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Die SPD kann in Hamburg wieder jubeln

20.02.2011 | 22:34 Uhr
Die SPD kann in Hamburg wieder jubeln
Sieger und Verlierer: SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz hat den Hochrechnungen nach die Hamburger Bürgerschaftswahl deutlich gewonnen. CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus ist der ebenso deutliche Wahl-Verlierer. (Foto: dapd)

Hamburg.   Die SPD hat in Hamburg ihre alte Hochburg zurück erkämpft. Spitzenkandidat Olaf Scholz will nun auf “Seriosität und Pragmatismus“ setzen. Und er tritt ein großes Erbe an.

Das Comeback der traditionsreichen Hamburger SPD hat ein einziges Gesicht. Rund, unter rotblondem stoppelhaarigen Schädel und über schwarzem Anzug grinst Olaf Scholz, 52, am Wahlabend in die Kameras. Er tritt das Erbe großer Bürgermeister an: der Weichmanns, Kloses, Dohnanys und Voscheraus. Scholz’ meistgenutzte Vokabel heißen: „Seriosität. Pragmatismus“. Es ist das, was die Hanseaten in den nächsten Jahren von ihm erwarten.

Neun Jahre hatte ein geachteter Christdemokrat die SPD auf die Oppositionsbänke der Bürgerschaft geschickt. 2010 warf Ole von Beust hin. Ersatzspieler Christoph Ahlhaus, ein zugereister Heidelberger, patzte. Gegen das Nordlicht Scholz, Osnabrücker von Geburt, aber aufgewachsen in Hamburgs Vorstadt Rahlstedt und also einheimisch, hatte er bei der vorgezogenen Wahl keine Chance. Um 21:30 Uhr stand es nach den Prognosen 48,4 zu 21,9 Prozent für die Sozialdemokraten. Die absolute Mehrheit in Griffweite. Der große Triumph.

Ohne viel Rücksicht auf mögliche Partner

Bis zu einer Bestätigung durch die Hochrechnungen brauchte es, wegen des komplizierten Wahlzettels mit seinen 72 Seiten und mehr als 1000 Kandidaten, zwar Geduld. Aber Olaf Scholz ist ohnehin keiner, der viel auf Partner guckt. Noch am Tag vor der Wahl hat er in einem letzten Duell mit dem Konkurrenten vermittelt, dass er von diesem Montag an sein „pragmatisches“ Programm rücksichtslos durchsetzen will: „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie“.

So soll die Elbe, wegen der bedrohlichen Konkurrenz durch Rotterdam und Antwerpen, „so schnell wie möglich“ für die immer größer werdenden Containerschiffe vertieft werden. Es wird keine Schulreformen („längeres gemeinsames Lernen“) geben , die die Hamburger am Tag des Beust-Rücktritts spektakulär verworfen hatten und keine zwei Milliarden Euro teure Stadtbahn, beides grüne Lieblingsprojekte. Die Elternbeiträge für die Kindergärten, die Schwarz-Grün ohne Rücksicht auf junge Familien angehoben hatte, werden abgesenkt. Das umstrittene Kohlekraftwerk Moorburg, die Philharmonie? Längst im Bau. Sparen will Scholz auch. Wo, bleibt unklar. Aber das Ziel ist die Neuverschuldung Null.

Ideologische Leuchttürme also: Fehlanzeige. Ist der Mann, Arbeitsrechtler von Beruf, wirklich SPD? Zumindest umgibt er sich nicht mit dogmatischen Linken, die in der Geschichte der heimischen SPD ohnehin selten waren. Frank Horch, parteilos, Chef der Industrie-und Handelskammer, könnte Wirtschaftssenator werden. Erck Rickmers, Eigentümer von Hamburgs größter Reederei, zieht auf sozialdemokratischem Ticket ins Parlament ein.

Kleine Sieger, große Verlierer

Führt ihre Partei wahrscheinlich ins Rathaus zurück: FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding. (Foto: dapd)

Die Sozialdemokraten werden in den Kurs gezwungen, den Scholz vorgibt: „Wir haben einen sehr pragmatischen Wahlkampf mit klaren wirtschaftspolitischen Ausrichtungen gemacht“. Er versteht das, ausdrücklich, auch als Signal an die Bundes-SPD, der er schon als Sozialminister diente. In Berlin werden sie Störfeuer aus Norden hinnehmen müssen.

Es gibt noch kleine Sieger in Hamburg. Die Grünen, der Ex-Partner der CDU, der das schwarz-grüne Bündnis wegen Alhaus kündigte und die im Windschatten des Bundestrends leicht zulegten. Auf die erhoffte Regierungsbeteiligung werden sie wohl verzichten müssen. Die FDP, die vielleicht dank ihrer jungen Spitzenkandidatin Katja Suding nach langer Abstinenz wieder in die Bürgerschaft kommt. Auch die Linke, die ihre Wähler gut halten konnte.

Und da sind die dramatisch Abgestürzten, die Christdemokraten, die die Hälfte ihrer Mandate verloren. Ein Debakel in der ersten der sieben Landtagswahlen 2010. Verlierer Ahlhaus hat das alles geahnt. Nur wenige Minuten nach den Prognosen steht er vor seiner Bürgerschaftsfraktion reichlich gefasst im Kongresszentrum am Dammtor-Bahnhof. Er rechnet mit der von Beust-Ära ab : Den Grünen, ruft er, hat man viel zu viele Zugeständnisse gemacht. Und er warnt: Bundesweit dürfe die Union nicht von ihren Grundpositionen abrücken.

18.34 Uhr: „Olaf“ jubeln sie auf der SPD-Wahlparty in der „Fabrik“, wo sich tausend Hamburger Sozialdemokraten versammelt haben. Die fordert er auf: „An die Arbeit“. Die Älteren erinnern sich an 1973. Damals gab es ähnliche Ergebnisse. Damals regierte Willy noch.

Dietmar Seher

Kommentare
22.02.2011
17:44
Die SPD kann in Hamburg wieder jubeln
von Schloesser-Wengern | #4

Und wie immer werden Analysten in die ehrwürdige Hansestadt geschickt, um für teuer Geld zu eruieren, warum die CDU derartig in der Gunst der...
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2011-02-20 22:34
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