Das aktuelle Wetter NRW 19°C
Todesurteile

Dutzende Tote bei Ausschreitungen in Ägypten

26.01.2013 | 17:04 Uhr
Die Todesurteile nach Fußballkrawallen haben die Lage in Ägypten eskalieren lassen.Foto: rtr

Istanbul/Kairo.  Harte Strafen ein Jahr nach der schlimmsten Fußballtragödie in Ägypten: 21 Fans des Vereins Al-Masri wurden zum Tode verurteilt. In ihrer Heimatstadt Port Said brach daraufhin Gewalt aus - die Zahl der Toten steigt rasant und liegt bereits bei mehreren Dutzend.

Todesurteile gegen 21 Fußballfans haben die Gewalt in Ägypten erneut eskalieren lassen. Wegen der Beteiligung an den schlimmsten Fußballkrawallen in der Geschichte des Landes verhängte ein Kairoer Gericht am Samstag die Höchststrafe. In der Stadt Port Said versuchte eine wütende Menschenmenge daraufhin, ein Gefängnis zu stürmen und die Verurteilten zu befreien.

Bis zum Samstag Nachmittag gab es mindestens 25 Tote. Schon am Vortag hatte es in Ägypten tödliche Krawalle gegeben. Anlass war der zweite Jahrestag der Revolution.

 61 Al-Masri-Fans wurden wegen Mordes angeklagt

Vor einem Jahr, am 1. Februar 2012, waren im Fußballstadion in Port Said 74 Menschen ums Leben gekommen. Unmittelbar nach Abpfiff hatten Fans des Gastgebervereins Al-Masri damals das Spielfeld gestürmt und waren mit Brechstangen, Messern und Schusswaffen auf die Fans des Kairoer Vereins Al-Ahli losgegangen. Von den Al-Masri-Fans wurden später 61 wegen Mordes angeklagt.

Neun Polizisten wurden wegen Nachlässigkeit im Dienst vor Gericht gestellt, weil sie die Fans vor dem Spiel nicht gründlich nach Waffen durchsucht hätten. Sie waren nicht unter den ersten Verurteilten.

Für die weiteren Angeklagten fällt der Richterspruch am 9. März

Auch drei Mitarbeiter des Vereins Al-Masri müssen sich verantworten. Aus Sicherheitsgründen wurde das Verfahren von Port Said nach Kairo verlegt. Die angeklagten Al-Masri-Fans wurden aus Angst vor Übergriffen nicht zum Gericht gebracht. Für die noch nicht verurteilten Angeklagten fällt der Richterspruch am 9. März.

Das Urteil wurde von den anwesenden Angehörigen der Opfer mit "Allahu Akbar, Gott ist groß" begrüßt. Es kann aber noch angefochten werden. Als als Ultras bekannten Fußballfans hatten in den vergangenen Wochen unter dem Motto "Gerechtigkeit oder Chaos" mehrfach gewaltsam für eine harte Bestrafung der Täter demonstriert. Anhänger des Vereins Al-Ahli feierten die Entscheidung der Richter.

In Port Said dagegen eskalierte die Gewalt. Es kam zu heftigen Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften, Tränengas wurde eingesetzt. Unter den Toten waren auch zwei Polizisten, wie staatliche Medien unter Berufung auf das Innenministerium berichteten. Die Streitkräfte schickten Verstärkung in die Stadt, die Zugverbindungen wurden eingestellt.

Westerwelle besorgt über Welle der Gewalt

Die Fans in Port Said werfen den Richtern ein politisches Urteil vor. Jüngst hatte die Staatsanwaltschaft neue Beweise eingebracht, die in diesen Richterspruch nicht eingeflossen sind. Der schwarze Tag des ägyptischen Fußballs gilt längst als Symbol für die desolate Lage Ägyptens. Präsident Mohammed Mursi jedenfalls zählte die 74 Toten vor wenigen Tagen zu den offiziellen "Märtyrern der Revolution".

Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte sich besorgt über die Welle der Gewalt. "Ich sehe mit Sorge, dass es immer noch nicht gelingt, die Auseinandersetzungen um den richtigen Weg in eine gute Zukunft des Landes friedlich zu führen", sagte er bei einem Besuch in der Schweiz. An Mursi appellierte er, die friedliche Ausübung des Demonstrationsrechts keinesfalls einzuschränken.

Opposition fordert Aussetzung der ägyptischen Verfassung

Das islamistische Staatsoberhaupt sagte wegen der aktuellen Krise in seinem Land die Teilnahme am Afrika-Gipfel in Äthiopien ab und beriet sich mit seinen Ministern für Verteidigung, Justiz und Information über das weitere Vorgehen. Dabei sei es auch um den Umgang mit den Verantwortlichen für die Gewalt gegangen, erklärte Mursis Sprecher Jasser Ali.

Ägyptens wichtigster Oppositionsblock machte den Präsidenten allein verantwortlich für das brutale Vorgehen von Sicherheitskräften gegen Demonstranten. Ein unabhängiges Gremium solle ermitteln und die Täter zur Rechenschaft ziehen, verlangte die Nationale Rettungsfront.

Proteste gegen Präsident Mursi

Ferner müsse die umstrittene, von Islamisten durchgeboxte neue Verfassung ausgesetzt und eine neutrale Regierung gebildet werden, erklärte das Bündnis weiter. Falls die Forderungen nicht erfüllt werden, drohen die Aktivisten mit einem Boykott der im Frühjahr geplanten Parlamentswahlen - und mit weiteren Massenprotesten.


Kommentare
Aus dem Ressort
Kriegsleid statt Freude - Bitteres Zuckerfest in Gaza
Nahost-Konflikt
Eid al-Fitr, das dreitägige Fest des Fastenbrechens, gehört zu den wichtigsten Feierlichkeiten im Islam. Doch mitten im Krieg können die Muslime in Gaza das Ende des Fastenmonats Ramadan nicht so feiern, wie sie es sonst tun. Trauer liegt wie ein bleierner Mantel über dem Gaza-Streifen.
Kleine Parteien in NRW legen zu - nur die Piraten schrumpfen
Parteien
Seit der Bundestagswahl geht es bei den beiden Volksparteien in Nordrhein-Westfalen wieder abwärts mit den Mitgliederzahlen. Dafür verbuchen viele "kleine" Parteien seit einem Jahr Zuwachs. Nur eine von ihnen bricht zwei Jahre nach ihrem Boom regelrecht ein: die Piraten.
Tote bei Explosionen in Gaza - Israel bestreitet Beteiligung
Gaza-Konflikt
Nachdem eine zwischenzeitliche Waffenruhe für leichte Entspannung im Gaza-Konflikt gesorgt hat, kamen am Montag im Gaza-Streifen zehn Menschen bei Explosionen ums Leben. Das israelische Militär wies jede Verantwortung für die Zwischenfälle zurück. Es macht militante Palästinenser verantwortlich.
"Den Krieg im Osten der Ukraine gäbe es nicht ohne Russland"
Schriftstellerin
Traumatische Kriegserlebnisse von Kindern hält Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch "Die letzten Zeugen" fest. im Interview spricht die weißrussische Schriftstellerin über Krieg und Frieden - und die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt.
Libyen stürzt ins Chaos - Deutschland zieht Diplomaten ab
Lybien
Die Situation in Libyen gerät außer Kontrolle. Die Flughäfen der Hauptstadt Tripolis können nicht mehr genutzt werden. Trotzdem reisen wegen heftiger Kämpfe immer mehr Ausländer ab. Der Einschlag einer Rakete in ein Benzindepot in Tripolis löste einen Großbrand auf. Es droht eine Katastrophe.
Umfrage
Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?

Die Ebola-Seuche breitet sich in Westafrika weiter aus. Ein erster Patient könnte möglicherweise in Hamburg behandelt werden. Macht Ihnen Ebola Sorgen?