Ein Pleite-Dorf in Spanien entdeckt die Solidarität
27.07.2012 | 18:44 Uhr 2012-07-27T18:44:00+0200
Madrid. Als in dem Dorf Higuera de la Serena der neue Bürgermeister sein Amt antrat, fand er nur leere Kassen, jede Menge unbezahlte Rechnungen und knapp eine Million Euro Schulden. „Ich hatte nicht einmal mehr Geld für die Straßenreinigung“, erinnert er sich. Heute packt das ganze Dorf mit an.
Es ist einer jener heißen Tage, an denen viele Dörfer Spaniens in einen Tiefschlaf fallen. In dem südspanischen Nest Higuera de la Serena, in dem die Arbeitslosigkeit höher und die Ernteerträge der Bauern niedriger sind, rüsten sich Dorfbewohner zum Großeinsatz.
Mit Eimern, Besen, Schaufeln und Plastiksäcken bewaffnet treffen sie sich vor dem Rathaus. „Es gibt für nichts mehr Geld. Deswegen müssen wir mit anpacken. Jeder muss helfen“, sagt Eugenia Ignacio und schwenkt entschlossen ihren Feger.
Handwerker sind besonders gefragt
Higuera de la Serena, wo etwas mehr als 1000 Einwohnern leben, liegt in der südwestlichen Region Extremadura. Das Dorf ist, wie mehr als 2000 weitere spanische Orte, zahlungsunfähig. Es ist Opfer katastrophaler Haushaltsführung, himmelschreiender Geldverschwendung und eines Immobiliencrashs, der ganz Spanien in eine tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise stürzte.
Als Bürgermeister Manuel Garcia im Juni 2011 ins Rathaus einzog, fand er nur noch leere Kassen, jede Menge unbezahlte Rechnungen in den Schubladen und knapp eine Million Euro Schulden. „Ich hatte nicht einmal mehr Geld für die Straßenreinigung.“ Garcia, der der Partei „Vereinigte Linke“ angehört, konnte die Löhne der Rathausangestellten nicht mehr bezahlen. Auch nicht den Elektriker, um kaputte Straßenlaternen zu reparieren.
Der neue Bürgermeister griff als erster zum Besen
„Der Bürgermeister war der erste, der einen Besen in die Hand nahm und anfing, die Straßen zu kehren“, erzählt eine Bewohnerin mittleren Alters. Das habe die Leute beeindruckt und motiviert, sich auch zum kostenlosen Arbeitseinsatz zu melden.
Bis zu 100 Freiwillige treffen sich regelmäßig auf dem Dorfplatz, um für eine bessere Zukunft zu schuften. Junge, Alte, Männer und Frauen machen bei den Arbeitsbrigaden mit. „Wir sind stolz darauf, dass wir unser Dorf selbst in Ordnung bringen“, sagte ein Helfer. Die Umstehenden nicken. „Wir wollen unser Dorf vorwärtsbringen.“ Wer ein Handwerk gelernt hat, ist besonders gefragt: Die Maurer bessern Fassaden aus, Klempner reparieren Kanäle, Schreiner bringen die Sitzbänke im Ort in Ordnung.
Ehrenamtliche Mitarbeit im Rathaus
„Wir im Rathaus arbeiten alle ehrenamtlich“, sagt Manuel Tamayo, der Vize-Bürgermeister. Die Entschädigungen von 1200 Euro monatlich, die die früheren und nun aus dem Amt gejagten Verantwortlichen kassierten, wurden gestrichen.
Auch wenn es ihnen und ihrem Dorf nicht gut geht – die Lebensfreude haben die Bürger nicht verloren. Zumal sie sich nun mit dem Attribut schmücken können, das wohl solidarischste Dorf Spaniens zu sein.

08:12
Ich möchte noch etwas zum eigentlichen Thema schreiben: eine Kommune, so wie sie im Artikel beschrieben wurde, in der praktisch niemand mehr über Geld und Arbeit verfügt, ist eigentlich in hervorragender Weise prädestiniert für die Einführung eines alternativen Geldsystems, wie es zum Beispiel in folgendem Link beschrieben wird:
Alternative Geldsysteme
Marianne van Putten
Ein neuer Umgang mit Geld
http://tinyurl.com/cy8loc3
In einem solchen System braucht niemand mehr "kostenlos" oder "ehrenamtlich" eine Dienstleistung erbringen, sondern wird bezahlt mit "Talern". Auch der Arbeitslose kann sich durch das Fegen der Straßen Taler verdienen, ohne auf Diebstahl, der sich in Spanien übrigens epidemisch ausbreitet, angewiesen zu sein.
Das ist natürlich nix für Leute, die jedes Jahr den neuesten Flachbildschirm im Wohnzimmer stehen haben wollen. Aber in Spanien gehört diese Art von Konsum - auch gerade mit dem Euro - schon längst der Vergangenheit an.
Ich habe mich vertan, der Link für o.a. Schrift lautet:
http://tinyurl.com/bseodup
06:54
Wenn ich das Gesülze mit diesem ALG-II in den Kommentaren lese. Aha, bin ich also weg vom Fenster. Gestern am Abend am Telefon wurde mir mitgeteilt, das ich mich beim AA melden darf, sonst droht mir Leistungskürzung. Mir schwant nichts gutes. Nie habe ich zu denen gehört, die Arbeitslose verunglimpft haben. Weil ich schon 2x Arbeitslos war. Das nennt man Erfahrung sammeln. Und die Diskussion geht fleißig weiter. Ich habe mir was aufgebaut. Und das mit Lohneinbußen! Soll ich all das abgeben? Auto, Flachbildschirm, Mobiltelefon mit Berührung und eintauschen mit einem Besen?
16:34
Solch eine Aktion halte ich hierzulande nicht nur wegen der ALG II- Diskussion oder eines Handwerkeraufschreis für schwer ausführbar.
Sondern, manche würden sich über die gemachte Arbeit anderer freuen, indem sie neue freie Wände umgehend mit Graffities verunzieren oder geräumte wilde Müllkippen umgehend ihrer früheren Bestimmung wieder zuführen.
Ersteres sieht man zur Zeit in Hohenlimburg, und letzteres wird immer wieder gerne praktiziert.
12:58
Solidarität gibt es in Deutschland nur unter den Blödball-Chaoten...
10:46
Kann man Solidarität mal ins Deutsche übersetzen? Mir scheint, in Deutschland ist dieser Begriff vollkommen unbekannt.
10:38
Es ist gut, wenn die Bevölkerung eines Staates -hier Spanien - noch in der Lage ist zu erfassen , was "Solidarität" im eigentlichen Wort -Sinne noch bedeutet.
Es ist eben das Gegenteil von "Geschäfte -Macherei "und dem Prinzip "Ausbeutung!"
Wenn ich den ein oder anderen Beitrag hier mir so zu Gemüte führe ,dann schwant mir Fürchterliches sollte die spanische Krise demnächst die germanische Heimatfront erreichen.
Da gibt es doch ein paar Welt-Versteher -ziemlich nahe der äußersten Rechten im Lande - ,die glauben mit einem Brocken Gold und genügender Armierung diese "Solidarität" für sich einfordern zu können.
Von der Mentalität her eben "Sklavenhalter!"
Ein organisiertes Solidaritätsprinzip ist übrigens in deutschen Landen die gesetzliche Sozial - Versicherungssystematik.
Etwas, was die neoliberalen Ideologen selbstverständlich in tausend Jahren nicht kapieren werden
Solidarität ist für diese Zeitgenossen die Tatsache ,dass die spanische Regierung bei den Spaniern 65 Mrd. Euro holt
09:38
Zitat von @Plem | #3.....Ihren Aufschrei möchte ich nicht hören, wenn Sie als "ganz normaler Mensch" darum gebeten werden, im Zuge einer solidarischen Maßnahme die Straße vor ihrem Haus zu fegen, während Sie weiterhin stetig steigende Straßenreinigungsgebühren zahlen.
Danke für IHREN Beitrag. Menschen wie Sie habe ich mit meinem Kommentar genau damit gemeint.
Ich zahle, also verlange ich auch und habe sonst mit nichts mehr am Hut.
Besser kann man das gar nicht ausdrücken.
Sie sollten sich vielleicht doch mal kundig machen, was den Begriff der Solidarität angeht; ich helfe Ihnen dabei, ich helfe immer gern:
www.lmgtfy.com/?q=Solidarität
Solidarität hat mit Geld nichts zu tun, da kann man sich nicht herauskaufen. Und es wäre zweckdienlich, wenn gerade Sie als "normaler Mensch" mit guten Beispiel vorangehen würden.
Nunja, im Beitrag ging der Bürgermeister mit gutem Beispiel vorran.
Wenn -um z.b. in Essen zu bleiben- der gute Herr Paß ebenso aggieren würde, würden wohl auch welche folgen, und -bleiben wir hier auch mal beim Thema Straßenfegen- ebenso den Besen in die Hand nehmen.
Würde man aber solch einen Aufruf starten und vorher (oder besser noch:nachher) die dafür zuständigen Gebühren erhöhen (was mich in diesem Land nicht wundern würde), könnte der Herr Paß gerne meinen Besen zum Frühstück verspeisen....
In diesem Fall hat Solidarität leider doch etwas mit Geld zu tun.
Vieleicht anders ausgerückt: Solidarität endet dort, wo das ausnutzen anfängt.
@An77
Wenn ich für nicht erbrachte oder reduzierte Dienstleistungen immer höhere Gebühren zahlen soll, hört bei mir auch die Solidarität mit der sich selbst bereichernden Stadtmafia auf.
Was mich an GrafVonDingelstein störte war seine merkwürdige Einteilung der Menschen in zwei Klassen, nämlich ALG-II-Empfänger einerseits und die "ganz normalen Menschen" andererseits, und die von ihm erwünschte "solidarische" Aufgabenteilung unter diesen zwei Klassen. Wirklich unglaublich!
09:34
"Die Maurer bessern Fassaden aus, Klempner reparieren Kanäle, Schreiner bringen die Sitzbänke im Ort in Ordnung."
Den Aufschrei des deutschen Handwerkes will ich hören
09:24
@mit_offenen_Augen | #2.....
Es ist doch völlig egal ob so eine Initiative in einem Dorf mit 20 Einwohnern oder einer Großstadt mit 500.000 Bürgern stattfindet.
Der Wille dazu zählt.
Und Arbeitslose sind nun einmal der Bevölkerungsteil mit der meisten Tagesfreizeit.
Warum sollten also diese sich nicht so einer Initiative anschließen?
Nur wenn man in "D" konkret diese Gruppe um so ein Engagement "bittet", laufen doch die Debatten darüber völlig aus dem Ruder. Zwangsarbeit und Versklavung werden da doch gerne den Befürwortern vorgeworfen.
Und bei einer Arbeitslosenzahl von über 25% in Spanien, werden auch dort sicher Arbeitslose dieses Vorhaben unterstützen.
Wie schon gesagt, Ihre Polemik ist nicht ernstzunehmen.
09:18
... und GrafVonDingelstein in Beitrag #1 die Asozialität.
Ihren Aufschrei möchte ich nicht hören, wenn Sie als "ganz normaler Mensch" darum gebeten werden, im Zuge einer solidarischen Maßnahme die Straße vor ihrem Haus zu fegen, während Sie weiterhin stetig steigende Straßenreinigungsgebühren zahlen.