Ein fürcherliches Dilemma

Die Terrormiliz Islamischer Staat ermordet, foltert, vergewaltigt und vertreibt Tag für Tag Menschen im Irak und in Syrien. Die Welt hat sich daran gewöhnt. Empörung bricht sich vor allem dann Bahn, wenn der IS wie jetzt in Palmyra historische Stätten bedroht. Kulturelle Barbarei, keine Frage. Aber sind alte Steine mehr wert als Menschenleben?

Die US-geführte Koalition schien die Fanatiker im Griff zu haben, es hat den Eindruck, als könne sie den IS gemeinsam mit kurdischen und schiitischen Milizen und der irakischen Armee im Zweistromland zurückdrängen. Aber die Erfolgsmeldungen – auch aus dem Norden Syriens – haben nur die wahren Probleme kaschiert. Die Marginalisierung der sunnitischen Minderheit im Irak geht weiter, der Einfluss des schiitischen Iran und seiner Vasallen in Bagdad wächst. Die Gräben zwischen den Konfessionen klaffen immer weiter auf. So kann sich der IS trotz aller Grausamkeiten noch immer als Verteidiger der sunnitischen Araber präsentieren und das Kalifat als Alternative zu einem schiitischen Unterdrückerstaat.

Für die USA ist die Situation ein fürchterliches Dilemma. Bombenangriffe allein werden den IS nicht stoppen. Bodentruppen will Washington – noch nicht – einsetzen. Wenn jetzt aber die von Teheran gesteuerten schiitischen Milizen in die Kämpfe um die Provinzhauptstadt Ramadi eingreifen, wird das den Bürgerkrieg noch weiter anheizen. George W. Bush hat seinerzeit ein Feuer entfacht, das nicht mehr zu löschen ist.