das Staatsoberhaupt in unserer Verfasstheit wenig mehr als sein Wort. Mehr hat Joachim Gauck niemals gehabt, aber auch niemals gebraucht.

Ulrich Reitz

Kommentare
22.02.2012
20:37
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von kuba4711 | #138

Herr Gauck ,der Kandidat ist doch Pfarrer!
Und in der Bibel steht doch :
Wenn Du "Ja" sagen willst ,dann sage "Ja".
Und die Linke sagt zu diesem Kandidat der neoliberalen Kräfte im Land bewußt "Nein!".
So etwas nennt man in demokratischen Staaten :
"Freie Meinungsäußerung!"
Einige politische Höflinge im Land haben da so ihre Schwierigkeiten!

22.02.2012
18:27
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von babilon | #137

Nun werden die Medien sich etwas neues einfallen lassen,wie man das Amt des
Bundespräsidenten weiter beschädigen kann.Die Linke hat schon gute Ansätze
dazu aufgezeigt. Na dann aber ran.

22.02.2012
11:02
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von woelly | #136

Hallo Herr Reitz,
was wollen sie uns denn da nun wieder vorgauckeln? Pastor Fliege wird Pressesprecher vom neuen Bundesvobild- und nicht sie! Was soll also ihre Lobeshymne auf Herrn Gauck?
Die Bundeskanzlerin hat alles notwendige zu Herrn Gauck gesagt. Die kennt Herrn Gauck länger als sie!

22.02.2012
09:08
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von Leser66 | #135

Die Lobpreisung, man kann es auch Lobhudelei nennen, sollte sehr schnell beendet werden. Zurueck in die Tealitaet, Gauck, 1940 geboren, po;itisch micht das NS-Regime erlebt. Seine Familie und er haben sich in der DDr eingerichtet. Was seinem Vater angetan wurde, haben viele andere Menschen auch erlebt. Mein Vater ist 1945 in sowjet. Gefangenschaft verhungert, mein Pflegevater und mein Onkel wurden von den Sowjets Ende der 40er Jahre viele Jahre(4 bzw. 8 Jahre) in Sachsenhausen, Bautzen und Brandenburg inhaftiert. Sie waren weder Nazis noch haben sie gegen die sowjet. Besatzungsmacht gearbeitet.
Die Familie Gauck haette die "verhasste" DDR verlassen koennen, was vor 1961 ohne Probleme moeglich gewesen waere. Joachim Gauck hat sich im Ulbrichtstaat eingerichtet, Abitur, Theologiestudium, spaeter im Pfarramt. Mit seiner Frau erzog er 4 Kinder in der DDR. Das soll ihm nicht vorgeworfen werden. Ihn aber zu glorifizieren, ist nicht gerechtfertigt.
Wirkliche Regimekritiker hatten Nachteile.

21.02.2012
16:58
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von meinemeinungdazu | #134

Gauck kann nicht der Präsident der 25 % Nichtwähler und der 12 % Linken sein. Das ist schon einmal mehr als ein Drittel. Für Lobhudeleien ist jetzt nicht der Zeitpunkt.

21.02.2012
15:03
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von tv-aus-hirn-ein | #133

Herr Reitz wirkt immer mehr als ein Erfüllungsgehilfe einer total vernebelnden Elite, die unglaublich unkritisch mit den Mächtigen in diesem Land umgeht.
Das Volk ist vermutlich nicht so doof, es weiß, dass Umfragen nicht eine Stimmung w i e d e r g e b e n, sondern eine Meinung e r z e u g e n.
Was würde eine Umfrage ergeben, in der die Fragen gestellt würden:
- Was wissen Sie über Gauck?
- Kennen Sie inhaltliche Äußerungen von Ihm?

Herr Gauck ist nicht der Präsident aller Deutschen. Er ist ein mediales Kunstprodukt der Springer-Presse (ist nachgewiesen: Bitte bei den nachdenkseiten.de blättern, es lohnt sich!!!) und kein Produkt einer demokratischen Meinungs und Mehrheitsfindung inenrhalb der Basen von SPD und Grüne. Die rund 5 Mio. Wähler der Linken blieben ganz außen vor.
Also hier von einer Sternstunde der Demokratie zu sprechen, spricht für sich und gegen Herrn Reitz.
Googeln und informieren Sie sich mal nach "Atlantikbrücke" und wundern sich nicht über den wahren Herrn Gauck!

1 Antwort
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von kuba4711 | #133-1

Gut ,insbesondere der Hinweis auf NachDenkSeiten.de!
Gruss

21.02.2012
14:51
Sternstunde - nach dem Theater?
von nachdenken | #132

Eine Sternstunde wäre es, wenn er oder ein/e bessere/r vor zwei Jahren durchgekommen wäre.
Immerhin, er drückt sich nicht. Aber bei der Auswahl, die sonst noch diskutiert wurde, ist es ein Jammerbild. Es scheint keine integeren Menschen mehr zu geben. Alles eher Zweite Wahl. Vielleicht halten sich die "Guten" auch zurück, weil sie sich ihren Ruf nicht ruinieren wollen, speziell, wo´s keine Blumentöpfe in den nächsten Jahren zu gewinnen gibt??

21.02.2012
12:59
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von joerg1602 | #131

Der Kommentar kann wohl kaum unkommentiert bleiben!
Wie man das Taktieren der Kanzlerin bis zur letzten Minute zur Vermeidung der zuvor kategorisch abgelehnten - weil den eigenen Machtanspruch ankratzende - Wiedernominierung Gauks als lobenswerten Pragmatismus und Größe bezeichnen kann, ist gelinde gesagt nicht nachvollziehbar.
Wir konnten auch nicht Zeugen ihres (Der Kanzlerin) Pragmatismusses werden sondern mußten es. Denn letztlich gab es wiederum nur ein Taktieren, mit dem in Wahrheit lautenden Motto, bloß keinen neue Lage, bloß keine neue Entscheidung und schon garnicht schnell, nicht nachhaltig und wenn unabwendbar dann nur um den eigenen Machtanspruch zu wahren.
Somit ist der Pragmatismus der Kanzlerin letztlich nur ein Taktiern ohne Strategie.
Wie erlebt beim Atomausstieg, dem Mindestlohn, der Euro-/Europa-Kriese ....
Deshalb ist hier jedwede Lobhudelei völlig fehl am Platze und eher Anlaß zur Sorge
um die Regierungsqualitäten der Kanzlerin angesagt.

21.02.2012
12:11
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von meinemeinungdazu | #130

Hoffentlich wird aus der Sternstunde keine Sternschnuppe. Mal abwarten, wie Gauck nach 2 Jahren beurteilt wird. Merkel jedoch hat eine große persönliche Niederlage erlitten, die sie hätte verhindern können: Die 2 % -Partei raus aus der Koalition und einen Neuanfang wagen, der 2013 sowieso kommt. Die Aussichten für Schwarz-Rot stehen wohl gut. Es wäre auch gut für unser Land.

21.02.2012
09:55
Entscheidung für Gauck ist eine Sternstunde der Demokratie
von Karl.Schmitz | #129

Die Bundeskanzlerin bringt die Größe auf, in eine große Niederlage einzuwilligen. ???

Hatte sie denn eine Alternative, wenn sie an der Macht bleiben wollte ??? Und das will sie doch und dafür wechselt sie auch ihre Meinungen wie ihr Hemd.

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