Die neue Harmonie des alten Freundespaars

Sie ist schon fast zu schön um wahr zu sein, die neue Harmonie dieses alten Freundschaftspaars. Zumal man vor Kurzem nach dessen Gemeinsamkeiten noch mit der Lupe suchen musste. Heute schwärmt ein französischer Staatspräsident von „deutsch-französischer Brüderlichkeit“ und von Momenten, in denen „unsere beiden Länder nur noch ein Land sind“. Nicht weniger lyrische Töne schlägt die Kanzlerin an, um das „große und weite Herz“ der Menschen zu rühmen, die sich nach dem Absturz des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen in rührender Weise den Angehörigen der Opfer annehmen.

François Hollande wie Angela Merkel sind begnadete Polit-Schauspieler. Die deutsch-französische Freundschaft haben sie zweieinhalb Jahre lang bei jeder Gelegenheit tapfer zu feiern gewusst, obwohl so ziemlich gar nichts lief zwischen Paris und Berlin. Inzwischen aber ist die von dem Franzosen und der Deutschen demonstrierte Nähe echt. Das ist umso bemerkenswerter, als jene Differenzen, die nach Hollandes Einzug in den Elysée-Palast zu einer regelrechten Eiszeit in den bilateralen Beziehungen führten, keineswegs ausgeräumt sind.

Gründlich entzweit hat Paris und Berlin die Wirtschaftspolitik. Den Stabilitätspakt hat Hollande zwar zähneknirschend ratifiziert, doch einhalten tut und will er ihn nicht. Stattdessen pocht er in Brüssel auf europäische Wachstumsimpulse und in Berlin auf massive nationale Investitionen. „Wir sparen 50 Milliarden Euro im Staatshaushalt ein, wenn ihr 50 Milliarden Euro in eure Wirtschaft investiert“, lautet der Deal, den der Franzose den Deutschen abringen möchte.

Bei Merkel beißt er damit auf Granit. Einmal, weil Regierungsexperten bezweifeln, dass Investitionen in Deutschland die französische Wirtschaft aus ihrer Sackgasse befreien. Zum anderen, weil Wolfgang Schäuble dann seine Schwarze Null begraben müsste.

Die Hoffnung der Franzosen auf diese indirekte Hilfe durch den Partner am Rhein dürfte sich nicht erfüllen. Ebenso wenig wie die deutsche Erwartung, dass Hollande endlich Strukturreformen einleitet, die die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas aus der Dauerkrise führen. Das ohnehin verhaltene Reformtempo des Präsidenten wird sich jetzt, wo seine Gestaltungsmacht nach drei Wahlniederlagen in Folge bedenklich abnimmt, kaum erhöhen.

Angesicht des bedrohlichen Triptychons jedoch, das die islamistische Terrorgefahr, der Ukraine-Konflikt und die griechische Schuldenkrise bilden, ist der wirtschaftspolitische Streit zweitrangig geworden.

Wahre Freunde erkennt man erst in schweren Zeiten, heißt es. In den Stunden des gemeinsamen Krisenmanagements haben Merkel und Hollande entdeckt, was sie aneinander haben. Und dass ihre Gemeinsamkeiten doch größer sind als ihre Differenzen, wenn es wirklich hart auf hart geht.

Dafür jedoch, dass jenseits des politisch gebotenen Schulterschlusses inzwischen auch ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen den beiden 60-jährigen Politikern entstanden ist, sorgten erst zwei Tragödien. Die Solidarität, die die Kanzlerin und so viele Deutsche den Franzosen nach der traumatisierenden Attentatserie in Paris bezeugten, haben Hollande nachhaltig berührt. Ebenso wie Merkel die beeindruckende Unterstützung der französischen Regierung und die spontane Hilfsbereitschaft der Anwohner nach dem Airbus-Absturz.

Merkel hat diese Tragödien als Bewährungsproben bezeichnet, die Frankreich und Deutschland näher zusammenrückten. Aber in Wirklichkeit unterstreichen die dramatischen Ereignisse eine Nähe zwischen den Nachbarn am Rhein, die unabhängig von der Gemengelage in den Chefetagen schon lange vorhanden ist.