Dramatischer Ärztemangel trotz steigender Medizinerzahlen

Tief ein- und ausatmen: Trotz gestiegener Ärztezahlen warnen die Berufsverbände vor einem Medizinermangel.
Tief ein- und ausatmen: Trotz gestiegener Ärztezahlen warnen die Berufsverbände vor einem Medizinermangel.
Foto: Tom Thöne
In NRW arbeiten immer mehr Mediziner. Dennoch sagen die Ärztekammern einen dramatischen Mangel voraus. Das Berufsbild ändert sich fundamental.

Düsseldorf/Münster.. Noch nie hat es in Deutschland – und in NRW – so viele Ärzte gegeben wie heute. Die neuesten Zahlen der Bundesärztekammer scheinen auf den ersten Blick all jene Lügen zu strafen, die vor einem drohenden Medizinermangel warnen. Und doch sieht Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery weiter einen dramatischen Mangelzustand voraus: „Das leichte Plus reicht bei Weitem nicht, um die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen.“

Im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe stieg die Zahl der berufstätigen Ärzte zuletzt um 2,4 Prozent auf 33.573 an. Am Nordrhein fiel der Anstieg mit 1,7 Prozent (auf 44 616 Ärzte) etwas geringer aus. In Deutschland arbeiten derzeit mehr als 365.000 Mediziner (2,2 Prozent mehr als 2013).

Warum sollte man sich also Sorgen machen um die medizinische Versorgung im Land? Weil sich der Medizinerberuf in den kommenden Jahren grundlegend verändern dürfte. Montgomery hält den Arzt, der praktisch rund um die Uhr für seinen Beruf lebt und leidet, für ein Auslaufmodell. Der Weißkittel von heute wünsche sich mehr Freizeit, mehr Familie.

Das Bedürfnis nach festen Arbeitszeiten und flexiblen Arbeitszeitmodellen sei bei den jungen Medizinern gewachsen. „Immer mehr entscheiden sich für eine Anstellung und gegen die Niederlassung“, meint Montgomery.

Teilzeit ist immer beliebter

Theodor Windhorst, der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, bestätigt, dass Teilzeit-Arbeit bei den Medizinern immer beliebter werde. Im Jahr 2013 arbeitete jede vierte Krankenhaus-Ärztin in Westfalen-Lippe auf einer Teilzeitstelle. Bundesweit stieg der Frauenanteil unter den Ärzten in 20 Jahren von 20 auf 45 Prozent.

„Die Medizin wird weiblicher“, sagte Klaus Dercks, Sprecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Aber auch Männer fragten öfter nach Arbeitszeitreduzierung und Kindererziehungszeiten. Ärzte wechseln schneller als früher in alternative Berufe oder ziehen weg. Allein im vergangenen Jahr wanderten 2364 Ärzte aus Deutschland aus.

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe schlägt Alarm: Zukünftig werden etwa 1350 Ärzte nötig sein, um das zu leisten, was heute 1000 Ärzte schaffen. Dieser Trend geht einher mit der Alterung der Gesellschaft. Mehr Hochaltrige bedeuten: mehr Nachfrage nach Ärzten.

Ohne die vielen aus dem Ausland zugewanderten Mediziner wäre die Krankenversorgung in den Kliniken längst zusammengebrochen. Im Kammerbereich Nordrhein arbeiteten Ende 2014 insgesamt 3898 ausländische Ärzte – ein Plus von 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Westfalen gab es 5029 berufstätige ausländische Mediziner. Inzwischen hat jeder vierte Krankenhausarzt in NRW keinen deutschen Pass.

Kassen für Stadt-Land-Ausgleich

Der Spitzenverband der Krankenkassen stimmt nicht mit ein ins Klagelied vom allgemeinen Ärztemangel. Davon sei Deutschland „weit entfernt“. Es sei jedoch eine Gemeinschaftsaufgabe, dafür zu sorgen, dass die Ärzte dort zu finden seien, wo sie gebraucht würden, sagte ihr Sprecher Florian Lanz. „Gemeinsam müssen wir die Versorgung auf dem Land stärken und dafür den Mut haben, die Überversorgung in den Ballungsgebieten auch gegen den Widerstand der Ärzteverbände abzubauen.“

Ärztepräsident Montgomery fordert zehn Prozent mehr Medizinstudienplätze an deutschen Unis. Zurzeit bieten die Fakultäten rund 10 000 Plätze an.

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