Düsseldorfs neuer SPD-OB Geisel rechnet mit „G8“ in NRW ab

Der Streit um „G8“ oder „G9“ erhitzt weiterhin die Gemüter.
Der Streit um „G8“ oder „G9“ erhitzt weiterhin die Gemüter.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Der Streit in NRW ums achtjährige Gymnasium schien längst beendet. Nun aber mischt sich Düsseldorfs OB Thomas Geisel (SPD) ein und rechnet mit „G8“ ab.

Düsseldorf.. Der Streit um das „Turbo-Abitur“ in NRW schien bereits entschärft. Anfang November versammelte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Lehrer-, Eltern- und Schülervertretungen hinter einem Zehn-Punkte-Plan, der das achtjährige Gymnasium (G8) nur besser machen soll. Eine Rückkehr zum „G9“, das bis 2006 NRW-Schüler zur Hochschulreife führte, wurde dagegen als unzumutbare „Rolle rückwärts“ abgelehnt.

Nun aber hat sich ein prominenter Sozialdemokrat gegen das „Turbo-Abitur“ und damit die rot-grüne Mehrheitsmeinung positioniert: Düsseldorfs neuer Oberbürgermeister Thomas Geisel, fünffacher Vater und seit seinem Überraschungserfolg in der Landeshauptstadt der kommunalpolitische Star der SPD, rechnete mit der pädagogischen Glaubenslehre ab.

Geisels Brandrede kommt zur Unzeit

„Eine Schulkultur jenseits reiner Wissensvermittlung gibt es nicht mehr“, sagte Geisel. Stattdessen werde immer mehr Druck auf die Schüler ausgeübt. „Wir rauben den Kindern die Kindheit“, kritisierte er. Er sieht keine vernünftigen Argumente für die Schulzeitverkürzung. Der ehemalige Energiemanager Geisel sagte sogar: „Schon gar nicht kann der Grund sein, die Kinder so früh wie möglich ins Wirtschaftsleben zu integrieren.“

Schulstress Düsseldorfs OB unterstützt die Volksinitiative „G9 jetzt in NRW“, die bis März kommenden Jahres vor allem über das Internet 66.000 Unterstützer finden will. Dann müsste sich der Landtag erneut mit der Schulzeitverkürzung befassen. Für ein darauf folgendes Volksbegehren müssten aber rund eine Million Unterschriften gesammelt werden - was angesichts der Kosten von rund einer Million Euro für eine private Initiative ohne Unterstützung einer Volkspartei kaum zu stemmen sein dürfte.

Geisels Brandrede kommt für die Regierungsparteien zur Unzeit. Die SPD will sich an diesem Samstag bei einer Parteiratssitzung in Oberhausen hinter Löhrmanns Linie stellen. Die Grünen werden die Schulministerin bei einem kleinen Parteitag am Sonntag in Mülheim stützen. Die gemeinsame Haltung: Der Zehn-Punkte-Plan zur Verbesserung des G8 ist besser als eine neue organisatorische Großreform, wie sie Niedersachsen mit der Rückkehr zum G9 vollzieht.

Niedersachsen ist Vorbild für „G9“

In NRW soll die Balance aus Schule und Freizeit nur mit einem Bündel an kleineren Maßnahmen wieder ins Lot gebracht werden. Sparsamerer Einsatz von Ergänzungsstunden, weniger Hausaufgaben, maximal zwei Klassenarbeiten pro Woche und weniger Nachmittagsunterricht gehören dazu. Noch vor Weihnachten wird der Landtag einen Grundsatzbeschluss zur G8-Verbesserung fassen. Anschließend wird Löhrmann auf dem Erlassweg die Reförmchen in die Gymnasien tragen.

Selbst die Jugendorganisationen von SPD und Grünen bleiben skeptisch. NRW-Jusos und die Grüne Jugend NRW fordern weiterhin eine Abkehr vom „Turbo-Abitur“. Wenn in weniger Prüfungen die gleiche Menge an Stoff abgefragt werde und die Fachlehrer bei Hausaufgaben gar keinen Überblick über die Gesamtarbeitsbelastung haben könnten, sei kaum Erleichterung in Sicht. Statt an Symptomen herumzudoktern, solle Rot-Grün dem Beispiel Niedersachsens folgen.