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IS-Terror

Entkommen aus der IS-Hölle im Irak – Jesiden erzählen

21.01.2015 | 19:05 Uhr
Entkommen aus der IS-Hölle im Irak – Jesiden erzählen
Flüchtlingsdrama im NordirakFoto: Jan Jessen

Erbil.   Unser Redakteur Jan Jessen sprach im Irak mit jesidischen Flüchtlingsfamilien, die dem Terror der IS-Milizen entkommen sind. Tagelang waren sie auf der Flucht, waren sogar über lange Zeit in Gefangenschaft und wurden vor wenigen Tagen freigelassen.

Für die Jesiden liegt der heiligste Ort auf Erden 60 Kilometer nördlich von Mossul, der irakischen Millionenstadt, die seit Mitte vergangenen Jahres von den Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) gehalten wird. Er heißt Lalisch, und dort befindet sich das Grab von Scheich Adi Ibn Musafir, dem wichtigsten Heiligen der Jesiden.

In diesen Tagen ist Lalisch ein Zufluchtsort. In der großen Halle, in der sonst die Pilger aus aller Welt eintreffen, sitzen Murat Khalaf Ali und seine Verwandten erschöpft auf dünnen Matratzen. Vor wenigen Tagen hat sie der Islamische Staat aus monatelanger Geiselhaft entlassen . Sie sind durch die Hölle gegangen.

"Rettet euch" – dann kamen die Terroristen

Ihr Leidensweg begann Anfang August, als die IS-Terroristen die Städte und Dörfer rund um die Jesiden-Hochburg Sindschar angriffen. Sie beschossen auch Tel Qassar, den Heimatort von Murat Khalaf Ali, einem alten Mann, der im Krieg gegen den Iran in den achtziger Jahren schwer verletzt wurde. „Wir sind sofort geflohen“, erzählt er. Vier Kilometer weit schob er den Rollstuhl seiner schwer kranken Frau , in Hammadan verließ ihn die Kraft. Sieben Tage verbrachte er dort mit seiner großen Familie in einem Rohbau, dann schickte er sie fort. „Rettet euch“, sagte er. Nur sein ältester Sohn blieb mit seiner Frau bei ihm.

Terror
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Eine Stunde später kamen die Terroristen. „Sie wollten uns sofort erschießen, wir haben sie um Gnade angefleht.“ Erst als sie das islamische Glaubensbekenntnis ablegten, senkten die Terroristen die Waffen. In den Tagen darauf kümmerten sich die Islamisten sogar um die Flüchtlinge: „Sie haben uns mit Essen und Trinken versorgt“, erzählt der 70-Jährige.

Einen Monat später wurde die Familie von einem anderen Trupp verschleppt. Erst nach Tel Afar westlich von Mossul, wo der IS schon über 3000 Jesiden in einer ummauerten Siedlung gefangen hielt. „Sie haben dort alle Frauen, die keinen Mann mehr hatten und 300 junge Mädchen aussortiert und mit Reisebussen nach Syrien gebracht.“

Zwei Monate später ging es weiter nach Mossul. Dort wurden Murat Khalaf Ali und seine Familie zusammen mit Hunderten anderen Jesiden in einer Hochzeitshalle zusammengepfercht . Dort, wo vor dem Krieg ausgelassen gefeiert wurde, herrscht nun unbeschreibliches Elend. „Wir mussten zuschauen, wie sie Menschen enthaupteten, Jesiden, die geflohen waren. Sie haben Kinder aus den Armen ihrer Mütter gerissen. Ihre Augen waren schrecklich. Sie flackerten ständig.“

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In der Hochzeitshalle waren auch Khunau Khalaf Qassem und Najat Hawdi Rasho eingesperrt, zwei Frauen aus Dörfern in der Umgebung von Sindschar. „Meine Tochter ist neun Jahre alt. Sie haben sie mir weggenommen und gesagt, sie sei alt genug, um verheiratet zu werden“, erzählt Najat Hawdi Rasho. Ihre Augen sind tot.

„Wir haben gebetet und geweint“

Auch Khunau Khalaf Qassems Tochter ist fort. „Sie heißt Hadia. Sie ist gerade zwölf“, sagt sie leis. „Sie haben uns vernichtet.“ Auch ihre beiden Söhne sind immer noch in der Gewalt der Terroristen. Nur ihre Schwiegertochter hat sich retten können, nachdem sie 17 Tage lang immer wieder verkauft wurde. „Sie war in Mossul bei einem alten Mann und ist um Mitternacht aus seiner Wohnung geflohen.“ Wie es der Schwiegertochter heute geht? Khunau schweigt, hebt den Schal über den Mund und senkt die Augen.

„Wir haben immer nur gebetet und geweint“, erzählt Murat Khalaf Ali, „wir haben so sehr darauf gehofft, dass irgendwer Mossul bombardiert und eine Bombe den Saal trifft, damit wir sterben und es hinter uns haben.“

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Vor wenigen Tagen geschah das, womit niemand mehr gerechnet hatte. „Sie haben uns in die Nähe von Kirkuk gefahren und gesagt, wir würden der kurdischen Regierung übergeben.“ Dort ist ein Grenzposten, der von kurdischen Kämpfern gehalten wird. „Über Lautsprecher hat ein Mann, der sagte, er sei Abu Bakr al-Bagdadi, der Führer des IS, erklärt, dass er uns Amnestie gewährt.“

Am Samstag kamen sie frei. 234 Jesiden, die meisten alte Männer und Frauen. Sie wurden erst in Krankenhäuser in Erbil gebracht, weil die kurdischen Sicherheitskräfte befürchteten, die Terroristen könnten sie mit Krankheiten infiziert haben, um sie als biologische Bomben einzusetzen.

Freigelassene sind bei Familien in Flüchtlingscamps

Die meisten Freigelassenen sind jetzt bei ihren Familien in den Flüchtlingscamps in der Region. „Wir wollen hier bleiben, hier ist unsere Erde, hier sind unsere Heiligtümer“, sagt Suleiman, der Bruder von Khunau Khalaf Qassem. „Aber das geht nur, wenn uns die internationale Gemeinschaft schützt.“

In Kurdistan heißt es, die Regierung habe für die Freilassung der Jesiden 1,5 Millionen Dollar bezahlt. Tausende sind noch immer in Geiselhaft.

Jan Jessen

Kommentare
22.01.2015
07:58
Entkommen aus der IS-Hölle im Irak – Jesiden erzählen
von Oberon12 | #1

Gut dass die Menschen frei sind, schlecht dass die IS dadurch Millionen für neue Waffen erhalten hat. Es gibt ja tatsächlich selbstmörderische...
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2015-01-21 19:05
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