Die Polizei kam im Morgengrauen

Washington/Zürich..  Die juristische Blutgrätsche, die gestern die Fußball-Welt erschütterte, ereignet sich im Morgengrauen in einem der teuersten 5-Sterne-Hotels am Zürich-See. Polizisten in Zivil rissen im „Baur au Lac“ sieben hohe Funktionäre aus dem engsten Machtzirkel von Fifa-Chef Joseph Blatter aus dem Schlaf und steckten sie nach Anklageverlesung in Abschiebehaft Richtung Washington DC/Amerika.

Dort hatte Justizministerin Loretta Lynch zeitgleich die Vorwürfe konkretisiert, die die für Freitag geplante fünfte Wahl Blatters zum Präsidenten des Welt-Fußballverbandes überschatten: „zügellose, systemische und tief verwurzelte Korruption“, der sich „mindestens zwei Generationen von Funktionären schuldig gemacht haben“.

Laut Lynch haben die insgesamt 14 Beschuldigten, darunter mit Jeffrey Webb (Cayman-Inseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay) zwei amtierende Blatter-Vize, im Verbund mit Sportrechte-Vermarktern seit mindestens 1991 ihre „Vertrauensstellungen fortgesetzt missbraucht“, um „Bestechungsgelder und Provisionen“ in Höhe von insgesamt rund 150 Millionen Dollar einzustreichen. In einem Fall seien zehn Millionen Dollar an ein Fifa-Mitglied geflossen.

„Wir haben die Absicht, solchen korrupten Praktiken ein Ende zu setzen“, sagte Amerikas erste schwarze Justizministerin in New York, bedankte sich für die Unterstützung der eidgenössischen Justiz und deutete an, dass der Zugriff in der Schweiz erst der Auftakt einer umfangreicheren Aktion gewesen sein könnte. Wie lange das Auslieferungsverfahren für die Betroffenen dauern wird, ließ sie bislang offen.

Weil die mutmaßlichen verbrecherischen Machenschaften auf amerikanischem Boden, unter anderem in der in Miami beheimaten Zentrale des Fußball-Verbandes für Nord- und Mittelamerika (Concacaf), und mit Hilfe amerikanischer Banken abgewickelt worden seien, hat Lynch den Finger am Abzug. Die 55-Jährige ist bestens im Stoff, war sie doch als Staatsanwältin in Brooklyn seit drei Jahren mit dem Thema Fifa im Detail befasst. Korruptionsbekämpfung, ob an der Wall Street oder in der Politik, ist ihr Markenzeichen.

Daneben hat die Schweizer Staatsanwaltschaft ein gesondertes Strafverfahren aufgelegt, das die Bestechungsgerüchte rund um die Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar durchleuchten soll. Der inzwischen zurückgetretene Fifa-Sonder-Ermittler Michael Garcia, ein früherer Staatsanwalt aus New York, der mit einer FBI-Agentin verheiratet ist, hatte Ende 2014 massive Unregelmäßigkeiten ausgemacht. Seine Recherchen, so Garcia, seien aber von dem deutschen Fifa-Ethik-Richter Hans Joachim Eckert verdunkelt worden.

Zehn Mitglieder des Fifa-Exekutiv-Komitees stehen jetzt offiziell unter dem Verdacht der „Veruntreuung“ und der „Geldwäsche“. Die beiden Handlungsstränge in Washington und in Zürich sind offiziell säuberlich getrennt, in der Sache laut Insidern im Justizministerium aber „eng verwoben“.

Bereits 2011 hatten die US-Behörden mit Jack Warner und Chuck Blazer zwei frühere Blatter-Spezis im Visier. Beide sicherten dem Fifa-Chef, der gestern über seinen Pressesprecher demonstrativ Gelassenheit verbreiten ließ, bei Wahlen mit Regelmäßigkeit das 40 Stimmen umfassende Paket der Concacaf. Als Belohnung sollen Warner (Trinidad/Tobago) laut Ermittlern von Blatter zu günstigen Konditionen die WM-Fernsehrechte für die Karibik zugeschanzt worden sein. Blazer, einst Schatzmeister der Concacaf, durfte über fingierte Marketingverträge Millionen auf Offshore-Konten lotsen.

Die ersten Geständnisse liegen vor

Blazer wie Warner sind längst aus ihren Fifa-Ämtern entfernt worden. Was sie für die Ermittler umso wertvoller machte. Nach Angaben aus US-Justizkreisen versah Blazer mittels eines geheimen Mikrofons bei Gesprächen mit Fifa-Funktionären Spitzeldienste. Blazer selbst bekannte sich bereits 2013 der organisierten Kriminalität schuldig und bezahlte eine erste Strafgeld-Rate von 1,9 Millionen Dollar. Zwei Söhne Warners, die bei dem „Riesenbetrug“ (Lynch) mitmachten, taten es ihm gleich. Alle sind geständig, sagen Ermittler.