Das aktuelle Wetter NRW 20°C
Loveparade

Duisburg kannte die Gefahr

27.07.2010 | 19:20 Uhr

Essen.Bereits vier Wochen vor der Loveparade hat das Duisburger Amt für Baurecht massive Einwände gegen das vorgelegte Sicherheitskonzept erhoben. Das geht aus einem Sitzungsprotokoll hervor, das dieser Zeitung vorliegt. Da­nach mussten die Sicherheitsbedenken auch dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) im Detail bekannt gewesen sein – entgegen bisherigen Aussagen.

Dies geht aus dem Verteiler hervor, der auf dem Protokoll eines Gespräches vom 18. Juni vermerkt ist und das Kürzel OB trägt. Ein Verweis darauf, dass Sauerland das Dokument zugeleitet wurde. Der Oberbürgermeister sagte der WAZ am Abend, dass am Ende alle Sicherheitsdenken ausgeräumt gewesen seien. Es habe keine Einwände mehr gegeben, heißt es im Abschluss-Protokoll der Verwaltung.

In dem Sitzungsprotokoll, das intern an Stadtbaudezernent Jürgen Dressler gerichtet ist und eine Sitzung mit dem Loveparade-Veranstalter Lo­pavent, der Feuerwehr, dem Ordnungsamt und Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe zusammenfasst, ist der Streit um die Fluchtwege dokumentiert. Lopavent wehrte sich demnach gegen die Vorschrift, bei 220 000 Besuchern 440 Meter Fluchtwege nachweisen zu müssen. Der Veranstalter bestand auf 155 Meter Fluchtweg, da es nach seiner Erfahrung „ausreichend sei, wenn ein Drittel der Personen entflüchtet werden können.” Aus dem Schriftstück geht weiter hervor, dass Ordnungsdezernent Rabe massiven Druck ausübte. „Herr Rabe stellte ... fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und daher eine Lösung gefunden werden müsse“, so das Protokoll. Rabe forderte vom Bauordnungsamt, das Kontrollfunktion hat, „konstruktiv mitzuarbeiten“.

Auch die Rolle von Panikforscher Michael Schreckenberg kommt zur Sprache. Nach Aufforderung von Rabe sollte am 21. Juni von den Ämtern und der Feuerwehr ein Fluchtwegekonzept er­arbeitet werden. Dieses sollte Schreckenberg vorgelegt werden. Wenn er es „absegnet”, so Rabe, „soll dies für eine Genehmigung bei 62 (Bauamt, d. Red.) reichen.”

Baudezernent Dressler kommentierte das Schreiben später handschriftlich: „Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung ... ab. Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln ...“.

Tatsächlich genehmigte die Stadt Duisburg am 21. Juli, kurz vor der Loveparade, die veränderte Nutzung des Güterbahnhofgeländes mit reduzierten Fluchtwegbreiten und verzichtete auf Feuerwehrpläne. Ganz so wie Lopavent es gewünscht hatte, wie Dezernent Rabe es durchsetzte. Auch diese Genehmigung liegt dieser Zeitung vor.

Schreckenberg bestätigte gestern, dass ihm für die auf 155 Meter reduzierten Fluchtwege eine Computer-Simulation von Hubert Klüpfel der Duisburger Firma Traffgo HT vorlag. Klüpfel, der bei Schreckenberg promovierte, befand die die Fluchtwege als ausreichend. Schreckenberg: „Die Simulation er­schien mir plausibel“. Von Lopavent gab es keine Stellungnahme.

Gudrun BüscherHayke Lanwert

Facebook
 
Kommentare
28.07.2010
20:40
Duisburg kannte die Gefahr
von Kai | #5

Vorsicht lieber Adrian E.. Die Lage ist im Moment ausgesprochen unübersichtlich. Es gibt viele Fehler, die gemacht wurden. Manche Fehler waren ursächlich in der Kette, die zum Unglück führte, andere waren es nicht. Möglicherweise war die Reduktion der Fluchtwege auf 155 Meter ein Fehler, vieleicht wäre er später sogar relevant geworden. Aber bei dem Unglück, um das es geht, hätten auch 1000 Meter Fluchtwegbreite nichts geholfen. Diese Fluchtwege sind nämlich Fluchtwege vom Partygelände Richtung A59 und Bahngleise. Was man gebraucht hätte, wären Fluchtwege aus dem Tunnel hinaus gewesen. Zusätzliche Löcher in den Tunnel zu graben, war aber doch wohl nie in der Diskussion und wurde auch mit keiner Simulation geprüft, nehme ich an?

28.07.2010
00:46
Blockierter Kommentar.
von Wahrheit | #4

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

28.07.2010
00:46
Blockierter Kommentar.
von Wahrheit | #3

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

27.07.2010
23:57
Duisburg kannte die Gefahr
von Adrian E. | #2

Es sieht danach aus, dass ein Computermodell eine entscheidende Rolle dabei spielte, dass mit dem Einverständnis von Prof. Schreckenberg auf verantwortungslose Weise Fluchtwege reduziert wurden und eine Genehmigung für ein Konzept erteilt wurde, die niemals hätte genehmigt werden sollen.

Das ist an sich ähnlich wie bei Finanzkrisen in letzter Zeit, wo unrealistische Modelle auch dazu beitrugen, dass Risiken unterschätzt wurden. Doch hier geht es nicht um finanzielle Verluste, sondern um Menschenleben.

Solchen gefährlichen Scharlatanen wie Schreckenberg und seinen ehemaligen Studenten darf in Zukunft kein Glaube mehr geschenkt werden. Die Mindestbestimmungen müssen eingehalten werden, auch wenn jemand ein Computermodell vorweist, gemäß dem man angeblich auch noch knapper kalkulieren könne als es eigentlich vorgeschrieben wäre.

Die Staatsanwaltschaft wird die Rolle von Prof. Schreckenberg genau untersuchen müssen; es sieht danach aus, dass er eine Schlüsselrolle dabei spielte, dass Mindestregeln für die Sicherheit außer Kraft gesetzt wurden.

27.07.2010
20:34
Duisburg kannte die Gefahr
von nils | #1

WOLFGANG RABE IM FEBRUAR 2010

Wie sieht es mit der Sicherheit für die Besucher aus?

Ein detailliertes Sicherheitskonzept für die Loveparade kann erst erarbeitet werden, wenn der Veranstalter seine genauen Vorstellungen für die Parade und die Abschlussveranstaltung bekannt gibt. Grundsätzlich hat die Stadt Duisburg aber schon mit allen beteiligten Stellen, wie Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, THW, und der Bahn gesprochen und kommt zum Schluss, dass eine Loveparade auch mit über einer Million Besucher in Duisburg durchführbar ist. Duisburgs zuständiger Beigeordneter Wolfgang Rabe sagte im 1LIVE-Interview, dass es auf keinen Fall eine Absage wie in Bochum 2009 geben werde. Die Sicherheitsbedenken vor allem rund um den dortigen Hauptbahnhof, gibt es in Duisburg nicht, so Rabe weiter.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3294203/create

Umfrage
Bürger sollen künftig häufiger gefragt werden, ob sie zu einer Organspende bereit wären. Können Sie sich vorstellen, Organspender zu werden?
 
Aktuelle Fotos und Videos
Karikatur vom Tage
Bildgalerie
Fotostrecke
Norbert Röttgen - Aufstieg und Fall
Bildgalerie
Rücktritt
David McAllister geht "baden"
Bildgalerie
Boot kentert
Triumph der Sozialisten
Bildgalerie
Frankreich
Aus dem Ressort
Ramsauer will Punktesystem in Flensburg noch verschärfen
Verkehr
Wer sich unerlaubt vom Unfallort entfernt oder andere durch zu nahes Auffahren nötigt, soll im neuen Verkehrssünder-System mit drei Punkten in Flensburg bestraft werden. Das plant Bundesverkehrsminister Ramsauer. Er will die Reform der Verkehrssünder-Datei nach Bürgerbefragungen verschärfen.
Iran will ein zweites Atomkraftwerk bauen
Kernkraft
Der Iran will ein neues Atomkraftwerk bauen. Mit dem Bau soll nach Medienberichten möglicherweise in einem oder zwei Jahren begonnen werden. Der Westen verdächtigt den Iran, den Bau von Atomwaffen anzustreben. Das Land weist die Vorwürfe zurück.