Die Klimarat-Katastrophe
12.02.2010 | 17:59 Uhr 2010-02-12T17:59:00+0100
Essen. Eine Reihe von Pannen und Fehler haben die Glaubwürdigkeit des Weltklimarates ruiniert. Deshalb fordern Forscher eine grundlegende Reform des Rates - einige wollen sogar dessen Auflösung. Zu peinlich seien die Fehler im Bericht des Weltklimarates.
Gerade einmal zwei Jahre ist es her, seit der Weltklimarat (IPCC) gemeinsam mit dem früheren US-Vizepräsidenten Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt. Doch von dem Glanz der Auszeichnung ist derzeit nicht viel übrig. Nachdem in den vergangenen Wochen öffentlich geworden ist, dass der letzte Sachstandsbericht zum Klimawandel eine Reihe Pannen und Fehler beinhaltet, ist die Glaubwürdigkeit des UN-Gremiums ruiniert. Forscher fordern eine grundlegende Reform des Rates, einige sogar dessen Auflösung.
In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature“, einem der renommiertesten Wissenschaftsblätter überhaupt, legten nicht weniger als fünf Forscher dar, dass der Weltklimarat dringend einer Generalüberholung bedürfe. „Seine Struktur und seine Verfahren haben das Verfallsdatum überschritten“, schrieb etwa der britische Klimaforscher Mike Hulme von der Universität East Anglia.
„Rückschlag für Klimapolitik“
Auch Ottmar Edenhofer, der stellvertretende Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, sprach von „peinlichen Fehlern“ im IPCC-Bericht. „Es mindert unsere Glaubwürdigkeit und ist ein Rückschlag für die Klimapolitik“, sagte Edenhofer der „Frankfurter Rundschau“. Edenhofer leitet eine Arbeitsgruppe des Weltklimarats. Sie befasst sich mit den möglichen Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels.
Klartext redete Edenhofer in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Drei haarsträubende Fehler zählte der Ökonom auf, einer schlimmer als der andere. Da ist der Zahlendreher, durch den die Gletscher im Himalaya schon 2035 abgeschmolzen sein könnten. 2350 hätte es heißen müssen. Doch selbst für diese Prognose gibt es offenbar keine wissenschaftliche Grundlage. Zweitens die Angabe, die Niederlande lägen zu 55 Prozent unter dem Meeresspiegel. Tatsächlich sind es aber 26 Prozent.
Drittens der wohl gravierendste Patzer: Die Warnung des IPCC, dass bis 2020 die landwirtschaftlichen Erträge in einigen afrikanischen Ländern um „bis zu 50 Prozent sinken“ könnten. Wissenschaftlich haltbar ist diese Aussage offenbar nur für die drei nordafrikanischen Länder Algerien, Marokko und Tunesien. Dennoch schaffte es die dramatische Prognose in die „Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger“. Dieser Text enthält die Kernaussagen des mehrbändigen IPCC-Berichts, der insgesamt viele tausend Seiten umfasst. Die Essenz daraus ist quasi eine Tischvorlage für die UN-Klimakonferenzen. Der deutsche Forscher Hans von Storch nennt es Schlampigkeit: „Die Tatsache, dass hier als Wissenschaft verkauft wurde, was niemals als Wissenschaft produziert wurde, ist der eigentliche Skandal.“
Keine Ersatzpolitiker
Wegen eines Zahlendrehers müsse IPCC-Chef Rajendra Pachauri nicht zurücktreten, sagt Edenhofer. Doch müsse es künftig eine strikte Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik geben: „Wissenschaftler sind keine Ersatzpolitiker. Wir machen politikrelevante Forschung, aber wir machen keine Politik“, mahnt er. „Weder die Öffentlichkeit noch die Politiker wollen Rat von Experten, die im Verdacht stehen, eigene politische Zwecke zu verfolgen oder deren wissenschaftliche Qualifikation zweifelhaft ist.“
Edenhofer glaubt dennoch, dass der IPCC gestärkt aus der Krise hervorgehen kann. Die Fehler änderten nichts an den Grundaussagen des Berichts. Der Rat sei für Politik und Forschung unverzichtbar. Ein unabhängiges Gremium solle nun die Arbeit des Klimarates auf den Prüfstand stellen.

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