Drogenbeauftragte: „Kein Kleinkind braucht ein Smartphone“

Experten sehen es kritisch, wenn schon Kleinkinder wie dieser vierjährige Junge mit dem Tabletcomputer spielen.
Experten sehen es kritisch, wenn schon Kleinkinder wie dieser vierjährige Junge mit dem Tabletcomputer spielen.
Foto: Corbis News/Getty Images
  • Sorgloser Spielekonsum in frühem Kindesalter
  • Drogenbeauftragte der Bundesregierung will Jugendschutz verbessern
  • Änderung der Altersbeschränkungen für Onlinespiele gefordert

Berlin..  Zweijährige, die an den Smartphones ihrer Eltern spielen, Krabbelkinder, die mit Onlinespielen ruhiggestellt werden: Viele Eltern lassen ihre Kinder schon im Kleinkindalter in digitale Spielewelten eintauchen. Auch deshalb, weil viele Spieleanbieter den Eindruck vermitteln, das schade ihnen keineswegs.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung warnt dagegen entschieden vor einem sorglosen Spielekonsum im frühen Kindesalter: „Was den Medienkonsum von Kleinkindern betrifft, kann ich nur sagen: Kein Kleinkind braucht ein Tablet, Smartphone oder einen Computer. In diesem Alter geht es darum, die reale und nicht die virtuelle Welt zu erobern“, sagt Marlene Mortler. „Ruhigstellen per Computerspiel, das geht gar nicht.“

„Es sollte keine Freigabe für unter Dreijährige geben“

Die CSU-Politikerin will deswegen jetzt die Jugendschutzregeln verbessern und die Altersbeschränkungen für Onlinespiele ändern: „Die Altersfreigabe ab null vermittelt den falschen Eindruck, die Spiele seien schon für Kleinkinder geeignet. Da müssen wir ran“, so Mortler gegenüber dieser Redaktion. Eltern brauchten eine verständliche Orientierung. Die Instrumente des Jugendschutzes müssten an das digitale Zeitalter angepasst werden.

Suchtexperten wie Hans-Jürgen Rumpf, leitender Psychologe an der Universität Lübeck, fordern das bereits: „Die Einstufung ‚ab 0‘, also ohne Altersbeschränkung, muss abgeschafft werden. Es gibt keine Onlinespiele, die für Kleinkinder unbedenklich sind“, sagt der Suchtforscher. „Bei unter Dreijährigen sollte es gar keine Freigabe geben.“

Bislang fünf offizielle Altersstufen

Auch der nationale Drogen- und Suchtrat empfiehlt der Politik Korrekturen: Die frühkindliche Computerspielnutzung sei kritisch, die Altersfreigabe „Ab 0 Jahren“ müsse überprüft werden, heißt es in einem Beschluss von Ende September.

Bislang gibt es fünf offizielle Altersstufen: Computerspiele werden danach ab 0, ab 6, ab 12, ab 16 oder ab 18 Jahren freigegeben. Zuständig für die Einstufung ist die freiwillige Selbstkon­trolle der Unterhaltungssoftware (USK). Staatliche Vertreter erteilen am Ende eines USK-Verfahrens die Alterskennzeichen.

Auch Suchtpotenzial müsse berücksichtig werden

Auch in einem zweiten Punkt will Mortler nun durchsetzen, was viele Suchtexperten anmahnen: Bei den Alterseinstufungen von Spielen dürfe es in Zukunft nicht nur um Gewalt und Sexualität gehen. „Ich setze mich dafür ein, dass auch das Thema ‚Suchtpotenzial‘ berücksichtigt wird“, sagt Mortler. Das betreffe insbesondere die Mechanismen bei Onlinespielen, die Kinder und Jugendliche dazu verleiten würden, immer weiter spielen zu wollen.

„Viele Spiele weisen sehr gut erkennbare Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen auf. Wer den Rechner abschaltet, verliert in der virtuellen Welt Punkte, Ansehen oder sogar das Leben seines Avatars, wer online bleibt, am besten rund um die Uhr, wird zum digitalen Helden“, beklagt die Drogenbeauftragte. Käme es zu einer solchen Neubewertung, würde mancher Kassenschlager anders dastehen: „Ein Spiel wie ‚World of Warcraft‘, das heute für 12-Jährige freigegeben ist, hat ein so hohes Suchtpotenzial, dass es eigentlich erst ab 18 Jahren frei sein dürfte“, sagt Suchtexperte Rumpf.

Kinder sind stärker suchtgefährdet

Was viele nicht wüssten: „Je jünger die Spieler sind, desto größer ist das Suchtrisiko.“ Die Ursache dafür liege an der Entwicklung des Gehirns: „Erst zwischen 18 und 20 Jahren ist die Fähigkeit zur verantwortlichen Selbstkontrolle überhaupt voll ausgebildet.“

Wichtig sei aber auch: „Nicht jedes Kind, das ein Spiel mit großer Suchtgefahr spielt, wird zwangsläufig krankhaft abhängig.“ Studien zeigten jedoch, dass allein durch das stundenlange Spielen die körperliche, soziale und schulische Entwicklung leiden könne.

Mortler setzt auf Selbstverpflichtung

Dass viele Kinder, Teenager und ihre Eltern die Angaben der USK schlicht ignorieren, weiß auch Rumpf: „Altersbeschränkungen für Onlinespiele sind wichtig, aber sie sind in der Praxis nicht so wirksam, wie sie sein könnten.“ Auch deshalb, weil die Hersteller nicht auf die Einhaltung achten müssen, da ihnen keine Sanktionen drohen. „Altersbeschränkungen für Onlinespiele sollten deshalb per Gesetz genauso strafbewehrt werden, wie Verkaufsverbote für Alkohol und Zigaretten“, fordert Rumpf. „Der Jugendschutz muss hier besser werden.“

Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Mortler setzt deswegen vorläufig auf die Selbstverpflichtung: „Das Mindeste, was ich erwarte, ist, dass sich die großen ausländischen Anbieter, die ihre Spiele bei uns offensiv vermarkten, den Regeln der digitalen Selbstkontrolle unterziehen.“ Langfristig müssten renommierte Anbieter den Jugendschutz in ihren Produkten gleich mitdenken: „Es muss für Eltern einfach bedienbare Schutzmechanismen für ihre Kinder in den Programmen geben, etwa Zeitbeschränkungen oder Filtermöglichkeiten.“

Halbe Million Menschen laut Schätzung internetabhängig

In Deutschland gelten nach Angaben der Bundesregierung bereits mehr als eine halbe Million Menschen als internetabhängig. In einer Studie der Krankenkasse DAK heißt es, dass mittlerweile bei jedem 20. Teenager zwischen 12 und 17 Jahren ein erhöhtes Risiko für eine Internetsucht bestehe.

„Wir müssen davon ausgehen, dass diese Zahlen zukünftig deutlich ansteigen werden“, sagt Mortler. „Internetabhängigkeit, insbesondere die Abhängigkeit von Online-Games und Social Media, ist heute keine Randerscheinung mehr, es geht um ein Massenphänomen.“

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