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Ein Thronwechsel zur Unzeit

24.01.2015 | 00:11 Uhr

Riad. „Ich verkünde euch gute Nachrichten“, hatte noch am Vorabend zu Freitag ein Mitglied der Königsfamilie frohgemut getwittert. „Dem Hüter der beiden Heiligen Stätten geht es gut, und an den Gerüchten, die im Umlauf sind, ist nichts dran“. Keine drei Stunden später wurde dann im Staatsfernsehen das offizielle Kommuniqué des saudischen Hofes verlesen – Monarch Abdullah bin Abdulaziz ist tot, gestorben um ein Uhr früh im King Abdulaziz Medical City Hospital in Riad an den Folgen einer Lungenentzündung.

Bereits am Nachmittag nach dem Freitagsgebet wurde der 90-Jährige in Riad auf dem Friedhof beigesetzt, wo die gesamte Königsfamilie begraben liegt. Zu der Trauerfeier in der Imam Turki bin Abdullah Moschee waren neben den Golfpotentaten auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Pakistans Regierungschef Nawaz Sharif angereist.

Noch in der Nacht wurde der 79-jährige bisherige Kronprinz Salman bin Abdulaziz zum Nachfolger proklamiert, der eine dreitägige Staatstrauer verkündete. Er werde die Richtung des Königreiches nicht ändern, erklärte er in einer kurzen Mitteilung an das Volk und forderte seine Landsleute auf, zusammenzustehen und Einigkeit zu zeigen. Die Bürger der Hauptstadt Riad wurden gebeten, zum Palast zu kommen und dem neuen Herrscher Gefolgschaft zu schwören.

Für das arabische Königreich mit den größten Rohölreserven der Welt kommt Abdullahs Tod zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Im Inneren wie im Äußeren türmen sich die Probleme wie selten zuvor. Ob der neue Monarch Salman überhaupt amtsfähig ist, daran bestehen erhebliche Zweifel.

Beginnende Demenz?

Er leidet offenbar unter den Folgen eines Schlaganfalls, möglicherweise auch unter beginnender Demenz. Zwar absolvierte Salman in den letzten Monaten einen dichten öffentlichen Terminkalender, doch nach der ersten Begrüßung würden seine Sätze rasch „inkohärent“, berichteten Beobachter.

Der bisherige Vizekronprinz Muqrin bin Abdulaziz, der nun als neuer Kronprinz nachrückte, ist mit 69 Jahren der jüngste noch lebende Spross von Abdulaziz al-Saud, jedoch unter den 34 thronberechtigten Familienstämmen umstritten. Aus Sicht einiger mächtiger Wüstenaristokraten hat der in Großbritannien ausgebildete Kampfpilot keinen Anspruch auf den Thron, weil er von einer jemenitischen Sklavin abstammt, die der Staatsgründer seinerzeit als 15-Jährige schwängerte. Und so verweigerten nach Muqrins Ernennung sieben der 34 Repräsentanten im sogenannten Huldigungsrat ihre Zustimmung oder enthielten sich der Stimme – Indiz für wachsende Spannungen innerhalb des weit verzweigten Königsclans.

80 Menschen enthauptet

Die öffentliche Auspeitschung des Bloggers Raif Badawi vor der Al-Jafali-Moschee in Jeddah hat Saudi-Arabien gerade weltweit in Misskredit gebracht. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 80 Menschen in Saudi-Arabien öffentlich enthauptet, eine Praxis, die das Königreich im Januar demonstrativ fortführte.

Martin Gehlen

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Ein Thronwechsel zur Unzeit
Ein Thronwechsel zur Unzeit
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http://www.derwesten.de/politik/ein-thronwechsel-zur-unzeit-aimp-id10269672.html
2015-01-24 00:11
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