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ThyssenKrupp und das Scheitern der harten Stahl-Männer

11.12.2012 | 18:06 Uhr
Berthold Beitz (m. ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, re., und Vorstandschef Heinrich Hiesinger, 2.v.re.), erhält den Verdienstorden des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Kai Kitschenberg / WAZ Foto Pool

Essen.  Die Verwerfungen und Milliardenverluste bei ThyssenKrupp sind nicht nur mit dem Versagen Einzelner zu erklären. Sie hängen auch mit der Mentalität einer Traditionsbranche zusammen, in der Korps-Geist, Hierarchiegläubigkeit und Machtrituale eine große Rolle spielen.

Wie konnte es passieren, dass ThyssenKrupp ein neues Stahlwerk buchstäblich in den brasilianischen Sumpf setzte? Warum unterlief dieser milliardenteure Fehler einem Unternehmen, das immerhin mehr als 200 Jahre Industrieerfahrung und deutsche Qualitätsproduktion in seinem kollektiven Gedächtnis vereinigt und darauf stolz ist?

Wieso glaubte ThyssenKrupp, in Zeiten einer genau hinsehenden Öffentlichkeit mit Methoden von gestern, nämlich der Kartellabsprache, über die Runden zu kommen? Weshalb schließlich verliert ausgerechnet jener Vorstand die Bodenhaftung und das Gespür für das richtige Maß, der für die Einhaltung redlicher Geschäftsprinzipien zuständig war?

Große Zeit der Ruhrindustrie

Fragen über Fragen, und die Antworten sind nicht so einfach, wie es die Suche nach Schuldigen und deren bundesweite mediale Verurteilung erscheinen lassen. Es liegt nahe zu vermuten, dass all die haarsträubenden Fehler und Verfehlungen nicht nur auf individuelles Versagen zurückzuführen sind, sondern mit einer speziellen Firmenkultur zusammenhängen, die ihrerseits eingebettet ist in eine spezielle regionale Kultur.

Wir heimatverbundenen Ruhrgebietler haben uns angewöhnt, die große Zeit der Ruhrindustrie zu idealisieren. Bewegt stehen wir vor den einschüchternden baulichen Relikten dieser Ära, und noch heute kann ein Blick vom Alsumer Berg in Duisburg auf die dröhnende und rauchende Hochofen-Kulisse des gewaltigen ThyssenKrupp-Hüttenwerks tief beeindrucken. Nur sehr nüchternen Naturen läuft hier kein Schauer über den Rücken.

Ausschließlich Männer

Doch die Dinge haben eine Kehr- und Schattenseite. Denn die Grandiosität der Montanindustrie hat auch die Männer geprägt – und es waren tatsächlich ausschließlich Männer -, die diese riesige Maschine befehligen. Sie prägte den Mann am Hochofen, dessen harter Arbeiter- und Männerstolz so in keiner anderen Branche zu finden ist. Sie prägte auch die Lenker des Ganzen, die Eigentümer, Vorstände, Direktoren.

Die Welt des Stahls war eine Welt der Größe und der Macht, der Härte wie der Sentimentalität, vor allem auch des Anbetens der Tradition – nicht selten gegen die ökonomische Vernunft. Das war bei Thyssen so, aber noch viel mehr bei Krupp. Krupp war zwar das deutlich kleinere der beiden fusionierten Unternehmen, hat aber die deutlich größeren Anteile in die gemeinsame Führungskultur eingebracht.

Augen zu und durch

Nun ist Tradition zunächst nichts Schlechtes. Das Gefühl, ein Werk vieler Generationen fortzusetzen, kann Identität schaffen und Kräfte freisetzen. Schwierig wird es, wenn Traditionsbewusstsein kippt zu einer Kultur der Beharrung und des Korps-Geistes, der sich selbst genug ist, wenn verknöcherte Hierarchien Offenheit verhindern und ein Denken wie auf Schienen befördern: Ein Mann, ein Wort. Augen zu und durch, bloß kein Wackeln, bloß kein Zweifeln, das als Schwäche ausgelegt werden könnte. Ein Stahlwerk sollte gebaut werden, und also wurde es gebaut, und irgendwann gerieten die Dinge außer Kontrolle.

Zugegeben, unflexibles Denken ist eine allen Großstrukturen innewohnende Gefahr, doch bei ThyssenKrupp war sie vermutlich besonders ausgeprägt. Vorstandschef Heinrich Hiesinger mag dies ähnlich sehen, wenn er beklagt, seine Manager würden zu viel Routinearbeiten erledigen und zu wenig nachdenken.

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Kommentare
12.12.2012
13:37
ThyssenKrupp und das Scheitern der harten Stahl-Männer
von skyway | #24

Ohhh Ihr ARMEN von Thyssen Krupp. Könntet Ihr uns denn mal erläutern wiviele Milliarden Ihr seit bestehen erwirtschaftet habt????
Ihr reden nur wenn...
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2012-12-11 18:06
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