"Die meisten Schulen reagieren mit Abwehrhaltung"
18.02.2009 | 08:00 Uhr 2009-02-18T08:00:00+0100
Essen. Geralf Gemser ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Der Historiker sorgte mit einer Untersuchung von Schulnamen in Sachsen für Aufsehen, bei der sich herausstellte, dass acht Schulen ´Namen von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern tragen.
Sie gehen davon aus, dass mehr als 100 deutsche Schulen Namen von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern tragen. Was sind die Motive für diese Benennungen?
Gemser: Das ist ganz unterschiedlich. Viele der Schulen werden es gar nicht wissen, andere wieder haben sich in Abwägung der Lebensleistungen im Wissen um die Parteimitgliedschaft für die Person entschieden.
Wie reagieren die Schulträger, wenn sie mit Kritik an der Namensgebung konfrontiert werden?
Gemser: Ich weiß es nur von den Schulen selbst: Die meisten Schulen reagieren mit einer Abwehrhaltung. Es gibt aber auch Beispiele, dass Schulen ganz sachlich und souverän an mich herantreten, nähere Informationen wünschen oder mich auch in geplante innerschulische Gesprächsrunden einladen.
Die Wiesbadener Rudolf-Dietz-Schule rechtfertigt die Beibehaltung des Namens damit, dass auf diese Weise eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus angeregt würde. Was ist von dieser Ambition zu halten?
Gemser: Das Argument wurde mir zunächst auch bei der Erich-Hoepner-Schule in Berlin entgegengebracht, die inzwischen umbenannt ist. Ich denke, dass ist nur eine Ausrede, um einem aufwendigen und öffentlichkeitswirksamen Umbenennungsprozess aus dem Wege zu gehen. Im Umkehrschluss würde dies ja bedeuten, dass es ohne umstrittenen Namen schwierig oder gar unmöglich wäre, sich dem Thema zu nähern.
Welche Kriterien sollte ein Schulname erfüllen?
Gemser: Wahrscheinlich muss nicht wirklich jede mit einem NSDAP-Mitglied versehene Schule umbenannt werden. In Sachsen stieß ich zum Beispiel auf einen Maler und einen Schriftsteller, völlig mittellos, welche bei der Partei um finanzielle Hilfe baten. Denen kann man konkret nichts vorwerfen. Sicherlich hätte es aber auch hier andere Möglichkeiten gegeben hätte. An Opfern oder Verfolgten aus dieser Zeit mangelt es nicht.
"Man muss sich jeden Lebensweg genau ansehen"
Man muss also differenzieren und sich jeden Lebensweg genau ansehen. Die Anzahl der in Sachsen verwendeten Parteimitglieder, also acht, ist aber dann sehr erschreckend, wenn man sie neben die Anzahl der berücksichtigten Holocaustopfer, das sind zwei, setzt.
Namensgebungen rückgängig zu machen ist immer sehr schwierig. Einfacher ist es hingegen, vorab genau abzuwägen, wen man den Schülern als Vorbild vorsetzt. Grundsätzlich sollten Schüler und Schulen – bezogen auf den Zeitraum – in eine Tradition des Widerstands oder mindestens der Abkehr vom Nationalsozialismus gestellt werden. Mir geht es dabei nicht nur darum, vorhandene Namen zu hinterfragen, sondern auch bisher nicht benannte Schulen zu einer Wahl in eben diese Richtung anzuregen.
Die Benennung nach Nationalsozialisten oder nationalsozialistischen Motiven betrifft auch Straßennamen. Wie weit ist dieses Thema wissenschaftlich erforscht?
Gemser: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß aber, dass es hier und da auch schon heftige Diskussionen gegeben hat. Schulen sehe ich aber in einer anderen Wertigkeit als Straßen oder auch Kasernen.
Gibt es schon Erkenntnisse zum Thema im Ruhrgebiet?
Gemser: Noch nichts, was schon zur Veröffentlichung bestimmt wäre.
Mit Geralf Gemser sprach Alexander Kruse.

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