Ein Mann mit Herkunft - Martin Schulz erhält den Karlspreis

Vom Buchhändler zum Karlspreisträger. Aufsteiger und EU-Parlamentspräsident ist trotzdem nicht unumstritten.
Vom Buchhändler zum Karlspreisträger. Aufsteiger und EU-Parlamentspräsident ist trotzdem nicht unumstritten.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
Unter dem Beisein vieler Polit-Stars wurde EU-Parlamentspräsident Schulz mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Die Entscheidung war nicht unumstritten.

Aachen. Drei Staatsoberhäupter, darunter ein König aus dem Morgenland, haben ihn gelobt. Ein Dutzend Staatsoberhäupter und Regierungschefs haben ihm im Krönungssaal des Aachener Rathauses die Ehre erwiesen, dazu die Präsidenten der wichtigsten EU-Institutionen sowie Arno Nelles, der Bürgermeister der Stadt Würselen.

Das Sinfonieorchester der Stadt Aachen hat die Europa-Hymne intoniert, Peter Maffay „Über sieben Brücken musst du geh’n“ gesungen, und draußen vor dem Rathaus haben die Leute gejubelt über einen der Ihren, der es geschafft hat. Martin Schulz, Träger des Karlspreises 2015 - der protokollarische Höhepunkt einer bemerkenswerten Karriere.

Vom Buchhändler zum Karlspreisträger

Martin Schulz, einst im Heimatort Würselen Buchhändler und seinerseits Bürgermeister, heute Präsident des Europa-Parlaments, ist der Sohn eines Polizisten. Der musste jedes Jahr am Himmelsfahrtstag im benachbarten Aachen beim Großereignis Karlspreis-Verleihung Dienst tun.

Flüchtlinge Die Mama nahm den kleinen Martin mit auf den Rathausplatz, um die politischen Berühmtheiten zu bestaunen. Nie hätte er sich träumen lassen, selbst einmal Träger des renommierten Preises zu sein, sagt Schulz in seiner Dankesrede. „Als Kind der Region bin ich tief berührt, demütig und auch ein wenig stolz.“

Martin Schulz hat einige Kritiker

Im Direktorium der Karlspreisstiftung war es keine unumstrittene Entscheidung. Es ist das ein eher konservativer Zirkel, mit Sozialdemokraten tut man sich schwer. Dass der Kandidat Schulz kein Abitur hat und früher ein – längst überwundenes - Alkoholproblem hatte, wurde erwähnt. Und – kann man eine Auszeichnung, zu deren Trägern Bill Clinton und Johannes Paul II. gehören, an einen vergeben, der unüberhörbar aus dem rheinischen Sprengel stammt? Ist das nicht provinziell?

Ganz im Gegenteil, es ist folgerichtig. Frankreichs Präsident Francois Hollande, neben Bundespräsident Joachim Gauck und König Abdullah II. von Jordanien einer von drei Laudatoren, erklärt, warum. „Um ein wahrer Europäer zu sein, muss man eine Herkunft haben“, und im Falle des Preisträgers komme die Herkunft einer Bestimmung gleich. Stimmt, sagt Schulz: Im Dreiländereck Deutschland, Holland, Belgien halte man wenig von Grenzen und viel von der Idee, sie zu überwinden. „Als Bürger einer Grenzregion ist man so was wie ein Instinkt-Europäer!“

Schulz schießt gegen EU-Kritiker

Als solcher hat er an diesem, seinem großen Ehrentag den Politikern die Leviten gelesen, die alle ungelösten Probleme der EU in die Schuhe schieben und das Heil in einem neuem Nationalismus suchen. „Wer Grenzen wieder einführen will, der will uns erneut trennen! Dem stelle ich mich energisch in den Weg.“ Dafür gibt es Beifall auch in der Menge auf dem Rathausplatz, wohin der Festakt aus der Königshalle Karls des Großen übertragen wird.

Griechenland Gauck zitiert die düstere Warnung des neuen Preisträgers vor dem Scheitern der Europäischen Union. Schulz antwortet mit einer Mutrede: Europa sei heute eine Frage der Courage: Das Einigungswerk stehe auf der Kippe, die große Idee sei von Populisten im Inneren und im Äußeren von Demokratiefeinden bedroht, die auf Kinderarbeit, Folter, Todesstrafe, Staatsgewalt gegen Streikende und Andersdenkende setzen. „Europa braucht endlich wieder Mut und Weitsicht. Denn wenn jeder nur für sich spielt, sind wir schwach. Nur vereint sind wir stark.“

Martin Schulz gilt als möglicher Kanzlerkandidat

Schulz wird dies Jahr 60, Anfang 2017 wird er vermutlich die Leitung des EU-Parlaments an einen Christdemokraten abgeben müssen. Und dann? Von einem Wechsel in die Innenpolitik ist gerüchteweise die Rede, sogar von einer möglichen Kanzler-Kandidatur.

Schon bekennt Präsident Gauck, er gehöre dank Schulz nun zu jenen, „denen der Name Würselen etwas sagt“. Man wird sehen. An diesem Himmelsfahrtstag gilt jedenfalls das Wort des Bürgermeisters Nelles: „Ganz Würselen ist stolz!“