Ein Prozess für die Opfer

Im Auschwitz-Prozess in Lüneburg hat der Angeklagte Oskar Gröning ein umfangreiches Geständnis abgelegt.
Im Auschwitz-Prozess in Lüneburg hat der Angeklagte Oskar Gröning ein umfangreiches Geständnis abgelegt.
Foto: Julian Stratenschulte

Darf man einen 93-jährigen Verdächtigen wegen Verbrechen anklagen und vor Gericht stellen, die mehr als sieben Jahrzehnte zurückliegen? Ja, man muss es sogar. Denn wie jetzt im Fall Gröning geht es nicht mehr in erster Linie um Strafe, sondern um Gerechtigkeit und Genugtuung für die Opfer und deren Hinterbliebene.

Zumal die Geschichte der NS-Prozesse in Deutschland kein Ruhmesblatt für die Justiz der Bundesrepublik ist. Lange, zu lange, wurde weggeguckt und vertuscht. Nicht selten verhinderten alte braune Seilschaften in den Amtsstuben, dass Verfahren in Gang kamen. Viele Deutsche, die mit Wiederaufbau und Wirtschaftswunder beschäftigt waren, blendeten die unbequeme Vergangenheit aus. Opfer, die sich zu Wort melden, wurden als Nestbeschmutzer beschimpft. Der Gröning-Prozess ist deshalb auch ein Stück Wiedergutmachung für dieses dunkle Kapitel deutscher Justizgeschichte.