Ein Nelson-Mandela-Moment

Von positiven Geschichten ist Afrika nicht gesegnet. Doch wenn sie sich ereignen, dann gleich mit Wucht. Nigeria erlebt in diesen Tagen seinen Nelson-Mandela-Moment: Die Geburtsstunde wirklicher Demokratie, die in dem 55 Jahre alten Riesenstaat bislang unbekannt war. Nigeria erfuhr Diktaturen, sechs Militärcoups und schließlich die 16-jährige Hegemonie einer Partei, die sich wie Pilzbefall über die Gesellschaft legte. Dermaßen bequem hatte sich die Volksdemokratische Partei (PDP) in der Macht eingenistet (und dermaßen rigoros sämtliche Wahlen gezinkt), dass ihre Strategen bereits von 60 Jahren PDP-Herrschaft träumten – und nun das!

Dem überraschenden Wahlsieg des Oppositionsbündnisses „All Progressive Congress“ (APC) kommt in doppelter Hinsicht eine kaum zu überschätzende Bedeutung bei. Erstmals haben die Nigerianer erlebt, dass sie eine Regierung entfernen können, die ihren Vorstellungen nicht entspricht. Und erstmals haben die Repräsentanten dieser Regierung begriffen, dass sie sich dem Mehrheitsvotum der Bevölkerung beugen sollten. Was die Überraschung über den klaren Sieg der Opposition noch überbot, war die Verblüffung darüber, dass die PDP ihre Wahlniederlage ohne großes Gedöns einräumte – und dass sie zuvor einen beispiellos transparenten Wahlprozess zugelassen hatten. Viva Goodluck Jonathan!

Zumindest bei seinem Abgang erwies der 57-jährige Präsident seinem Land einen historischen Dienst: Sogar die Opposition pries ihn als „Helden“ und schlug ihn für den renommierten Mo-Ibrahim-Preis vor. Ob es tatsächlich soweit kommt, muss allerdings bezweifelt werden: Denn die Auszeichnung verlangt nicht nur, dass der Preisträger sein Amt friedlich geräumt hat, sondern dass er auch zuvor für sein Volk etwas Gutes getan hat.

Doch unter Jonathans Ägide hatte sich die Korruption noch verschlimmert, die die ölreiche Wirtschaftsmacht bereits seit ihrer Unabhängigkeit plagt, während die wildgewordene Boko-Haram-Sekte fast ungehindert 13 000 Menschen ermorden konnte und 1,5 Millionen aus ihrer Heimat vertrieb. Jonathan hatte den afrikanischen Riesen zum Gespött der Welt verkommen lassen.

Eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Ex-Diktator die Wende zu wirklicher Demokratie kommandierte. APC-Chef Muhammadu Buhari versichert, er habe seine totalitäre Haut abgestreift und sei zum „wiedergeborenen Demokraten“ geworden. Ebenfalls ironischerweise wurde der 72-Jährige jedoch ausgerechnet wegen seiner Härte und Kompromisslosigkeit gewählt: Denn nur dem asketischen Disziplinär wird das Ausmisten des nigerianischen Augias-Stalls zugetraut. Ob dem schonungslosen Saubermann dies gelingen wird, ohne dass er wie vor 30 Jahren wieder zu menschenrechtswidrigen Mitteln greift, bleibt abzuwarten. Leicht wird die Säuberung des Ölsektors, ja des gesamten Staatswesens von den seit Urzeiten schmarotzenden Saugegeln nicht fallen. Immerhin müssen die Schmarotzer jetzt zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht unbezwingbar sind. Außerdem können die Kämpfer der Boko-Haram-Sekte von nun an ihre unbestraften Tage zählen: Wenn es jemandem gelingt, den Wahnsinn der fanatischen Killer zu beenden, dann dem Ex-General.

Schließlich wird Buhari auch den eigentlichen Gründen des Aufstiegs der Extremisten besser begegnen können: Die Marginalisierung der muslimischen Bevölkerung im Norden des Landes. Den Südländer Jonathan scherte sie nicht, dem Muslimen Buhari liegt sie am Herzen. Soll der über 170 Millionen Einwohner zählende Staat nicht wieder (wie bereits während des Biafra-Kriegs) ausein-ander brechen, muss eine neue Balance zwischen dem erdölreichen Süden und dem kargen Norden gefunden werden: Erschwert von den Drohungen militanter Christen aus dem Süden, die angesichts der Niederlage Jonathans bereits zum „Krieg“ aufriefen.

Und dann ist da noch die Economy, stupid: Sie bereitet einer Mehrheit der Nigerianer die größten Sorgen. Der Verfall des Ölpreises riss ein riesiges Loch in die Kasse des größten afrikanischen Erdölproduzenten, die Währung sackt in den Keller, und die Preise schießen in die Höhe. Schon droht dem aufgeblähten Staat das Geld für die Gehälter seiner Bediensteten auszugehen.

Buharis Lager versichert, dass die vom Kampf gegen die Korruption zu erwartenden Einsparungen die Löcher stopfen werden – doch das muss sich erst noch herausstellen.