Ein neues Betriebsklima

Berlin..  Nie, nie wieder will Christian Lindner „in die alten Zeiten zurück“. Er redet nicht über verlorene Wahlen, auch nicht über die glücklose Koalition mit der Union. Der FDP-Chef redet über seine Partei, über Unarten, über intern feindlich-unversöhnlich ausgetragene Konflikte. Für Lindner sind sie „der Tod“ jeder Partei. Wie er führt nahezu jeder Redner auf dem FDP-Parteitag in Berlin den „Teamgeist“ im Munde. Die 662 Delegierten sollen Lindner jene Stellvertreter zur Seite stellen, die er will und mit denen er gut kann, allen voran Katja Suding.

„Machete oder Florett“, das war für Lindner die Kernfrage jedes Wahlkampfs. Bis die Frau aus Hamburg kam und ihm zeigte, dass es „einen besseren Weg gibt, nämlich nicht gegen etwas zu stehen, sondern für etwas zu werben“. Ihr Sieg war das erste Erfolgserlebnis der FDP seit 2013. „Katja“, ruft Lindner aus, „Du bist die Eisbrecherin der Freien Demokraten, das werden wir Dir niemals vergessen.“

In der FDP herrscht ein neues Betriebsklima, das Lindner aus keiner anderen Führung kennt: „Vertrauen, Humor, Teamwork“. Suding soll mit Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann das Stellvertreter-Trio bilden. Der Thüringer Uwe Barth schied aus. Holger Zastrow aus Sachsen machte Suding keine Konkurrenz. Er begnügt sich mit einem Platz im Präsidium. Den Bayern Albert Duin, der sich gegen Suding in Stellung gebracht hatte, strafte Lindner mit Nichtachtung ab.

Wahlkämpfe vor Ortmassiv unterstützen

Noch wichtiger als die Wahl der Führung war für den FDP-Chef, dass die Delegierten eine Umlage beschließen. Die Kreisverbände sollen drei Jahre lang je 25 Euro pro Kopf zahlen. Mit dem Geld sollen sie die Bundes-FDP in die Lage versetzen, die Wahlkämpfe vor Ort massiv zu unterstützen – für den Parteichef eine „Schlüsselentscheidung“.

Die Kampagne in Hamburg wurde bereits mit den Berlinern konzipiert. Schon an der Elbe verfuhr die FDP nach dem Motto „nicht kleckern, klotzen“. In dem Stil will man weitermachen. Deswegen das finanzielle Doping.

Die Idee der Umlage geht auf Hermann-Otto Solms zurück, dem Lindner nach Amtsantritt den Job des Schatzmeisters antrug. „Er ist mir unersetzbar“, gestand Lindner. 2013 machte die FDP ein Defizit von 4,5 Millionen Euro, ein Jahr später schon eine Million Euro Gewinn. „Wir zeigen im eigenen Haus, was wir dem Staat empfehlen“, kalauerte Lindner.

Der FDP-Chef glaubt, dass seine Partei sich gesammelt und an Stabilität gewonnen hat, „nicht mehr, nicht weniger“. Er ist stolz darauf, dass sie in der außerparlamentarischen Opposition weder schrill geworden noch nach rechts abgedriftet ist. Organisatorisch hat sie eine neue Mitte gefunden, irgendwo zwischen dem Chaos der Piratenpartei und der AfD, die sich nach dem „Führerprinzip organisieren will“.

Es ist der einzige Seitenhieb auf eine Konkurrenz, die er sonst partout negiert. Dass auch die FDP Griechenland den Austritt aus dem Euro-Raum nahelegt, versteht Lindner mitnichten als Neuerung, sondern vielmehr als Fortsetzung der früheren Linie. Wenn sich die Regierung in Athen aus der Verantwortung stehle und Reformauflagen nicht erfülle, „dann verabschiedet sie sich selbst aus dem Euro“. Viel gefährlicher als ein Austritt wäre ein Verbleiben „unter falschen Bedingungen.“

Veränderung derMachtarithmetik

Es gefällt ihm und dem ganzen Parteitag, wieder im Fokus zu stehen; und sei es nur für einen Brückentag zwischen Christi Himmelfahrt und Wochenende. Aber Lindner warnt, „geben wir uns keiner Illusion hin.“ Ein Comeback der FDP würde wieder die Machtarithmetik in Deutschland verändern. „Die, die uns über einige Monate ignoriert haben“, sagt er, „werden uns dann wieder ins Visier nehmen.“