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Ägypten

Eine Wahl zwischen Extremen

17.06.2012 | 19:43 Uhr
Eine Wahl zwischen Extremen
Ägyptische Frauen stehen im Wahlloka in Kairo an, um ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abzugeben. Es kandidieren der Muslimbruder Mursi und der Ex-General Shafiq. Foto: Getty

Kairo.   Inmitten der politischen Krise nach der Annullierung der Parlamentswahl haben die Ägypter am Wochenende einen Präsidenten gewählt. Zu der Stichwahl traten Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern und Ahmed Schafik an, der letzte Regierungschef des gestürzten Machthabers Husni Mubarak.

„Ich bin froh, dass das Parlament aufgelöst ist.“ Wessam Galaly klimpert mit seinem Autoschlüssel, ungeduldig wartet seine vierjährige Tochter Malka, dass es zurück nach Hause geht. Gewählt hat er Ahmed Shafiq, den früheren General und letzten Premierminister unter Hosni Mubarak.

„Ich habe meine Bedenken, aber bei ihm weiß ich wenigstens ungefähr, woran ich bin“, sagt der Ingenieur, der unter der Woche in Hurghada für einen großen Konzern Ferienappartements baut. „Shafiq hat eine Vision, er kann das Land zurück auf die Beine bringen. Bei Mohamed Mursi dagegen ist mir das völlig unklar.“

Verunsicherte Wähler

Nicht viele haben sich am Wochenende in der Gamal-Abdel-Nasser-Grundschule im Kairoer Stadtteil Dokki zur Wahl eingefunden – kein Vergleich zu den erwartungsfrohen Schlangen beim ersten Wahlgang vor knapp vier Wochen. Denn Ägypten ist nach dem Justizdrama der letzten Woche tief verunsichert. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts, das erst vor sechs Monaten gewählte Parlament aufzulösen, hat alles auf den Kopf gestellt.

Mit dem Paukenschlag sind am Nil die Uhren der Demokratie faktisch wieder auf Null gestellt. Shafiq sei ohne Zweifel ein Mann, der dem alten Regime nahe steht, räumt Wessam Galaly ein. „Heute aber machen die Leute den Mund auf, sie lassen sich nichts mehr gefallen. Die Rückkehr zu einem Ägypten wie unter Mubarak, die wird es nie wieder geben.“

52 Millionen Wahlberechtigte

52 Millionen Ägypter waren aufgerufen, ihren ersten demokratischen Präsidenten zu bestimmen. Vor vier Wochen hatte die Wahlbeteiligung noch bei 43,4 Prozent gelegen, diesmal dürfte sie deutlich niedriger ausfallen, auch weil viele politische Gruppen zum Boykott aufgerufen haben.

Die Generäle ließen inzwischen das Parlamentsgebäude versiegeln, kein Abgeordneter darf mehr sein Büro betreten. In den nächsten 48 Stunden wollen sie Verfassungszusätze erlassen, die ihnen bis zur Wahl einer neuen Volksvertretung Gesetzgebung und Kontrolle des Staatshaushaltes sichern. Der neue Präsident, der wahrscheinlich im Laufe des heutigen Montags feststeht, soll dagegen Regierung, Kabinett und alles diplomatische Personal ernennen dürfen.

Bollwerk gegen den Islamismus

Der Ex-General und langjährige Mubarak-Freund Shafiq, der sich im Wahlkampf als Garant von Sicherheit und Ordnung und als Bollwerk gegen den Islamismus präsentierte, gab seine Stimme im Kairoer Stadtteil Heliopolis ab – ganz im Autokraten-Stil seines früheren Chefs. Er erschien mit einem großen Tross aus Militär und Polizei, der die wartenden Bürger beiseite schob. Anschließend wurde das Wahllokal für Shafiq komplett abgeriegelt, bis der 70-Jährige durch einen Seitenausgang wieder davon gerauscht war.

Muslimbruder Mursi dagegen, der sich den Wählern als Schutzpatron der ägyptischen Revolution empfahl, wartete in seiner Heimatstadt Zagazig im Nildelta zwei Stunden lang bei brütender Hitze geduldig, bis er schließlich an der Reihe war. Bis zuletzt versuchte er, vor allem die Ängste der Frauen und der koptischen Minderheit vor einem Marsch in den islamistischen Staat zu zerstreuen. Seine Präsidentschaft werde basieren auf dem Islam, erklärte der promovierte Bauingenieur. Gleichzeitig aber wolle er alle Kräfte der Gesellschaft mit einbeziehen und die individuellen Freiheitsrechte der Menschen garantieren.

Wunsch nach Neubeginn

In Kairos Armenviertel Dar al-Salaam jedenfalls sind viele Bewohner auf Mursis Seite, auch wenn sie zugeben, dass bei der Arbeit des Parlaments bisher nicht viel herausgekommen ist. „Es geht nicht um die Islamisten, es geht um neue Gesichter und um den Neubeginn, den wir mit unserer Revolution erkämpft haben“, sagt Ahmed Ramadan, der in der Ahmed-Oraby-Grundschule seine Stimme abgab.

Amin Azer wollte diesmal eigentlich zu Hause bleiben, doch die Auflösung des Parlaments hat ihn aufgerüttelt. „Ich habe Mursi und die Revolution gewählt“, sagt er. „Sollte aber Shafiq gewinnen, werden wir alle wieder auf die Straße gehen.“

Martin Gehlen


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