„Eigentlich ist er immer Präsident geblieben“

Berlin..  Ein freier Geist, ein kluger Zuhörer – und ein Präsident, an dem sich alle Nachfolger messen lassen müssen: In einer berührenden Trauerfeier im Berliner Dom haben Politiker, Freunde und Wegbegleiter gestern zusammen mit der Familie Abschied von Richard von Weizsäcker genommen. In seiner Trauerrede würdigte Bundespräsident Joachim Gauck die historische Wirkung seines Vorgängers: „Indem sie ihn mochten, lernten die Deutschen, sich selber zu mögen.“

Kurze Atempause

Für die Bundeskanzlerin und den Außenminister kam der zweistündige Staatsakt wie eine kurze Atempause – wenige Stunden vor dem Ukraine-Gipfel. „Der Freund des Gesprächs ist der Freund des Friedens“, zitierte Frank-Walter Steinmeier (SPD) den Verstorbenen. Es seien nicht immer Zwang, Armeen oder Krieg, die den Lauf der Geschichte bestimmten – „manchmal ist es das Wort“. Kurz vor dem Abflug nach Minsk klang es wie eine Beschwörung: „Was wäre Außenpolitik ohne diese Hoffnung?“

Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer erinnerte daran, wie Weizsäcker vor seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes Vertreter aus allen politischen Lagern zum Gespräch eingeladen hatte. Weizsäcker, der Zuhörer und Fragensteller: „Er war nicht allzeit auf Sendung, er war auf Empfang.“

Auch Bundespräsident Gauck würdigte die Rede ausdrücklich: Mit dem klaren Bekenntnis zum Tag des Kriegsendes als Tag der Befreiung habe Weizsäcker das Richtige gesagt und das Richtige getan. Knapp 30 Jahre nach Weizsäckers Rede wird Gauck an diesem Freitag in der Dresdner Frauenkirche an den 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt erinnern – wo Zerstörung und Befreiung 1945 unmittelbar zusammentrafen. Gauck hat Weizsäckers wichtigste Botschaft im Gepäck: „Dass die schlimmen Leiden, die die Deutschen selbst erlebten, nicht als unverschuldetes Schicksal über uns gekommen waren“.

Dank an die Ehefrau

Ausdrücklich bedankte sich Gauck bei Marianne von Weizsäcker – für ihre Unterstützung bei dieser Präsidentschaft: „Wir alle konnten sehen, was Sie beide einander bedeuteten.“ Auch andere langjährige Weggefährten und Zeitgenossen saßen in den Reihen, darunter der frühere polnische Präsident Lech Walesa, die ehemalige niederländische Königin Be-atrix und der 92-jährige Egon Bahr.

Als die Nachricht von Weizsäckers Tod gekommen sei, so Antje Vollmer, „blieb die Welt eine Sekunde lang stehen“. Viele müssen das so empfunden haben. „Eigentlich“, sagte Weizsäckers Parteifreund Wolfgang Schäuble als letzter Redner an diesem Morgen, „ist er immer unser Präsident geblieben.“

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE